Gaza: Hamas muss außergerichtliche Hinrichtungen beenden und Verantwortliche zur Rechenschaft ziehen
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Amnesty International fordert von der Hamas sowie von den von ihr kontrollierten Behörden und mit ihr verbündeten Gruppierungen, unverzüglich jegliche außergerichtlichen Hinrichtungen von Menschen in Gaza zu unterlassen. Anlass ist, dass die Al-Qassam-Brigaden, der militärische Flügel der Hamas, im Juli 2026 öffentlich verkündet haben, einen Mann, der der Spionage für Israel bezichtigt wurde, vorsätzlich und ohne rechtsstaatliches Verfahren hingerichtet zu haben. Zudem soll ein weiterer "Informant" in Kürze exekutiert werden. Amnesty International hat weitere Fälle von außergerichtlichen Hinrichtungen dokumentiert.
Julia Duchrow, Generalsekretärin von Amnesty International in Deutschland, kritisiert die Hamas: "Die Tötungen, Menschenrechtsverstöße und Gräueltaten der Hamas müssen ein Ende haben. Alle Personen, die für die Anordnung und Durchführung von Menschenrechtsverstößen verantwortlich sind, müssen zur Rechenschaft gezogen werden. Die neue politische Führung der Hamas muss der langjährigen Straflosigkeit für Menschenrechtsverstöße ein Ende setzen und Maßnahmen ergreifen, um Wahrheit und Gerechtigkeit für die Opfer und deren Familien sicherzustellen."
Juli 2026: Öffentliche Hinrichtung in Gaza-Stadt
Nach der Hinrichtung im Juli 2026 wurden der vollständige Name und weitere Angaben zu dem Mann in den sozialen Medien verbreitet – zunächst von Konten, deren Betreibende der Hamas nahestehen –, wodurch seine Familie, auch die Kinder, einer großen Gefahr ausgesetzt wurde. Dies ist ein Phänomen, das als "Doxxing" bekannt ist. Dem Mann wurde vorgeworfen, israelischen Streitkräften den Aufenthaltsort hochrangiger Mitglieder der Al-Qassam-Brigaden, darunter deren Militärkommandant Ezziddine al-Haddad, mitgeteilt zu haben.
Überblick: Fälle von außergerichtlichen Hinrichtungen
Die Vereinten Nationen haben zwischen August 2024 und Jahresbeginn 2026 insgesamt 249 Fälle von außergerichtlichen Hinrichtungen und schwerer körperlicher Gewalt in Gaza dokumentiert. An mindestens 60 dieser Fälle waren der Hamas nahestehende Kräfte beteiligt.
Amnesty International hat neun Fälle von außergerichtlichen Hinrichtungen untersucht und dokumentiert, die unmittelbar nach der Verkündung der Waffenruhe zwischen Israel und Hamas im Oktober 2025 begangen wurden – darunter die Exekution von acht Angehörigen der Familie Dughmush in Gaza-Stadt – sowie die rechtswidrige Tötung von Hisham al-Saftawi im Flüchtlingslager Al-Bureij.
Keine Ermittlungen, keine Rechenschaft
Nach Kenntnis von Amnesty International wurde in den zurückliegenden drei Jahren gegen keine Personen ermittelt oder zur Rechenschaft gezogen, die an außergerichtlichen Hinrichtungen beteiligt gewesen sind. Die Hamas selbst verweist auf ein "Notstandsprinzip" und die Zerstörung von Justiz- und Sicherheitsinstitutionen durch israelische Streitkräfte sowie auf die Notwendigkeit, dem Chaos von "kriminellen Banden" entgegenzuwirken.
"Eine solche Argumentation darf niemals als Vorwand dienen, um schwere Menschenrechtsverstöße zu begehen, Vergeltungsmaßnahmen durchzuführen oder ganze Familien kollektiv zu bestrafen", betont Julia Duchrow.
Hintergrund: Menschenrechtsverstöße seit 2007
Seit der Machtübernahme im Gazastreifen im Jahr 2007 haben die Behörden der Hamas keine mutmaßlichen Verstöße und Verfehlungen ihrer Mitglieder und bewaffneten Kräfte unabhängig untersucht. Bis zum Beginn von Israels Völkermord verhängten und vollstreckten Gerichte in Gaza unter der Herrschaft der Hamas Todesurteile für Straftaten wie Mord, Kollaboration und Landesverrat, oft nach äußerst mangelhaften Gerichtsverfahren.
Nach dem Angriff der Hamas und weiterer bewaffneter palästinensischer Gruppen auf den Süden Israels am 7. Oktober 2023 hat Israel den Palästinenser*innen im Gazastreifen Lebensbedingungen auferlegt, die zum Zusammenbruch der bestehenden Strukturen, der öffentlichen Sicherheit und der Justiz, zur Zerstörung des sozialen Gefüges im Gazastreifen und zur Zunahme von Chaos und Gesetzlosigkeit beigetragen haben. Israelische Streitkräfte griffen traditionelle Strafverfolgungs- und Justizstrukturen an und nahmen offenbar Polizisten und Sicherheitskräfte ins Visier – während sie gleichzeitig lokale Milizen, die gegen die Hamas eingestellt sind, bewaffneten und unterstützten. Diese Milizen haben sich zudem an Übergriffen und Verstößen gegen das Völkerrecht beteiligt, darunter öffentliche Tötungen mutmaßlicher Hamas-Mitglieder im Stil von Exekutionen.
Während und im Anschluss an frühere israelische Offensiven im besetzten Gazastreifen griffen mit der Hamas verbündete Kräfte zudem wiederholt zu öffentlichen Standrechtsexekutionen mutmaßlicher Kollaborateure außerhalb jeglicher rechtlicher Rahmenbedingungen und unter völliger Straffreiheit, darunter auch in Fällen, die von Amnesty International während der Offensive von 2014 dokumentiert wurden.
Amnesty International hat über viele Jahre hinweg Verstöße der Hamas und ihrer verbündeten Gruppen dokumentiert, darunter außergerichtliche Hinrichtungen mutmaßlicher Kollaborateure, summarische Bestrafungen, Einschränkungen der Meinungsfreiheit sowie das harte Vorgehen gegen friedlichen Widerstand, unter anderem durch Drohungen, Doxxing und Einschüchterung sowie Folter und andere Misshandlungen.