Amnesty Journal Indien 23. November 2018

Mutig gegen das Militär

Eine Frau mit Kopftuch steht vor einer weißen Wand und blickt in die Kamera

Fordert internationale Unterstützung. Salima Memcha in Berlin, September 2018.

Die indische Bäuerin Salima Memcha kämpft seit Jahren für die Aufklärung des Mordes an ihrem Mann.

Von Linda Fiene

Bald ein Jahrzehnt ist es nun her, dass sich das Leben von Salima Memcha auf einen Schlag veränderte. Bis Januar 2010 hatte die Bäuerin und Mutter von vier Kindern ein einfaches Auskommen in ihrem Dorf in der nordostindischen Provinz Manipur. Doch eines Abends drangen staatliche Sicherheitskräfte in ihr Haus ein, raubten sie aus, und nahmen ihren Ehemann mit.

Mohammed Faziruddin kehrte nie wieder zurück. Als Memcha seine Leiche am Tag nach dem Überfall in der örtlichen Polizeiwache vorfand, trug er die Uniform einer paramilitärischen Gruppe. Sie war ihm viel zu groß und hatte keine Einschusslöcher, obwohl der Körper mehr als 20 Schusswunden aufwies. Nichtsdestotrotz behauptete die Polizei, Faziruddin sei ein Kämpfer gewesen, getötet bei einem Schusswechsel .

Außergerichtliche Hinrichtungen sind in Manipur an der ­Tagesordnung, seit der Bundesstaat im Jahr 1980 zum "Unruhegebiet" erklärt wurde, in dem ein Gesetz staatlichen Sicherheitskräften besondere Befugnisse einräumt. Sie können ohne Haftbefehl Personen festnehmen, durchsuchen und sogar auf sie schießen. Allein zwischen 1979 und 2012 wurden 1.528 solcher Fälle dokumentiert, ohne dass dies juristische Konsequenzen für Angehörige von Armee oder Polizei gehabt hätte.

Um gegen diese Straffreiheit vorzugehen, schlossen sich 2009 Witwen und andere Angehörige der Getöteten in der Extra Judicial Execution Victim Families Association Manipur (EEVFAM) zusammen. Neben dem Kampf für strafrechtliche Verfolgung der Täter unterstützen sie die Hinterbliebenen und dokumentieren außergerichtliche Hinrichtungen.

Bei dieser Organisation fand Memcha, die zunächst verängs­tigt und traumatisiert war, wieder Hoffnung. Wie viele andere Witwen muss sie seit dem Tod ihres Mannes ihre Kinder allein versorgen. Mit ihren Mitstreiterinnen teilt sie ihre Geschichte und ihr Leid. Man hilft sich gegenseitig, über religiöse und ethnische Grenzen hinweg, und kämpft um Gerechtigkeit: Zusammen mit der Menschenrechtsorganisation Human Rights Alert wandte sich EEVFAM 2012 an den Obersten Gerichtshof, der fünf Jahre später schließlich die Untersuchung von mehr als 90 Fällen durch das Central Bureau of Investigation anordnete, vergleichbar dem deutschen Bundeskriminalamt.

Zur Anklage gelangt ist der Fall von Memchas Mann bislang jedoch nicht. Das liegt auch daran, dass ihre Initiative den Machthabern ein Dorn im Auge ist. Die Behörden argumentieren, dass sich die Strafverfolgung von Sicherheitskräften negativ auf die Moral von Polizei und Armee auswirken würde. Generell erhält die Armee breite Unterstützung von vielen Bevölkerungsgruppen und gilt als unantastbar.

Deshalb werden die Kämpferinnen gegen die Straflosigkeit immer wieder bedroht und eingeschüchtert. Auch Memcha ging es so, als sie im April bei der Kriminalpolizei eine Erklärung zum Mord an ihrem Mann abgeben wollte. Am selben Tag drangen Sicherheitskräfte in ihr Haus ein, bedrohten sie, rissen Bilder von der Wand und warfen Einrichtungsgegenstände auf den Boden.

Doch die 37-Jährige lässt sich dadurch nicht von ihrem Ziel abbringen. Dank der Hilfe von EEVFAM hat sie sich von einer eingeschüchterten Mutter und Witwe zu einer selbstbewussten Frau entwickelt, die ihr Anliegen inzwischen auch auf internationaler Bühne vorbringt.

So zuletzt im September in Berlin: Gemeinsam mit einer indischen Frauenrechtsaktivistin und unterstützt von Amnesty in Indien machte sie Politikerinnen und Politiker auf die Situation in Manipur aufmerksam und forderte Unterstützung. Das bleibt auch dringend nötig. Kurz nach ihrer Rückkehr in ihr Heimatdorf erhielt Memcha Anrufe durch lokale Sicherheitskräfte.

Amnesty International in Indien wurden die Konten gesperrt. Wenn Sie die Arbeit unserer Kolleginnen und Kollegen unterstützen oder mehr über die Arbeit von Amnesty in Manipur erfahren wollen: www.amnesty.de/india

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