Amnesty Journal Israel und besetzte Gebiete 01. November 2019

Auf dem fliegenden Teppich

Drei Frauen in exotischen Kleidern mit farbigen Sonnenbrillen vor einer bunten Wand.

Arabisch und jüdisch, weiblich und modern – das israelische Trio A-Wa steht für ein neues Selbstbewusstsein.  

A-Wa ist derzeit die Hip-Hop-Sensation in Israel. Die drei Schwestern jemenitischer Herkunft besingen auf ihrem neuen Album das Schicksal der aus den arabischen Staaten stammenden jüdischen Einwanderer.

Von Till Schmidt

A-Wa bedeutet "Ja!" – und so kann man das Gefühl zusammenfassen, das die gleichnamige Band bei ihrem Publikum auslöst: Jeder Song des israelischen Trios wird mit frenetischem Applaus bejubelt, knapp 200 Menschen tanzen schweißtreibend im Berliner Club Gretchen. Irgendwann holen die Musikerinnen von A-Wa einen queeren Hipster mit Fez und Goldschmuck auf die Bühne. Sein lasziver Bauchtanz hatte die Band derart beeindruckt, dass sie ihn dem Publikum nicht vorenthalten wollte. "Show and tell", könnte ein weiteres Motto von A-Wa lauten.

Innerhalb kurzer Zeit ist das Trio zu einer international gefeierten Sensation geworden. Allerdings dürften nur die Wenigsten ihre jemenitisch-arabischen Texte überhaupt verstehen. Ebenso wenig bekannt dürfte die kulturelle Tradition sein, aus der heraus A-Wa komponiert und performt. Und trotzdem ernten die drei Schwestern Tair, Liron und Tagel Haim enthusiastische Reaktionen, selbst in mit Israel verfeindeten arabischen Ländern. Vielleicht weil A-Was Musik und Auftreten für kreative Ermächtigung, die Vielfalt von Identitäten und das Einreißen von sozialen Grenzziehungen stehen.

Schon ihr Debut war ein Konzeptalbum mit politischen Dimensionen: Die zwölf Songs auf "Habib Galbi" (2015) basierten auf alten, marginalisierten Liedern jemenitisch-jüdischer Frauen. Der titelgebende Song "Habib Galbi" bedeutet "Liebe meines Herzens". Tair, Liron und Tagel Haim mischten das uralte Klagelied unter anderem mit Hip-Hop-Elementen und elektronischen Beats und machten es damit zu einem selbstbewussten, clubtauglichen Song. Der Startschuss für eine vielversprechende Karriere: A-Was Version wurde nicht nur weltbekannt, sondern auch zur ersten durchgängig arabischsprachigen Nummer Eins in den israelischen Charts.

Die Lieder und Melodien, auf die sich A-Wa beziehen, sind teils über Jahrhunderte tradiert. Mündlich, da die Frauen im Jemen in der Regel Analphabetinnen waren. Wegen ihres Ausschlusses aus der Öffentlichkeit führten sie ihre Songs unter sich und im privaten Rahmen auf, meist a cappella und nicht selten unter Einbezug von Kochtöpfen oder anderen Alltagsgegenständen. Erstmals aufgezeichnet wurde "Habib Galbi" in den 1960er Jahren von einem israelischen Sänger namens Shlomo Moga’av. Diese Aufnahme war den Haim-Schwestern vor einigen Jahren zufällig in die Hände gefallen – aus der Plattensammlung ihres Vaters bedienen sie sich seit Beginn ihres musikalischen Schaffens.

Wie der Vorgänger ist das neue Album von A-Wa im jüdischen Dialekt des jemenitischen Arabisch gesungen, eine mit dem Ladino oder Jiddischen vergleichbare, vom Aussterben bedrohte Sprache, mit der die Schwestern seit Kindheitstagen vertraut sind. "Wir sind in einem kleinen Dorf im Arava-Tal in der Wüste aufgewachsen, wo es kaum orientalische Juden gab. Bei unseren Großeltern in Gedera, im Zentrum des Landes, hingegen sind wir in ein 'Little Yemen' eingetaucht – dort haben wir die Sprache, die Gesänge und die Tänze kennengelernt", erzählt Tair Haim, die Frontsängerin der Band, die heute in Tel Aviv lebt.

Für ihr aktuelles Album "Bayti Fi Rasi" hat das Trio erstmals eigene Songtexte geschrieben. Inspiration hierfür fanden die drei Schwestern in der Biografie ihrer Urgroßmutter väterlicherseits, die 1949 zusammen mit etwa 49.000 jemenitischen Juden mit dem Flugtransport "Operation Fliegender Teppich" von Aden nach Israel gebracht wurde. Dort fand sie zwar Schutz vor den antisemitischen Pogromen und Anfeindungen in ihrem Herkunftsland, aber nicht das erhoffte Land voll Milch und Honig. "Gerade Rachels Anfangsjahre in Israel waren gekennzeichnet durch Armut, Perspektivlosigkeit und soziale Isolation", erklärt Tair Haim.

Die auf "Bayti Fi Rasi" zitierten Geschichten werden dezidiert aus der Perspektive von Frauen erzählt – wenn nicht gar aus dem Blickwinkel der Großmutter, die sich gegen ihre arrangierte Ehe auflehnte und deswegen als alleinerziehende Mutter nach Israel ging. "Rachel war eine mutige Frau, die in Israel neu beginnen musste", sagt Tair Haim. "Mit unserem Album wollen wir ihrer Stimme Gehör verschaffen", sagt die Sängerin. Anhand Rachels Biografie thematisiert das Album verschiedene ­Dimensionen und Formen des Sich-Heimisch-Fühlens. "Mein Zuhause ist mein Kopf" ("Bayti Fi Rasi"), soll die Urgroßmutter, die die drei Musikerinnen nur aus Familienerzählungen kennen, immer wieder erklärt haben.

Rachels Ankunft in Israel etwa verarbeiten A-Wa in "Hana Mash Hu Al Yaman" ("Hier ist nicht Jemen"). Das Leben in den würdelosen Zeltstädten für die Neueinwanderer sowie der Alltagsrassismus durch das aschkenasische, europäisch-jüdische Establishment sind die zentralen Themen dieses Songs. Der Liedtext und der Call-and-response-Gesang, die stilistisch gekonnt Rachels Erwartungen und Hoffnungen auf die harte Realität prallen lassen, orientieren sich an "America" aus Leonard Bernsteins "Westside Story". So sehr sich A-Wa auf ein orientalisch-jemenitisch kulturelles Erbe beziehen und spezifische, partikulare Erfahrungen zum Thema machen – ihr Musikstil ist modern, kosmopolitisch und transkulturell.

Dass A-Was Musik auch in arabischen Ländern wie Ägypten, Marokko oder dem Jemen so beliebt ist, erstaunt. Denn die Flucht und Vertreibung fast aller orientalischer Juden aus der Gesamtregion, auf die A-Wa durch ihre Biografie und Herkunft verweisen, ist vielerorts mit einem Tabu belegt. Zudem herrscht gegenüber dem Staat Israel und seinen Bürgern eine enorme Feindseligkeit. Die arabischen Fans scheinen sich davon jedoch nicht abhalten zu lassen. Gleichzeitig jedoch sei vielen Hörern überhaupt nicht bewusst, dass es sich bei den drei Schwestern um israelische Jüdinnen handelt, erzählt Haim. Auftreten können A-Wa in den meisten arabischen Ländern wegen des grundsätzlichen Einreiseverbots für Israelis ohnehin nicht.

Musikalisch klingt "Bayti Fi Rasi" unverwechselbar nach A-Wa: vielschichtig und auf den Punkt produziert. Häufiger verwendet das Trio neuerdings eine dominante Perkussion sowie einen dumpfen, flächigen Bass. Dazu kommen hymnenhafte Gesangsparts. Gut, dass die Songtexte im Booklet in englischer Übersetzung zu finden sind. Um ihre Geschichten zugänglicher zu machen, sind die neuesten Videos von A-Wa zudem mit eng­lischen Untertiteln versehen.

In Israel, wo die arabischstämmigen Juden, die Misrachim, noch immer einen schwereren Stand haben als die Nachfahren europäischer Juden, ist A-Wa ebenfalls sehr erfolgreich. Einen kurzen Auftritt hatte die Band sogar bei den offiziellen Festlichkeiten zum diesjährigen Unabhängigkeitstag Jom Haazmaut. Diese Gelegenheit sei perfekt gewesen, um "den jemenitischen Vibe und den A-Wa-Spirit zu verbreiten", erzählt Haim. Das macht den drei Schwestern nicht nur sichtlich Spaß – sondern ist auch politischer als häufig angenommen.

A-Wa: Bayti Fi Rasi (S-Curve Records)

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