Amnesty Journal Jemen 01. Februar 2019

Bilder in Trümmern

In einem Graffito auf einem verrosten Rohr ist ein kleines Mädchen in einem Kleid zu sehen, das mit einer Gießkanne eine Blume gießt, die aus einer Granate wächst.

"Mortar Rose". Sanaa, Dezember 2015.

Murad Subay macht Krieg und Unterdrückung im Jemen zum Thema seiner Streetart-Aktionen. Cornelia Wegerhoff traf ihn in Kairo.

Die Ruine befindet sich in der 60. Straße in Jemens Hauptstadt Sanaa: Trümmer und die Überreste einer Hauswand, an einer Ecke schwarz verkohlt, weil jemand davor einen Müllhaufen in Brand gesetzt hat. "Das ist aber keine Kriegsruine", stellt Murad Subay klar, als er das Foto auf seinem Laptop zeigt. "Da wurden aus anderen Gründen Häuser abgerissen." Der 31-Jährige möchte nicht, dass die Szenerie falsch gedeutet wird, womöglich "zu pathetisch", wie er sagt. Die Lage in seiner Heimat sei dramatisch genug. "Ich male oft auf Ruinen. Sie sind für mich ein Symbol für die kaputten Seelen der Jemeniten." Und die seien Fakt.

Murad Subay hat die halb eingerissene Mauer in ein Kunstwerk verwandelt. Jetzt blickt ein ausgemergelter Mann auf die Passanten. Er sitzt auf einem TNT-Fass wie auf einem normalen Hocker. Seine Augen sind tief eingefallen, nur noch schwarze Löcher. Das Haar gleicht einem abgebrannten Wald. Die trostlose Gestalt spielt Oud, die orientalische Laute. Aber die Saiten sind fast alle zerrissen, und auch dem Musiker fehlen Gliedmaßen. Seine Griffhand zeigt dafür den ausgestreckten Mittelfinger. "Fuck war", heißt das Wandgemälde. Murad Subay entschuldigt sich für diese Ausdrucksweise. Aber das sei nun mal die beste Beschreibung dessen, was ihm und seinen Landsleuten im Jemen durch den Kopf gehe. "Wissen Sie, wir sind müde", sagt der Künstler.

Seit März 2015 kämpft eine von Saudi-Arabien geführte ­Militärallianz an der Seite der jemenitischen Regierung gegen die aufständischen Huthi-Rebellen. Unter dem Kommando von Riad kamen im Bombenhagel aber nicht nur feindliche Kämpfer ums Leben, sondern oft genug auch Unschuldige: Von mehr als 10.000 Toten gehen die Vereinten Nationen aus. "Save the Children" berichtet, dass seit 2015 mindestens 85.000 Kinder im ­Jemen verhungert sind. Und es breiten sich immer wieder ­Epidemien aus: Cholera, Diphterie, Masern.

An einer Häuserwand in der Hafenstadt Hodeida hat Subay das bittere Zahlenwerk anschaulich gemacht. "Trilogie von Krieg, Hunger und Krankheit" heißt das Wandgemälde, das dreimal denselben Mann mit hohlem Blick vor verschiedenfarbigen Hintergründen zeigt. Die Botschaft ist eindeutig: Ganz gleich, wodurch man im Jemen ums Leben kommt, der Tod zeigt sich immer auf die gleiche Weise.

Murad Subay, 1987 in Dhamar, im zentralen Hochland des ­Jemens geboren, ist mit Konflikt und Krieg aufgewachsen. 1994, kurz vor Beginn des Bürgerkriegs zwischen Huthi-Rebellen und der Regierung des damaligen Präsidenten Ali Abdullah Saleh, zog er mit den Eltern und seinen sechs Geschwistern nach Sanaa. Dort studierte er nach Ende der Schulzeit englische Literatur, begann aber schon als Jugendlicher zu malen. Seine Familie habe ihn immer ermutigt, erzählt er dankbar. Seine ersten politischen Erfahrungen sammelte er bei den Studentenprotesten 2008. Die Sicherheitsleute auf dem Campus der Universität wollten ihm damals die langen lockigen Haare abschneiden. Er trägt sie heute noch so und lacht bitter: "Damals fingen wir an zu lernen, nein zu sagen, auch gegen die vielen großen Ungerechtigkeiten in unserem Land."

Als die arabischen Aufstände 2011 auch Sanaa ergriffen, ging Subay mit auf die Straße. Ein Jahr später tauschte er dann zum ersten Mal die Leinwand gegen Straßenmauern. "Colour the walls of your street" lautete das Motto seiner ersten Kampagne. Dabei ermutigte Subay vor allem junge Jemeniten dazu, die Mauern in ihren Vierteln, die bei Kämpfen beschädigt worden waren, mit bunten Farben zu verschönern.

Ebenfalls im Jahr 2012 startete er die Kunstaktion "The walls remember their faces". Zusammen mit Angehörigen malte er Schwarzweißporträts von mehr als hundert Vermissten an Wände. "Als die Familien mit mir auf die Straße gingen, um ihre ­verschwundenen Väter, Brüder, Söhne zu malen, kamen sie mit den Passanten ins Gespräch." Bis dahin war das Schicksal ihrer Verwandten totgeschwiegen worden. Über sieben Monate war Subay für die Aktion in Sanaa, Aden, Taiz und Hodeida unterwegs. Nicht selten wurden die Vermisstenbilder über Nacht übertüncht. "Und dann ging die Sache einen Schritt weiter", ­berichtet Subay nicht ohne Stolz: "Die Familien gingen zurück und malten die Bilder neu, manche bis zu zehnmal!"

Unbeeindruckt von Krieg und politischer Gängelung arbeitete auch Subay weiter. Manchmal ist die Direktheit seiner Werke kaum zu ertragen – so das Bild des Ungeborenen, das aber nicht im Mutterleib daliegt, sondern in einem roten Sarg, weil sein Schicksal schon vor der Geburt besiegelt ist. Auf anderen Bildern träumt ein Kindersoldat vom Fußballspielen, oder ein kleines Mädchen gießt eine Rose, die aus einem Granatwerfer entspringt. Insbesondere diese vordergründig pittoresken Motive ähneln denen von Banksy, dem britischen Streetart-Künstler, mit dem Subay immer wieder verglichen wird. Er lächelt, wenn er darauf angesprochen wird. "Banksy ist ein großartiger Künstler. Ich freue mich, dass es heißt, meine Werke würden seinen ähneln." Aber die Art, wie sie arbeiteten, sei doch sehr verschieden. Er selbst male gerne mit Menschen zusammen. Oft bringt er den Anwohnern der Viertel, in denen er malt, deshalb Farbe und Pinsel mit. Und vielleicht seien Zuschauer und Mitwirkende für ihn auf der Straße sogar ein Schutz.

"Faces of War", heißt Subays jüngste Streetart-Serie, mit der er sich aber nicht auf die Seite einer Kriegspartei stellen wolle, wie er betont. "Kunst ist nicht für oder gegen etwas. Sie soll nur darstellen, wie sehr alle Beteiligten unter dem Krieg leiden", sagt Subay betont diplomatisch, ehe es aus ihm herausbricht: "Die einen haben die Hauptstadt besetzt. Die anderen kommen mit Flugzeugen und zerstören das Land. Ich bin jemand aus dem Volk. Zu dem halte ich und sonst zu niemandem." Doch solche Ansichten genügen, um sich im Jemen in Gefahr zu begeben; manchmal reicht schon ein Facebook-Post aus, um ins Gefängnis zu kommen. Bereits zweimal wurde der Künstler festgenommen. Die meisten Menschen würden deshalb zu allem schweigen. Nicht seine Art, stellt Subay trotzig fest.

Und deshalb will er mit seinem Streetart-Projekt auf das ­Unrecht in seinem Land aufmerksam machen. Noch nimmt er eine Auszeit bei seinem Bruder in Kairo. Aber die nächsten ­Gemälde für die Wände im Jemen hat er schon im Kopf: "In ­Zeiten des Krieges ist die Kunst noch wichtiger als in Zeiten des Friedens."

www.muradsubay.com

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