Kinshasa: KinAct macht Kunst aus Abfall
Recyclingkunst: Die Kostüme dienen der Band mitunter auch als Instrumente.
© Kinact Art Mag
KinAct aus Kinshasa machen Kunst aus Abfall. Das Musikdebüt des Kollektivs spiegelt die Hektik und Energie seiner Heimatstadt wider.
Von Thomas Winkler
Was ist das – eine Altpapiersammlung auf zwei Beinen? Ein wandelnder Schrotthaufen? Ist die Müllabfuhr durchgedreht und glaubt jetzt, sie sei ein Kunstprojekt? Die Antwort ist ein ekstatisches, im Takt nickendes: Ja! KinAct macht Kunst aus Überresten. In der Musik und den Performances des Straßenkunstkollektivs aus Kinshasa finden der Zivilisationsmüll der Gegenwart und die achtlos abgelegten Traditionen der Vergangenheit zueinander – und daraus entsteht etwas Neues von so grotesker wie anrührender Schönheit.
Sound einer boomenden Metropole
KinAct steht für "Kinshasa in Action", und so heißt auch das Debütalbum der Gruppe aus der Hauptstadt der Demokratischen Republik Kongo. Darauf ist wilde Perkussion zu hören, die mal laut und protzig daherkommt und sich mal in feineren, polyrhythmischen Passagen verästelt. Dazwischen dringt mit Wucht immer wieder die Moderne ein: harsche Industrial-Klänge, der Sound einer belebten Straße, Metall knallt auf Metall, Maschinen heulen auf. Die Band packt den ganzen aufreibenden, hektischen, prallen Alltag ihrer Heimatstadt in ihre Musik. "Kinshasa in Action" ist das musikalische Porträt einer Stadt, die ihre Einwohnerzahl alle fünf Jahre verdoppelt. Eine Stadt zwischen belasteter Vergangenheit und unsicherer Zukunft, zwischen Aufbruch und Absturz, Chaos und Ordnung. All das ist – ganz ohne Texte – deutlich zu hören in dieser Musik, die zwar die Folgen der Konsumgesellschaft thematisiert und soziale Zustände anprangert, der es aber vor allem gelingt, uns in das vibrierende Leben einer boomenden Metropole hineinzukatapultieren.
Aus scheinbar wertlosem Abfall entsteht etwas Aufregendes.
© Kinact Artmag
2015 von Eddy Ekete und Aude Bertrand gegründet, begann KinAct als Performancetruppe auf den Straßen von Kinshasa, der mittlerweile wohl größten Stadt auf dem afrikanischen Kontinent. Die Instrumente und Kostüme werden aus alten Flaschen, Kleidung, Reifen, Verpackungsmaterial, Pappe, Draht und anderem Material gebastelt. Recyclingkunst, die von der Müllhalde stammt und sich dann ungefragt und aufdringlich an Straßenecken und Plätzen manifestiert. Diese Guerillataktik hat KinAct schließlich auf konventionelle Bühnen und in ein Aufnahmestudio geführt, ohne dass das Kollektiv dadurch zu einer konventionellen Band geworden wäre. Das Konzept erinnert an Die Einstürzenden Neubauten, die auf dem Schrottplatz, der Westberlin in den 80er Jahren war, den Rock’n’Roll in die Dekonstruktionspresse steckten. KinAct ist sehr viel tanzbarer und lebensbejahender, aber die Idee ist dieselbe: Aus scheinbar wertlosem Abfall entsteht etwas Aufregendes, aus toter Materie wächst neues Leben.
Die Kunst von KinAct ist eine bissige Kritik unserer Konsumgesellschaft – und lädt doch vor allem zum Tanzen ein und feiert nicht den drohenden Untergang, sondern das Leben.
Thomas Winkler ist freier Journalist. Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung von Amnesty International wieder.
WEITERE MUSIK- & FILMTIPPS
von Thomas WInkler
Christin Nichols geht es ganz gut. "Und ich fühl mich nicht mehr schlecht", singt sie auf ihrem neuen Album, "und darüber schreib ich Lieder". Das klingt nach einer Liedermacherin, die milde auf die Welt und ihr Leben blickt. Tatsächlich aber schlägt die Musikerin und Schauspielerin kämpferische Töne an. Schon ihre frühere Band Prada Meinhoff gab sich so plakativ, wie es der Name nahelegte. Die Musik bollerte zwischen Punklärm und Techno-Disco, die Texte neigten zum Slogan, im Song "Stress" proklamierte Nichols: "Jedem geht’s beschissen." Alleine entdeckt die 1991 geborene Berlinerin nun seit 2022 das Private, das bekanntlich auch politisch ist. Seitdem ist die Musik etwas ruhiger geworden, die Texte setzen auch auf ihrem dritten Soloalbum, das schlicht "Christin Nichols" betitelt ist, persönliche Erfahrungen ins Verhältnis zu den gesellschaftlichen Zuständen – und landen immer bei der feministischen Frage.
Laut Nichols reflektieren auch Liebesbeziehungen die herrschenden Machtverhältnisse, und Emotionen sind niemals nur Privatsache. So denkt der Song "Keine Depressionen" die geschlechtspolitische Dimension von mentaler Gesundheit mit. "Die Welt um mich herum geht in Flammen auf", stellt die Protagonistin des Lieds "Andere Frauen" fest und schießt ihren Gehaltsvorschuss mit der nächsten Botox-Spritze "in mein lachendes Gesicht". Der Song "Cheerleader" fragt, wie Gender-Stereotypen das Selbstwertgefühl untergraben. In "Bittere Pillen" wünscht sich Nichols statt roter Rosen "ein kleines bisschen Wahrheit". Und in "Noch wach" singt sie: "Ich gehöre keinem, niemand gehört mir." Was, oberflächlich betrachtet, von einer jungen Liebe handelt, lässt sich auch als Aufruf zum Umsturz verstehen. Der Soundtrack ist geprägt von eingängigen Melodien und selbstbewussten, nahezu breitbeinigen Gitarren, die Christin Nichols den Jungs ebenso aus der Hand nimmt wie die Deutungshoheit.
Christin Nichols: Christin Nichols (PIAS Recordings Germany)
von Jürgen Kiontke
Regisseurin Mahnaz Mohammadi hat sich zum Ziel gesetzt, die sogenannte weiße Folter, die in iranischen Gefängnissen praktiziert wird, für die Zuschauer*innen ihres Spielfilms "Roya" beinahe körperlich erfahrbar zu machen. Ihre Protagonistin sitzt in einer Zelle, die außer weißer Farbe keine Merkmale aufweist. Die Inhaftierte soll jegliches Zeit- und Raumgefühl verlieren. Wenn man sie zum Verhör abholt, wird sie blickdicht verhüllt. Alles, was sie sieht – und was wir mit ihr sehen – ist ein schmaler Ausschnitt ihrer Füße, die über den Boden und die Treppen stolpern. Ein Weg, der voller Blut ist, und auf dem sie Schreie anderer Gefolterter begleiten.
Weil die Lehrerin Roya an einer Demonstration teilgenommen hat, werfen ihr die Behörden Indoktrination ihrer Schüler*innen vor. Wenn sie ein Geständnis unterschreiben würde, könnte sie an einem für sie sehr wichtigen Ereignis teilnehmen: der Beerdigung ihrer Schwester. Ihr Vater, der an Alzheimer leidet, müsste begleitet werden. "Wenn du nicht unterschreibst, kommst du hier nicht lebend raus", versichern die Aufseher Roya. Die Beweislage ist dünn, das Geständnis soll zur besten Sendezeit im Fernsehen ausgestrahlt werden.
Mahnaz Mohammadi hat den Alltag und die pure Verzweiflung inhaftierter Frauen in Iran beklemmend in Szene gesetzt – sarkastisch und aus einer radikal subjektiven Perspektive. Teile des Dramas drehte sie undercover vor Ort. Die Regisseurin weiß, wovon sie spricht. Die iranische Frauenrechtsaktivistin saß wegen ihres Engagements bereits selbst im Teheraner Evin-Gefängnis, ihre Arbeit und ihr Alltag sind auch nach ihrer Entlassung stark eingeschränkt, ihr Reisepass wurde eingezogen. Eine Genehmigung, Filme zu drehen, hat sie nicht. Ihr mutiges und eindrückliches cineastisches Statement wurde bei der diesjährigen Berlinale gezeigt und von der Jury des Amnesty-Filmpreises lobend erwähnt.
"Roya". D/CZE/LUX/IRN 2026. Regie: Mahnaz Mohammadi.
Mit Melisa Sözen, Maryam Palizban.
Derzeit in den Kinos.
von Jürgen Kiontke
Der junge litauische Menschenrechtsaktivist Deividas leitet die Organisation Rainbow Kaunas. Um seinem Anliegen Nachdruck zu verleihen, will er die erste Pride-Parade in seiner Heimatstadt Kaunas auf die Beine stellen. Unterstützung gibt es von höchster Stelle: Eine Ministerin unterstützt den Marsch persönlich und tritt medienwirksam gemeinsam mit Deividas auf.
Doch Neonazis kündigen an, die Parade zu stören, sie rufen zu Gewalt gegen die Akteur*innen auf und veröffentlichen sogar deren Privatadressen. Der Partner von Deividas, Andrius, betrachtet dessen Engagement mit zunehmender Sorge. Nicht zu Unrecht, wie sich herausstellt: Eines Tages findet Andrius seinen Freund erschlagen in der gemeinsamen Wohnung vor. Weil er nicht allzu viel Vertrauen in die Arbeit der Polizei hat, beschließt Andrius, selbst undercover in die litauische Nazi-Szene einzutauchen, um den Mörder dingfest zu machen.
Regisseur Romas Zabarauskas setzt sich selbst öffentlichkeitswirksam für die Rechte der LGBTI-Bewegung ein. In seinem Spielfilm "The Activist" nimmt er die homophobe Stimmung in osteuropäischen Ländern und speziell die Angriffe rechtsextremer Kräfte auf CSD-Umzüge ins Visier. Er belässt es aber nicht dabei, sondern schaut auch auf die Förderstrukturen der Europäischen Union und wie sich diese auf Landesebene auswirken.
Das fügt seinem Film über die reine Mordermittlung hinaus immer wieder unerwartete Wendungen hinzu. Außerdem lässt er seine Protagonist*innen darüber diskutieren, ob es sinnvoll ist, sich öffentlich und offensiv für die eigene Sache einzusetzen– oder doch lieber im Stillen an den politischen Zielen zu arbeiten, weil die Gesellschaft noch nicht bereit ist für radikale Veränderungen, wie sie im Westen vielleicht üblich sind. So entsteht ein Psychogramm der litauischen Gesellschaft, in der sich vieles im Übergang befindet.
"The Activist". LTU 2026.
Regie: Romas Zabarauskas. Mit Robertas Petraitis, Vaslov Goom.
Kinostart: 24. Juni 2026.