Amnesty Journal Kambodscha 28. August 2019

Der Multimediamönch

Ein Mann mit kurzgeschorenen Haaren fotografiert aus einer Hütte heraus.

 Luon Sovath im Januar 2018 in Phnom Penh.  

Luon Sovath reist durch Kambodscha, um die Armen vor der Willkür der Regierung zu schützen – mit modernsten technischen Mitteln.

Aus Phnom Penh Marius Münstermann

Bis zuletzt verrät Luon Sovath nicht, wo er sich aufhält. Zwanzig Minuten vor dem ersten Treffen rufen wir ihn an. Wie vereinbart reichen wir das Handy dem TukTuk-Fahrer, damit Sovath ihm Anweisungen geben und ihn durch das Straßengewirr von Phnom Penh zum Treffpunkt lotsen kann. Wer weiß, ob der Geheimdienst sein Handy abhört, sagt er später. Schließlich verfolgten ihn Polizisten noch vor Kurzem auf Schritt und Tritt bei jedem seiner vielen Termine.

Doch Luon Sovath versteckt sich deshalb nicht. In seiner leuchtend safranfarbenen Robe sehen wir ihn schon von Weitem auf dem Rücksitz eines Mopeds durch den dichten Verkehr heranrollen. Er schwingt sich vom Moped, grüßt freundlich und bittet durch das goldene Tor des Ounalom-Tempels in einen schattigen Winkel zwischen den Pagoden. Er hätte uns gern in seiner alten Stube empfangen, sagt er, in der er als Mönch fast zwanzig Jahre gewohnt hat. Doch ist er im Tempel nur noch Gast, seit ihn das Ministerium für religiöse Angelegenheiten von der Polizei abführen ließ. Seitdem kommt er nur noch gelegentlich vorbei, um seine alten Weggefährten zu treffen.

Die meiste Zeit reist Luon Sovath durchs Land, um sich in seiner ehrwürdigen Position als Mönch schützend vor die Armen zu stellen und die Verbrechen der Regierung zu dokumentieren. Sein Widerstand ist gewaltlos. Sovath filmt Angriffe auf Schutzlose, und seine Aufnahmen bezeugen, wie die Regierung die Rechte der Menschen mit Füßen tritt.

"Ich bin mit dem Krieg groß geworden", sagt Sovath, der in einem Flüchtlingscamp aufwuchs. Einer seiner Brüder und ein Cousin waren im Kampf gegen Pol Pot und sein Terrorregime gefallen. 1979, als die Schreckensherrschaft der Roten Khmer endete, wurde er wie viele andere Söhne armer Bauernfamilien als Mönch in einen Tempel geschickt. Zwölf Jahre alt war er damals. "In der Armee lernt man nur den Umgang mit der Waffe, im Tempel hingegen lernt man echtes Wissen", sagt Sovath, der später an der Universität Philosophie studierte.

Die Schreckensherrschaft der Roten Khmer, die Kambodscha in einen Bauernstaat verwandelten und Intellektuelle ermordeten, zerstörte das Eigentumsrecht. Bis heute kann kaum ein Bauer eine Eigentumsurkunde vorweisen, Hunderttausende Vertriebene suchten sich im ganzen Land einen neuen Platz.

Sovath lächelt viel, selbst wenn er von Gewalt und den Auswüchsen eines durch und durch korrupten Regimes erzählt. Die Regierung hat fast die Hälfte der Landesfläche an Investoren zu Spottpreisen verpachtet, mit einer Laufzeit von 99 Jahren. Armensiedlungen müssen protzigen neuen Immobilien weichen, die Reisfelder der Kleinbauern riesigen Plantagen. Und die Wälder werden wegen ihres wertvollen Tropenholzes gerodet. Bis zu einer halben Million Kambodschaner wurden in den vergangenen zehn Jahren von ihrem Land vertrieben.

Auch Sovaths Familie und die gesamte Nachbarschaft sollten 2009 einem Bauprojekt Platz machen. Ohne Vorankündigung zwangen Polizei und Armee die Bewohner mit Waffengewalt im Anschlag aus ihren Häusern, bevor die Bulldozer alles plattwalzten. Wer sich wehrte, wurde erschossen, schwer verletzt oder festgenommen. Dieser Moment machte aus dem einfachen Mönch Luon Sovath den politischen Aktivisten. Heute ist er einer der wichtigsten Menschenrechtskämpfer Kambodschas.

Alles begann mit einer kleinen Handkamera. Luon Sovath dokumentierte, wie Polizisten Dorfbewohner erniedrigten und verletzten. Anfangs verteilte er DVDs mit dem Beweismaterial in der Bevölkerung, um die Verbrechen öffentlich zu machen. Die Polizei konfiszierte die Datenträger, es folgten Razzien im Tempel. Doch Sovath lernte schnell.

Aus der tief in seine Robe eingenähten Tasche fischt er vier riesige Handys, die er sorgfältig auf dem Tisch vor sich ablegt. Bei Protesten tauscht der 59-Jährige seine goldgerahmte Brille gegen ein Gestell, in dem eine kleine Kamera versteckt ist. Die Aufnahmen sichert er mehrfach, falls eine der Speicherkarten von der Polizei gelöscht wird. Er bringt anderen, vor allem jungen Kambodschanern bei, ihr Handy ebenfalls zur Beweissicherung in die Hand zu nehmen.

Inzwischen schneidet er seine Aufnahmen direkt auf dem Handy, die fertigen Filme lädt er bei YouTube hoch, verbreitet sie über Facebook und Twitter an Zehntausende Abonnenten. Den Multimedia-Mönch nennen sie ihn deshalb. "Die Regierung kontrolliert die großen Medien, aber sie hat Angst vor unseren kleinen Medien", sagt Sovath. Bei Protesten gehe die Polizei deshalb zuerst auf ihn und seine Mitstreiter los. "Damit es keine Beweisbilder gibt, versuchen sie zuerst, uns die Handys aus der Hand zu schlagen – dann erst schlagen sie die Demonstrierenden."

Im vergangenen Jahr schaltete die Regierung die einzige nennenswerte Oppositionspartei aus und machte mit der Cambodia Daily unter fadenscheinigen Gründen die letzte unabhängige Zeitung des Landes dicht. Kritische Stimmen verstummen im Gefängnis oder flüchten ins Exil. Anders als noch vor zwei Jahren, als Tausende in den Straßen Phnom Penhs gegen die Willkür der Regierung protestierten, kommt es heute nicht mehr zu großen Demonstrationen. "Die Mehrheit ist eingeschüchtert", klagt Sovath.

Hat er selbst keine Angst? Sovath beantwortet die Frage nicht mit Nein. Er sagt, er tue das Richtige, im Einklang sowohl mit dem Gesetz des Staates, dessen Regierung er bekämpft, als auch mit den Lehren des Buddhismus. "Buddha war der erste Menschenrechtsaktivist", sagt Sovath und lacht.

Das Ministerium für religiöse Angelegenheiten hingegen ist der Ansicht, die Mönche hätten sich aus dem sozialen und politischen Leben rauszuhalten. Und die Staatsanwaltschaft ermittelte gegen Sovath wegen Aufrufs zu schweren Straftaten, weil er die Landlosen auf Demonstrationen gegen die Regierung anführte. Dabei verliefen die Proteste friedlich, erst die Polizei vertrieb die Menge mit Gummigeschossen und Schlägen. Sovath erschien in einer Traube von Anhängern vor Gericht. Er wurde freigesprochen. "Aber niemand weiß, was morgen ist", sagt er.

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