Amnesty Journal Kenia 26. März 2019

"Menschenrechte sind das beste Mittel gegen Terrorismus"

Ein Mann mit grauem Shirt steht vor einer weiß-gelben Wand und lächelt in die Kamera.

Der 53-jährige Historiker Irũngũ Houghton ist Direktor von Amnesty ­in Kenia. Zuvor arbeitete er für die Society for International Development und die Entwicklungshilfeorganisation Oxfam. 

Irũngũ Houghton ist seit 2018 Direktor von Amnesty ­International in Kenia. Im Interview spricht er über Terrorismus, Korruption und Herausforderungen bei der Menschenrechtsarbeit.

Interview: Hannah El-Hitami

2018 landete Kenia auf dem Korruptionsindex von Transparency International auf Platz 144 von 180 Staaten. Was bedeutet das für die Arbeit von Amnesty in Kenia?

Korruption ist eine der Hauptursachen für Menschenrechtsverletzungen. Vor allem sozioökonomische Rechte, z. B. auf Bildung, Gesundheit oder Wasser, sind in Gefahr, weil Gelder von öffentlichen Institutionen unkontrolliert in private Hände gelangen. Außerdem hat Korruption Auswirkungen auf die Geisteshaltung von Menschen: Wenn in einer Gesellschaft alle ständig versuchen, einen Vorteil für sich herauszuschlagen, ist es sehr schwierig, sich auf gemeinsame Werte zu einigen. Das Gute ist aber, dass es in Kenia nicht nur Korruption gibt, sondern auch viele Whistleblower. Zurzeit sind 8.000 Fälle vor Gericht, in denen es um Korruption und wirtschaftliche Straftaten geht. 

Lassen sich die Interessen von Wirtschaft und Menschenrechtlern vereinen?

Historisch sind sie ja eher Gegenspieler. Doch als wir im Sommer 2018 eine Reihe von Führungskräften aus den Bereichen Finanzen, Immobilien und Technologie fragten, wo sie Übereinstimmung sehen, antworteten sie ohne zu zögern: Unternehmen brauchen gebildete, zufriedene Menschen, um ihren Geschäften nachgehen zu können. Außerdem brauchen sie integre Menschen, die ihren Arbeitgeber nicht bei der erstbesten Gelegenheit bestehlen. Kenianische Firmen verlassen sich darauf, dass Menschenrechtsorganisationen moralische Werte verteidigen. An vielen Punkten sind wir uns also einig. Wenn Unternehmen aber ihr Personal nicht ausreichend bezahlen und schlechten Arbeitsbedingungen aussetzen, dürfen wir keine Kompromisse eingehen.

Einer der Hauptarbeitsbereiche von Amnesty in Kenia ist die Menschenrechtsbildung. 

Wir haben bereits in dreißig Schulen Menschenrechts-AGs aufgebaut. Wir versuchen, einen monatlichen Kalender aufzustellen, der jungen Menschen das ganze Jahr über ermöglicht, etwas über Menschenrechte zu lernen, zum Beispiel durch Essay-Wettbewerbe oder kreative Festivals. Sie sollen aber auch direkt in ihren Schulen aktiv werden. Kürzlich habe ich eine Schule besucht, in der sich Jugendliche dafür einsetzten, dass die Angestellten der Kantine Arbeitskleidung bekommen, anstatt in ihrer privaten Kleidung das Essen zubereiten zu müssen. 

In Kenia kommt es immer wieder zu Anschlägen der Al-Shabaab-Miliz. Die Islamisten griffen unter anderem 2015 die Hochschule von Garissa an und im Januar ein Luxushotel in Nairobi. Wie wirkt sich das auf die menschenrechtliche Situation im Land aus?

Terroristische Angriffe zerstören immer wieder das Recht auf Versammlungsfreiheit, Meinungsfreiheit und Bildung. Doch leider schränkt die Regierung als Reaktion darauf Verfassungsrechte ein. Wir hingegen sehen die Menschenrechte und die Verfassung als bestes Mittel gegen den Terrorismus. So betrachten wir z. B. den Plan der Regierung, eine DNA-Datenbank anzulegen und mit GPS-Daten zu verknüpfen, mit großer Sorge.

Gibt es dennoch Grund zu Optimismus?

Ja, denn nach jeder außergerichtlichen Hinrichtung gibt es Menschen, die dagegen protestieren und Gerechtigkeit einfordern. Jedes Zuhause, das von den Behörden rechtswidrig zerstört wurde, hat Menschen veranlasst, es wieder aufzubauen und vor Gericht zu ziehen. Ich sage den Schülerinnen und Schülern immer, dass selbst die größten Menschenrechtsikonen ganz gewöhnliche Menschen waren. Nur die Umstände brachten sie dazu, etwas Außergewöhnliches zu tun. Unsere Aufgabe als Amnesty ist es, ihnen dafür das Werkzeug an die Hand zu geben.

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