Alles, was sie für ihr Kind noch tun kann
Klärt über die Hintergründer der Femizide auf: Isabels Mutter Reyna de la Torre, Ciudad Juárez, April 2025
© Carolina Rosas Heimpel
Der Mord an der mexikanischen Künstlerin und Aktivistin Isabel Cabanillas machte 2020 weltweit Schlagzeilen. Doch bis heute gibt es in diesem Fall keine Gerechtigkeit. Ihre Mutter Reyna de la Torre kämpft gegen die Straflosigkeit.
Aus Ciudad Juárez von Kathrin Zeiske (Text) und Carolina Rosas Heimpel (Fotos)
"Meine Tochter kann sich nicht mehr wehren, aber ich verteidige sie mit Zähnen und Klauen", sagt Reyna de la Torre. Ganz in Schwarz gekleidet sitzt sie da und wirkt zugleich stark und verletzlich. Ihre Tochter Isabel Cabanillas wurde im Januar 2020 ermordet. Sie war eine junge Künstlerin, Mutter und Feministin. Sie setzte sich aktiv ein gegen all die Frauenmorde, die seit drei Jahrzehnten gehäuft in der mexikanischen Grenzmetropole Ciudad Juárez verübt werden.
Fünf Jahre nach Isabels Tod und 30 Jahre nach Beginn einer beispiellosen Serie an Femiziden in der Stadt kämpft ihre Mutter gegen Institutionen, die ermordete Mädchen und Frauen einmal mehr zu Opfern machen, statt über die Taten und ihre Hintergründe aufzuklären. Zwar haben die Kämpfe von Müttern verschleppter und ermordeter Frauen nach Jahrzehnten erreicht, dass es heute in der Stadt eine Sonderstaatsanwaltschaft gegen Gewalt an Frauen gibt. Doch Reyna de la Torre sieht in der Behörde keine Verbündete. Bereits am Tag nach dem Mord, als Isabels Freundeskreis eine Demonstration veranstalte, wurden die Eltern der Ermordeten festgehalten. "Gegen meinen Mann und mich wurde ermittelt", erzählt de la Torre. "Wieso sollten wir unserem Kind etwas antun?"
"Wichtige Spuren außer Acht gelassen"
Die Akten zum Fall ihrer Tochter gingen durch die Hände mehrerer Staatsanwält*innen. Doch nur eine einzige Ermittlungsspur wurde verfolgt: Isabel habe mit Drogen gehandelt. "Ich fordere, dass sie endlich ihre Arbeit machen", sagt de la Torre. "Sie haben bis heute keinen einzigen Beweis gefunden, der diese Behauptung stützt, lassen aber seit fünf Jahren wichtige Spuren außer Acht."
Isabel Cabanillas verkaufte künstlerisch gestaltete Blumentöpfe, Jeansjacken und Shirts auf Vintagemärkten im Stadtzentrum. Fotos zeigen sie stets mit einem strahlenden Lächeln, ihre Pagenfrisur war oft lila, rosa oder blau gefärbt. Wenn es anzupacken galt, war sie mit dabei, etwa beim Ausbau einer Ruine zu einem Kulturzentrum. Am Wochenende genoss sie das Nachtleben der Grenzstadt. Auch an jenem Samstagabend, bevor sie umgebracht wurde. Trotz winterlicher Kälte fuhr sie Fahrrad. Ein Auto stoppte sie, Schüsse in die Brust und in den Kopf töteten sie.
Verkaufte selbst gestaltete Shirts: Isabel Cabanillas, Ciudad Juárez, Januar 2019
© Carolina Rosas Heimpel
Isabels Fall ging um die Welt. Sie hatte geplant, als Künstlerin eine Zeit lang nach Berlin zu gehen. Sie kannte eine mexikanische Kuratorin in Deutschland, die sie unterstützen wollte. Augen und Sonnenblumen waren wiederkehrende Motive in ihren Arbeiten. "Ihr Traum wurde zerstört", erzählt ihre Mutter. Sie ließ sich ein Auge Isabels unter das Schlüsselbein tätowieren, das Motiv stammt von einem Foto. Sonnenblumen aus Plastik schmücken ein rosa Fahrrad, das Freundinnen an einen Laternenpfahl gehängt haben – dort, wo Isabel ermordet wurde.
Der Straßenzug liegt hinter einem mit Schilf bewachsenen Bach, der durch das Stadtzentrum fließt. Abends wirkt alles menschenleer. Eine alte Markthalle zwei Straßen weiter zieht nur sonntags Tourist*innen aus den USA an, die dort mexikanische Souvenirs kaufen. Niemand hat den Mord an Isabel beobachtet, aber es gibt ein Video. Es stammt aus der Überwachungskamera einer staatlichen Einrichtung, die sich auf der gegenüberliegenden Straßenseite befindet. Doch das Video wurde bis heute nicht ausgewertet, obwohl der Täter und sein Auto zu sehen sind. "Wir mussten uns die Aufnahmen in den Räumen der Staatsanwaltschaft anschauen", erzählt de la Torre. "Mein Mann sagte, dann fahnden sie doch nach dem Auto. Die Ermittler meinten, das erkenne man nicht. Mein Mann sagte, ich sehe, dass es ein Nissan ist, wenn sie einen Händler fragen, wird er ihnen auch das Herstellungsjahr sagen können." Nichts passierte. Stattdessen durchleuchtete die Behörde Isabels Freundeskreis und veröffentlichte die Daten auf einer nationalen Ermittlungsplattform.
Mahnwache unter Polizeischutz
Dies diente wohl dazu, "Isabels politische sowie die feministische Szene auszuspionieren", sagt Eloisa Arenas, eine Freundin Isabels. Isabel, Eloisa Arenas und deren Partnerin Susana Villalobos waren aktiv in der Nichtregierungsorganisation Runder Tisch der Frauen von Ciudad Juárez, die schon lange die Mütter von Ermordeten unterstützt. Nach Feierabend ging ihr Engagement in einem ökofeministischen Kollektiv weiter, das auch gegen ein Minenprojekt protestierte. Nach dem Mord an Isabel zerbrach das Kollektiv.
Nun kämpfen Eloisa Arenas und Susana Villalobos an der Seite von Reyna de la Torre um Aufklärung. "Oft habe ich das Gefühl, nicht genug zu tun", sagt Villalobos. Sie organisieren Gedenkmärsche und Mahnwachen, schreiben Politiker*innen an und stellen suspekte Gestalten zur Rede, die bei öffentlichen Veranstaltungen auftauchen. Im Januar 2025, bei der Mahnwache an Isabels Todestag, erhielt Reyna de la Torre deshalb Polizeischutz. Den Rest des Jahres ist sie auf sich gestellt.
Die lange Liste von Müttern, die ebenfalls ermordet wurden, weil sie sich nicht zum Schweigen bringen lassen wollten, zeigt, dass die Gefahr groß ist. Der bekannteste Fall ist der von Marisela Escobedo, die im Jahr 2010 vor dem Justizpalast der Landeshauptstadt Chihuahua ermordet wurde, als sie Gerechtigkeit für ihre Tochter Rubi Frayre forderte. "Mein Mann sagt mir immer wieder, hör auf, sie werden dich auch noch töten", erzählt de la Torre. Aber sie könne nicht aufhören.
Sie steht vor einem überlebensgroßen Wandgemälde ihrer Tochter. Hinter ihr führt eine Straße ins Zentrum der Stadt, Busse, Autos und Pickups hupen an einer roten Ampel. Unzählige Laternenpfähle sind mit schwarzen Kreuzen auf rosa Grund gekennzeichnet, Protestsymbole, die Mütter schon seit Anfang der 1990er Jahre gegen die Straflosigkeit aufmalen.
In den vergangenen 30 Jahren habe sich zwar einiges getan, sagt Edith Olivares Ferreto, die Generalsekretärin von Amnesty International in Mexiko. "Die mexikanische Präsidentin Claudia Sheinbaum hat den Kampf gegen Gewalt an Frauen erstmals zu einem Schwerpunkt der Regierungspolitik gemacht." Doch Frauen könnten immer noch nicht frei, sicher und ohne Angst leben. "Die Femizide sind eine nationale Tragödie." Trotz fortschrittlicher Gesetze und neugeschaffener Institutionen sei es nötig, am 8. März auf die Straße zu gehen. Und so demonstrierten in Mexiko in diesem Jahr am Internationalen Frauentag 200.000 Menschen.
Kathrin Zeiske ist freie Journalistin, sie berichtet aus Mexiko und Mittelamerika. Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung von Amnesty International wieder.
HINTERGRUND
In Ciudad Juárez wurde der Begriff Feminizid erstmals verwendet. Er bezeichnete zuerst eine aus Hass begangene Mordserie gegen Fabrikarbeiterinnen in der Grenzstadt. Hunderte Frauen wurden in den 1990er und 2000er Jahren ermordet. Der Interamerikanische Gerichtshof für Menschenrechte verurteilte Mexiko 2009 wegen der Vereitelung der Aufklärung von Femiziden – ein Verdienst der Mütter, die selbst zu Detektivinnen wurden, weil Polizei und Staatsanwaltschaft nicht handelten. Femizid bedeutet Tötung von Frauen, weil sie Frauen sind. Von Feminiziden spricht man, um die strukturelle und institutionelle Gewalt hinter diesen Verbrechen hervorzuheben. Frauenmorde geschehen weltweit vor dem Hintergrund von patriarchaler Macht, häuslicher Gewalt und einer ausbleibenden Strafverfolgung.