Gaza: Hamas muss willkürliche Hinrichtungen sofort stoppen
Kämpfer der palästinensischen bewaffneten Gruppe Hamas im Gazastreifen bei der Übergabe einer Geisel, die am 7. Oktober 2023 aus Israel verschleppt worden war (Aufnahme vom 22. Februar 2025).
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Im Gazastreifen lässt die bewaffnete Gruppe Hamas Menschen willkürlich und ohne Gerichtsverfahren hinrichten. Diese Taten bleiben straflos. Amnesty fordert ein sofortiges Ende der Hinrichtungen, unabhängige Ermittlungen und dass die Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen werden.
Sie stellten sich freiwillig, nachdem man ihnen ein faires Verfahren versprochen hatte. Doch kurze Zeit später wurden acht Männer der palästinensischen Familie Dughmush auf einen Platz in Gaza-Stadt gebracht und von bewaffneten, maskierten Männern erschossen. Der Vorwurf: Kollaboration mit Israel.
Die Hinrichtungen ereigneten sich im Oktober 2025.
Amnesty hat diesen Fall und weitere untersucht und kommt zum Schluss: Behörden und bewaffnete Kräfte, die der Hamas im besetzten Gazastreifen nahestehen, setzen außergerichtliche Hinrichtungen ein, um Menschen zu bestrafen, die der Zusammenarbeit mit Israel verdächtigt werden.
Derart entsetzliche Strafen, die ohne jegliches Gerichtsverfahren vollstreckt werden, müssen ein Ende haben.
Das Wichtigste in Kürze
- Die Taten sind keine Einzelfälle. Ein UN-Bericht zählt 249 Fälle außergerichtlicher Hinrichtungen und schwerer Gewalt (August 2024 bis Anfang 2026), mindestens 108 Menschen starben.
- Hamas-nahe Kräfte waren in mindestens 60 Fällen beteiligt. Amnesty hat zehn Tötungen im Detail recherchiert, die meisten kurz nach der sogenannten Waffenruhe im Oktober 2025.
- Hinrichtungen ohne Gerichtsverfahren dauern an. Erst im Juli 2026 wurde ein Mann wegen angeblicher Spionage hingerichtet.
- Hinrichtungen werden gefilmt und auf Telegram verbreitet, Namen der Opfer öffentlich gemacht.
- Die Hamas kündigte Untersuchungen an. Ergebnisse gibt es bis heute keine.
- Die Hinrichtungen müssen sofort enden – es braucht unabhängige Ermittlungen und Gerechtigkeit für die Opfer.
Erika Guevara-Rosas, Direktorin für Recherche, Advocacy, Politik und Kampagnen bei Amnesty International, sagt dazu:
"Fast drei Jahre schon hält der Völkermord gegen die Palästinenser*innen im besetzten Gazastreifen an. In dieser Zeit hat die traumatisierte Zivilbevölkerung bereits unvorstellbares Leid erdulden müssen. Die Tötungen, Menschenrechtsverstöße und Gräueltaten müssen daher ein Ende haben.
Die Hamas-Behörden müssen unverzüglich dafür sorgen, dass keine weiteren rechtswidrigen Tötungen, Akte der Selbstjustiz und willkürlichen Festnahmen vorgenommen werden. Die Wiederherstellung von öffentlicher Ordnung darf niemals als Vorwand dienen, um schwere Menschenrechtsverstöße zu begehen, Vergeltungsmaßnahmen durchzuführen oder ganze Familien kollektiv zu bestrafen.
All jene, die für die Anordnung bzw. Durchführung von außergerichtlichen Hinrichtungen, willkürlichen Festnahmen oder Folter und anderen Misshandlungen verantwortlich sind, müssen zur Rechenschaft gezogen werden."
Palästinensische Demonstrierende protestieren in Beit Lahia im Gazastreifen gegen die Hamas (26. März 2025)
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Weitere Hinrichtungen angekündigt
Die Hamas hat zwar angekündigt, den für die Verwaltung des Gazastreifens zuständigen Ausschuss aufzulösen. Doch die Gruppe trägt weiterhin die volle Verantwortung dafür, schwerwiegende Verstöße durch die ihr unterstellten Stellen bzw. Personen zu verhindern. Hierzu zählen auch die Al-Qassam-Brigaden und der Sicherheitsapparat im Gazastreifen (Selbstbezeichnung: Resistance Security System, "Widerstands-Sicherheitssystem").
Der Sicherheitsapparat ist eine geheime Gruppierung, die unter der Führung der militärischen Flügel der Hamas und anderer palästinensischer bewaffneter Gruppen operiert. Ein nicht namentlich genanntes hochrangiges Mitglied des Sicherheitsapparats verkündete auf der Telegram-Plattform Al-Hares, dass die außergerichtliche Hinrichtung vom 1. Juli den Beginn eines "groß angelegten Sicherheitseinsatzes" darstelle und dass "in den kommenden Tagen weitere Personen hingerichtet werden, denen eine Zusammenarbeit mit der Besatzungsmacht vorgeworfen wird".
Seit Beginn des Völkermords haben palästinensische Menschenrechtsorganisationen, darunter Al Mezan und die Unabhängige Menschenrechtskommission ICHR, wiederholt außergerichtliche Hinrichtungen und andere rechtswidrige Tötungen im Gazastreifen verurteilt.
Hierzu zählen auch solche, die von unbekannten bewaffneten Gruppen verübt werden. Sie fordern die Behörden auf, gegen die Verantwortlichen zu ermitteln und dafür zu sorgen, dass sie zur Rechenschaft gezogen werden.
Ein im Mai 2026 veröffentlichter Bericht der Unabhängigen Internationalen Untersuchungskommission für das besetzte palästinensische Gebiet des UN-Menschenrechtsrats dokumentierte 249 Fälle, in denen Menschen im Gazastreifen zwischen August 2024 und Januar 2026 außergerichtlich hingerichtet oder schwerer körperlicher Gewalt ausgesetzt wurden.
Dabei starben mindestens 108 Menschen. An mindestens 60 dieser Fälle waren mit der Hamas verbundene Kräfte beteiligt. Manche dieser Hinrichtungen wurden öffentlich vollstreckt, gefilmt und auf Plattformen veröffentlicht, die der Hamas nahestehen, vornehmlich Telegram-Kanäle.
So wurden beispielsweise am 21. September 2025, als Israel in Gaza-Stadt massenhaft Zivilpersonen vertrieb, drei Männer auf der Straße exekutiert, weil ihnen eine Zusammenarbeit mit Israel vorgeworfen wurde. Eine Gruppe, die sich selbst "Gemeinsame Operationszentrale für den Widerstand" ("Joint Operations Room for the Resistance") nennt, hat sich zu der Tat bekannt.
Wie hat Amnesty International recherchiert?
Amnesty International hat im Rahmen eigener Recherchen neun außergerichtliche Hinrichtungen und eine rechtswidrige Tötung dokumentiert, die mit nur einer Ausnahme unmittelbar nach der Verkündung der sogenannten Waffenruhe zwischen Israel und Hamas im Oktober 2025 begangen wurden.
Unsere Recherche stützt sich auf:
- Überprüfung von Fotos und Videos
- Gespräche mit elf Angehörigen von Getöteten
- Gespräche mit zwei Mitarbeiter*innen des Gesundheitswesens
- Auswertung von Angaben der Hamas-Vertreter*innen
- Analyse von Telegram-Beiträgen des militärischen Flügels und verbündeter bewaffneter Gruppen
Das vorliegende Beweismaterial zeigt, dass die Hamas und ihr nahestehende Kräfte im Oktober 2025 acht Mitglieder der Familie Dughmush aus dem Stadtteil Al-Sabra in Gaza-Stadt öffentlich und im Schnellverfahren hinrichteten, da sie ihnen Kollaboration mit Israel vorwarfen. Außerdem wurde eine weitere Hinrichtung am 1. Juli 2026 dokumentiert.
Amnesty International wies zudem nach, dass im Oktober 2025 ein Mann während einer offenbar als Festnahmeaktion durchgeführten Aktion im Flüchtlingslager Al-Bureij in der Nähe der Salaheddine-Straße von vermummten Männern rechtswidrig getötet wurde.
Amnesty International legte der Hamas-Führung im November 2025 eine Zusammenfassung ihrer Erkenntnisse vor und stellte im Juli 2026 erneut eine Anfrage. In ihrer Stellungnahme vom November 2025 erklärten die Hamas-Behörden, sie hätten Untersuchungen zu den Vorfällen eingeleitet, ohne jedoch weitere Einzelheiten bekannt zu geben. Zum Zeitpunkt der Veröffentlichung lag Amnesty International noch keine Antwort auf ihre jüngste Anfrage vor.
Hamas-Kämpfer in Rafah im Gazastreifen (22. Februar 2025)
© IMAGO / Middle East Images
Hamas-Kräfte: "Außergewöhnliche Maßnahmen" durch "Notstandsprinzip"
Seit dem 7. Oktober 2023 haben die Hamas-Kräfte und -Behörden im Gazastreifen parallele Strukturen geschaffen, die fast ausschließlich außerhalb jeglicher rechtlicher Normen agieren. Sie führen regelmäßig – und oft unter Videoaufzeichnung – außergerichtliche Bestrafungen gegen Palästinenser*innen durch, darunter auch gegen mutmaßliche Plünder*innen. Sie verhören Dissident*innen und Tatverdächtige an zivilen Orten, führen Razzien in Wohnhäusern durch und bedrohen Familienangehörige von Oppositionellen.
Die von Amnesty International zusammengetragenen Beweise stimmen mit den Ergebnissen des Berichts der UN-Untersuchungskommission überein.
Die Hamas hat ihre sogenannten "außergewöhnlichen Maßnahmen" mit dem "Notstandsprinzip" begründet und dabei auf die Zerstörung von Justiz- und Sicherheitsinstitutionen durch israelische Streitkräfte sowie auf die Notwendigkeit verwiesen, dem Chaos und den "kriminellen Banden" entgegenzuwirken.
Erika Guevara-Rosas sagt dazu:
"Unrechtmäßige Tötungen lassen sich niemals rechtfertigen. Das Recht auf Leben, das Recht auf Freiheit von Folter sowie das Recht auf ein faires Verfahren und auf einen ordnungsgemäßen Rechtsweg müssen jederzeit gewahrt werden, auch in Notsituationen oder sogar dann, wenn das Justizsystem infolge aktiver militärischer Feindseligkeiten zusammengebrochen ist.
Jedem, der einer Straftat verdächtigt wird, einschließlich Hochverrats oder Kollaboration, müssen die Menschenrechte in vollem Umfang gewährt werden, darunter das Recht auf Leben, auf persönliche Sicherheit und auf ein faires Verfahren, ohne dass die Todesstrafe verhängt wird."
Hinrichtungen werden in Sozialen Medien verbreitet
Am 1. Juli kündigte der Sicherheitsapparat im Gazastreifen ("Sicherheitskräfte des Widerstands") die öffentliche Hinrichtung eines Mannes in Gaza-Stadt an, der nur mit seinen Initialen bezeichnet wurde, und beschuldigte ihn, für Israel spioniert zu haben.
Nach seiner Hinrichtung wurden der vollständige Name und weitere Angaben zu dem Mann in den Sozialen Medien verbreitet – zunächst von Konten, deren Betreibende der Hamas nahestehen –, wodurch seine Familie, auch die Kinder, einer großen Gefahr ausgesetzt wurde. Dies ist ein Phänomen, das als "Doxxing" bekannt ist.
Dem Mann wurde vorgeworfen, israelischen Streitkräften den Aufenthaltsort hochrangiger Mitglieder der Al-Qassam-Brigaden, darunter deren Militärkommandant Ezziddine al-Haddad, mitgeteilt zu haben. Die Gruppe warf ihm vor, den israelischen Behörden Informationen weitergegeben zu haben, die dazu führten, dass Israel Ezziddine al-Haddad sowie zahlreiche palästinensische Zivilpersonen tötete.
Die Gruppe gab an, die Hinrichtung durchgeführt zu haben, nachdem sie die von ihr als "revolutionäre Verfahren" bezeichneten Schritte sowie interne Ermittlungen ausgeschöpft habe.
Einige Tage später gaben Telegram-Kanäle, die mit den Al-Qassam-Brigaden in Verbindung stehen, bekannt, dass der Sicherheitsapparat einen weiteren mutmaßlichen Informanten festgenommen und verhört habe. Sie beabsichtigten, ihn "innerhalb weniger Tage" hinzurichten.
Diese Erklärung erfolgte im Anschluss an die Behauptung eines Vertreters des Sicherheitsapparats, wonach die Hinrichtung am 1. Juli nur der Anfang sei, was Befürchtungen weckte, dass weitere außergerichtliche Hinrichtungen folgen könnten.
Hamas-Kämpfer stehen Wache im Osten von Gaza (2. November 2025)
© Bloomberg/Getty Images
Außergerichtliche Hinrichtungen von acht Angehörigen der Familie Dughmush
Im Oktober 2025 kam es vor und nach dem 10. Oktober 2025 zu Zusammenstößen zwischen der Hamas und Angehörigen der Familie Dughmush, unmittelbar nachdem der sogenannte Waffenstillstand mit Israel verkündet worden war. Die Ereignisse begannen, als mit der Hamas verbündete Kräfte versuchten, Familienmitglieder aus einem Feldlazarett in der Nähe von Al-Sabra in Gaza-Stadt herauszuholen, wo diese Schutz vor israelischen Angriffen gesucht hatten. Die Hamas-Verbündeten warfen ihnen vor, das Lazarett geplündert und zur Lagerung von Waffen und Sprengstoff genutzt zu haben.
Bei bewaffneten Zusammenstößen mit Angehörigen der Familie Dughmush umzingelten Hamas-Kräfte eine Woche lang das Wohnviertel der Familie in Al-Sabra; dabei kamen mindestens vier Angehörige der Familie Dughmush und mindestens ein Hamas-Mitglied ums Leben.
Während der Belagerung von Al-Sabra plünderten und verwüsteten Hamas-Kräfte und mit ihnen verbündete Gruppen zudem Häuser in der Gegend oder brannten sie nieder. Amnesty International erhielt Filmaufnahmen von zwei Häusern in der Gegend, die die Folgen der Zerstörungen und Plünderungen zeigen.
Parallel zu den Zusammenstößen wurden am 13. Oktober 2025 acht unbewaffnete Angehörige der Familie Dughmush unter dem Vorwurf der Kollaboration mit Israel öffentlich außergerichtlich hingerichtet.
Ein Video, das auf Hamas-nahen Social-Media-Konten verbreitet und von Amnesty International verifiziert wurde, zeigt acht Männer mit verbundenen Augen und in Fesseln, von denen einige nur teilweise bekleidet waren und Anzeichen früherer Verletzungen aufwiesen. Sie wurden von bewaffneten, maskierten Männern auf einen offenen Platz in der Al-Thalathini-Straße, einer größeren Straße in Gaza-Stadt, geschleppt. Die acht Männer wurden aus nächster Nähe erschossen.
Unter den acht Männern, die ohne ordentliches Gerichtsverfahren getötet wurden, befanden sich auch Angehörige einer palästinensischen Frau, die mit Amnesty International gesprochen hatte und deren Name aus Sicherheitsgründen nicht genannt wird.
"Die acht Männer hatten sich gestellt, nachdem man ihnen ein faires Verfahren versprochen hatte, sie wurden jedoch bereits zwei Stunden später öffentlich hingerichtet", sagte sie.
Ihre Schilderung deckte sich mit den Angaben, die zwei weitere Anwohner*innen, die separat befragt worden waren, gegenüber Amnesty International gemacht hatten. Diese hatten erklärt, die acht Männer hätten entschieden, sich zu stellen, um die Kämpfe zu beenden, nachdem Garantien gegeben worden waren, dass ihnen kein Leid zugefügt werde.
Die Ehefrau eines der Opfer berichtete, ihr Mann habe sie am Abend vor seiner Ermordung angerufen und sie gebeten, sich um ihre Töchter zu kümmern. Sie sagte:
"Sowohl mein Mann als auch mein Sohn wurden hingerichtet. Mein Sohn wurde vor seiner Hinrichtung gefoltert, und seine Fingernägel wurden herausgerissen ... "Mein Mann war ein gütiger, ehrenhafter Mann, der sich stets gegen die israelische Besatzung gewehrt hat … Ich möchte, dass alle wissen, dass unsere Familie keine Kollaborateure sind und dass diejenigen, die ihre Ermordung angeordnet haben, vor Gericht gestellt werden sollten."
Angehörige, die an der Beerdigung der acht Opfer teilnahmen, berichteten Amnesty International, dass die Leichen der Opfer sichtbare Spuren von Folter aufwiesen.
Einige Familienangehörige berichteten später, sie hätten Anrufe von Hamas-Vertretern erhalten, die sich entschuldigten und andeuteten, dass einige Personen versehentlich getötet worden seien.
In der Antwort an Amnesty International erklärte der Leiter der Abteilung für internationale und rechtliche Beziehungen der Hamas, Dr. Mousa Abu Marzouk, man habe eine interne Voruntersuchung zum Vorfall um die Familie Dughmush eingeleitet und betonte, die Kräfte hätten "in unmittelbarer Reaktion gehandelt, ohne sich an höhere Instanzen zu wenden".
Nach Kenntnis von Amnesty International wurde gegen keinen der an den Morden oder anderen außergerichtlichen Hinrichtungen der letzten drei Jahre Beteiligten ermittelt, geschweige denn, dass sie zur Rechenschaft gezogen worden wären. Dazu gehören auch Tötungen von Zivilpersonen aufgrund einer "Verwechslung" durch bewaffnete Männer, die der Hamas nahestehen.
Ein besonders verstörender Fall ist die Ermordung der palästinensischen Mitarbeiterin einer Hilfsorganisation, Islam Hijazi, deren Auto im September 2024 in Chan Yunis von 90 Kugeln getroffen wurde. Ihrer Familie wurde später mitgeteilt, dass ihre Ermordung auf einer falschen Identifizierung beruhte. Doch nach Kenntnis von Amnesty International wurde gegen niemanden derjenigen ermittelt, die die Schüsse abgegeben oder den Hinterhalt angeordnet hatten.
Rechtswidrige Tötung von Hisham al-Saftawi
Amnesty International dokumentierte zudem die rechtswidrige Tötung des 57-jährigen Hisham al-Saftawi im Flüchtlingslager Al-Bureij am 17. Oktober 2025. Seine Frau Najah beobachtete, wie etwa 30 maskierte, bewaffnete Männer, die sich als Angehörige der Al-Qassam-Brigaden ausgaben, kurz nach dem Morgengebet in ihr Haus stürmten. Als Hisham al-Saftawi sich weigerte, dem Haftbefehl Folge zu leisten, schoss ihm einer der Männer in den Rücken.
Najah hörte, wie ein Mann, der wie der Anführer der Gruppe aussah, den Schützen fragte: "Wer hat dir befohlen zu schießen?" Hisham al-Saftawi erlag einen Tag später im Krankenhaus seinen Verletzungen.
Sein Bruder Said al-Saftawi brachte das mangelnde Vertrauen der Familie in die von der Hamas geleitete Untersuchung zum Ausdruck: "Man kann nicht darauf vertrauen, dass der Henker gegen sich selbst ermittelt. Wir fordern eine unabhängige Untersuchung und dass diejenigen, die auf meinen Bruder geschossen haben, sowie diejenigen, die seine Festnahme angeordnet haben, zur Rechenschaft gezogen werden."
In ihrer Antwort an Amnesty International bestätigte die Hamas, dass eine offizielle Untersuchung zum Tod von Hisham al-Saftawi eingeleitet worden sei, und behauptete, er sei bei einem Fluchtversuch "versehentlich erschossen" worden und wegen Straftaten gesucht worden.
Nach Kenntnis von Amnesty International haben die Hamas-Behörden die Familie nicht über die Ergebnisse ihrer vermeintlichen Ermittlungen informiert, und keiner der an der Tötung von Hisham al-Saftawi Beteiligten wurde zur Rechenschaft gezogen. Die Hamas-Behörden haben nicht angedeutet, dass sie eine Entschädigung für die Tötung in Betracht ziehen würden.
Erika Guevara-Rosas sagte dazu:
"Es müssen unabhängige und unparteiische Ermittlungen zu allen Tötungsdelikten durchgeführt werden, die im Zusammenhang mit der bewaffneten Auseinandersetzung zwischen der Hamas und der Familie Dughmush stattfanden, einschließlich der Tötungsdelikte, die offenbar außerhalb eines Feuergefechts begangen wurden, sowie der öffentlichen Hinrichtung der acht Angehörigen der Familie Dughmush. Auch die Familie von Hisham al-Saftawi muss Gerechtigkeit für die rechtswidrige Tötung ihres Angehörigen erfahren."
Hintergrundinformationen
Am 7. Oktober 2023 griffen die Hamas und weitere bewaffnete palästinensische Gruppen den Süden Israels an. Dabei töteten sie etwa 1.200 Menschen. Seitdem hat Israel den Palästinenser*innen im Gazastreifen Lebensbedingungen auferlegt, die zum Zusammenbruch der öffentlichen Ordnung, zur Zerstörung des sozialen Gefüges im Gazastreifen und zur Zunahme von Chaos und Gesetzlosigkeit beigetragen haben.
Trümmerwüste: Zivilpersonen in Chan Yunis im Gazastreifen inmitten von Gebäuden, die durch israelische Luftangriffe zerstört wurden (7. April 2024).
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Israelische Streitkräfte griffen traditionelle Strafverfolgungs- und Justizstrukturen an und nahmen offenbar Polizisten und Sicherheitskräfte ins Visier – während sie gleichzeitig lokale Milizen, die gegen die Hamas eingestellt sind, bewaffneten und unterstützten. Diese Milizen haben sich zudem an Übergriffen und Verstößen gegen das Völkerrecht beteiligt, darunter öffentliche Tötungen mutmaßlicher Hamas-Mitglieder im Stil von Exekutionen.
Seit der Machtübernahme im Gazastreifen im Jahr 2007 haben die Behörden der Hamas keine mutmaßlichen Verstöße und Verfehlungen ihrer Mitglieder und bewaffneten Kräfte unabhängig untersucht. Bis zum Beginn von Israels Völkermord verhängten und vollstreckten Gerichte in Gaza unter der Herrschaft der Hamas weiterhin Todesurteile für Straftaten wie Mord, Kollaboration und Landesverrat, oft nach äußerst mangelhaften Gerichtsverfahren.
Während und im Anschluss an frühere israelische Offensiven im besetzten Gazastreifen griffen mit der Hamas verbündete Kräfte zudem wiederholt zu öffentlichen Standrechtsexekutionen mutmaßlicher Kollaborateure außerhalb jeglicher rechtlicher Rahmenbedingungen und unter völliger Straffreiheit, darunter auch in Fällen, die von Amnesty International während der Offensive von 2014 dokumentiert wurden.
Amnesty International hat über viele Jahre hinweg Verstöße der Hamas und ihrer verbündeten Gruppen dokumentiert, darunter außergerichtliche Hinrichtungen mutmaßlicher Kollaborateure, summarische Bestrafungen, Einschränkungen der Meinungsfreiheit sowie das harte Vorgehen gegen friedlichen Widerstand, unter anderem durch Drohungen, Doxxing und Einschüchterung sowie Folter und andere Misshandlungen. Amnesty International dokumentiert diese Verstöße weiterhin.
Die Organisation fordert Israel erneut auf, den andauernden Völkermord, die Apartheid und die rechtswidrige Besetzung palästinensischen Gebiets zu beenden und seinen Verpflichtungen als Besatzungsmacht nachzukommen, unter anderem indem sichergestellt wird, dass Hilfsgüter, lebenswichtige Güter und Dienstleistungen alle Teile des Gazastreifens erreichen können, und indem vertriebenen Palästinenser*innen die sichere Rückkehr in ihre Häuser ermöglicht wird.