Amnesty Journal Irak 28. August 2019

Kunst nach dem Kalifat

Verschiedene Gemälde in einem Raum

 Das Institut für Künste aus Mossul ist vorübergehend in Erbil untergebracht. März 2019.  

Zwei Jahre nach der Befreiung der irakischen Stadt Mossul von der Terrorherrschaft des Islamischen Staats arbeiten Künstler das Leid der Zivilbevölkerung auf.

Aus Erbil Sabine Küper-Büsch

Adalet Garmiany schaut Videoclips an, die er im September 2018 gedreht hat. In seinem Atelier nahe der Zitadelle von Erbil, der Hauptstadt der Autonomen Region Kurdistan im Irak, arbeitet der Künstler an einem Film über das nur 85 Kilometer entfernte Mossul – nach der Befreiung vom Islamischen Staat. "Der Film soll die Erfahrungen der Menschen widerspiegeln, die jahrelang im Kalifat leben muss­ten", erklärt Garmiany. Im Juni 2014 hatte Abu Bakr al-Baghdadi, der Anführer der Terrororganisation Islamischer Staat in Mossul, sein Kalifat ausgerufen. Es begann eine dreijährige Schreckensherrschaft des IS, die erst durch eine Großoffensive der irakischen Armee mit internationaler Militärunterstützung beendet werden konnte.

Auf Garmianys Bildschirm erscheint ein Mann, der durch eine vom Krieg zerbombte Straße geht. Der Künstler erklärt, er habe seinen Hauptdarsteller auf der Straße in Mossul kennengelernt. Mit ihm will er in den kommenden Monaten arbeiten, seine Erinnerungen in Szene setzen und versuchen, dem nahezukommen, was dort passiert ist.

Garmiany ist ein britisch-irakischer Künstler, der Ende der 1990er Jahre aus dem Irak nach London zog, um der Verfolgung durch das Regime Saddam Husseins zu entgehen. "80 Prozent meiner Familie wurden bereits während der Politik des Anfal getötet", berichtet der 46-Jährige. Während der sogenannten Anfal-Operation des irakischen Diktators wurden 1988 und 1989 mehr als 100.000 Menschen als "Ungläubige" und "Volksfeinde" diffamiert und ermordet, weil sie als Verbündete des verfeindeten Iran angesehen wurden – vor allem Kurden, Assyrer und Chaldäer im Nordirak. "Massaker und Diktatur sind leider nichts Neues für uns", sagt Garmiany, der die Zeit des IS-Kalifats im relativ stabilen Erbil verbrachte.

Und doch hatte der Künstler nach dem Sturz Husseins durch die amerikanisch-britische Militärintervention 2003 eine andere Entwicklung erwartet. Er kehrte 2004 nach Kurdistan zurück, um Kunst als friedensbildendes Medium in der Region zu etablieren. Dafür gründete er ArtRole, eine Initiative für zeitgenössische Kunst im Nahen Osten, die mittlerweile internationale Kooperationen im Kulturbereich vor Ort koordiniert. "Doch dann", sagt Garmiany, "begannen die Probleme mit islamistischen Strömungen im Land." Die international zusammengesetzte Terrororganisation schüchterte die Bevölkerung Mossuls durch öffentliche Steinigungen und Enthauptungen ein. Tausende Frauen, vor allem jesidischer Herkunft, wurden von IS-Mitgliedern vergewaltigt und als Handelsware missbraucht.

Auch zwei Jahre nach der Befreiung vom IS gilt Mossul Künstlern zum Arbeiten immer noch nicht als sicher genug – auch wenn der Schweizer Regisseur Milo Rau dort zwischen Trümmern "Orest" inszeniert hat. Ein Institut für Künste aus Mossul ist deshalb vorübergehend in einer Schule in Erbil untergebracht. Auf dem Schulhof stehen Container. In einem befindet sich die Abteilung Textildesign, in einem anderen lernen Studenten Porträtzeichnen. Ein junger Mann sitzt geduldig in einem Sessel Modell. Im Winter sind die Container zu kalt, im Sommer fehlt hier die sonst allgegenwärtige Klimaanlage.

Im Vorgerund ein Mann an einer Staffelei, im Hintergrund sitzen zwei weitere Männer

Irakische Künstler in Erbil, März 2019

Direktor Riyad al-Barazanchi ist ein bildender Künstler aus Bagdad. Er zeigt eine Broschüre zu einer seiner Ausstellungen mit dem Titel "Black memory", in der es um ethnische Säuberungen geht. Großformatige Malerei und Collagen vermitteln ein düsteres Bild von Menschenrechtsverletzungen im Irak. Ein Werk zeigt menschliche Zähne, die schräg gegeneinander wachsen. "Im Irak leben seit Jahrtausenden unterschiedliche Volksgruppen und Religionen zusammen", sagt al-Barazanchi, "extrahiert man eine, dann passiert das gleiche wie beim Verlust eines Zahnes, der nicht durch eine Prothese ersetzt wird. Die Zahnreihe verliert ihre Funktionalität und Ästhetik. Alles wächst schief und krumm."

In der Aula probt die Theaterklasse das Stück "Die Wiege" des irakischen Autors Abdul-Kareem al-Ameri. Es entstand noch zu Zeiten des Diktators Hussein und beschäftigt sich mit den Bedingungen des Krieges. Im Mittelpunkt stehen die Leiden der Bevölkerung. Die 19-jährige Tamara Nezar geht an einem Stock und trägt eine Laterne. Dabei singt sie von besseren Tagen. Ihr gleichaltriger Kommilitone Hakem Minha liegt reglos auf dem Boden, ebenso sein Lehrer, der Schauspieler Abdallah Raht. Beide Männer erheben sich und liefern sich ein Wortduell. Minha verkörpert einen Extremisten, der mal für die eine mal für die andere Ideologie kämpft, Hauptsache er profitiert davon. Raht spielt den Mann von nebenan, der eigentlich nur gut leben will, aber dafür ständig alle humanistischen Ideale und Prinzipien verrät. Nezar ist die Stimme des Volkes. Als sie klagend zu singen beginnt und fragt, warum immer nur die Menschen auf der Straße alles verlieren, setzt melancholische Musik ein. Die Szene ist zu Ende, die Dramaturgin Hiba Hani, die den Kurs leitet, dankt den Schauspielern.

"Die jungen Leute haben in den vergangenen Jahren so viel Schreckliches gesehen. Sie spielen sehr intensiv, das ist eine Art Verarbeitung", sagt Hani. Sie selbst stammt aus Mossul und floh kurz vor dem Einzug des IS, aber viele ihrer Verwandten leben noch dort. Bei der Bombardierung der Altstadt, in der sich der IS verschanzt hatte, starben acht Menschen aus ihrer Familie. "Meine Onkel und ihre Familien durften das Viertel nicht verlassen. Sie starben in den Trümmern ihres Hauses, das von der Druckwelle der Bombardierungen einstürzte."

Der Schauspieler Abdallah Raht war noch in Mossul, als IS-Anführer al-Baghdadi sein Kalifat in der Großen Moschee des an-Nuri ausrief. Nicht-Muslimen wurde eine Frist zugebilligt, um die Stadt zu verlassen, doch der muslimischen Zivilbevölkerung wurde dies ausdrücklich verboten. Raht floh unter Lebensgefahr auf Schleichwegen aus der Stadt, die fortan von Grausamkeit regiert wurde. Nun versuchen die Künstler, das Martyrium der Mossuler Bevölkerung zu verarbeiten. "Wir nähern uns dem an", sagt Raht. "Das Theater ist ein gutes Medium, um expressiv mit Unrecht und Leid umzugehen, ohne zu konkret ein individuelles Schicksal in den Vordergrund zu stellen." Auch deshalb spielten sie ein Stück, das aus einer anderen Zeitspanne stamme. "Aber es hat heute immer noch Gültigkeit."

Die junge Schauspielerin Nezar wird sehr nachdenklich, als sie über die Arbeit an dem Stück spricht. "Es gibt so viele Verletzungen, die ich persönlich nicht erlebt habe, aber die sich in meiner unmittelbaren Umgebung abgespielt haben. Ich versuche mit meinen Mitteln, dem Ausdruck zu verleihen." Wo Worte versagen, könne vielleicht ein Lied helfen, die Sprachlosigkeit zu überwinden.

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