Amnesty Journal Indien 04. Juni 2018

Ganz unten

Eine verhüllte Frau läuft mit Rücken zur Kamera einen Pfad zwischen Bäumen entlang

Auf den Spuren der Mörder. Kamilta nahe Saharanpur, wo ihre Tochter Meenu ums Leben kam, April 2018.

In Indien sind Millionen Dalit Gewalt und Diskriminierung ausgesetzt.

Von Maja Weiss und Emre Çaylak (Fotos), Pune

Der 14. April 2014 sollte ein fröhlicher Tag werden. Manik Udage und seine Freunde hatten sogar eine Trommelgruppe für ihre kleine Parade organisiert, Girlanden gebastelt und Poster drucken lassen. "Etwa 200 bis 300 Leute nahmen teil", erinnert sich sein Bruder Shravan, ein bedächtiger 23-Jähriger, der für sein Alter sehr erwachsen wirkt.

Er sitzt auf einem Bett in der Wellblechhütte der Familie am Rand der westindischen Fünf-Millionenstadt Pune und zeigt Fotos seines Bruders auf dem Handy. Es sind Tatortfotos: Manik, den Kopf blutig bis zur Unkenntlichkeit, erschlagen in ­einem Steinbruch, weil er es gewagt hatte, den Geburtstag von B. R. Ambedkar zu feiern, dem Vater der indischen Verfassung.

Dass immer mehr Dalit in ihm einen Vorkämpfer für ihre Rechte sehen, passt längst nicht allen in Indien. Schließlich ­stehen die Dalit ganz am Rand der starren Kastengesellschaft. Früher wurden sie "Unberührbare" genannt, weil Mitglieder höherer Kasten sich für "beschmutzt" hielten, wenn auch nur der Schatten eines Dalit auf sie fiel. Heute ist es zunehmend gefährlich in Indien, Dalit zu sein. Gewalt und Diskriminierung haben in den vergangenen Jahren zugenommen: Mittlerweile werden jährlich 40.000 Verbrechen gegen Dalit registriert.

Mehr als 200 Millionen der 1,3 Milliarden Inder sind Dalit. Zwar ist Diskriminierung wegen Kastenzugehörigkeit laut Verfassung verboten, aber die jahrhundertealte Hierarchie bestimmt vielerorts noch immer den Alltag. Mancherorts dürfen Dalit nicht aus demselben Brunnen trinken wie andere. Teils ist ihnen der Besuch hinduistischer Tempel verwehrt, weil sie den heiligen Ort angeblich verunreinigen. Immer noch arbeiten viele Dalit als Straßenfeger, Gerber, Abfallsammler oder Latrinenreiniger –Tätigkeiten, die als unrein gelten.

Kurz vor dem Fest zu Ehren von Ambedkar hatte Manik ­Udage Besuch von seinem Nachbarn Satish Bhatia erhalten. Er terrorisiert mit seinen Leuten das Viertel und lebt angeblich von Schutzgelderpressung. "Sei nicht so arrogant", sagte er zu Udage. "Wenn du es wagst, das Fest zu feiern, zeigen wir dir, wo du hingehörst." Bhatia selbst gehört zu den Maratha, die schon vor 300 Jahren die Herrscher im heutigen westindischen Bundesstaat Maharashtra stellten und bis heute die Politik dort dominieren.

Bhatia konnte es nicht auf sich sitzen lassen, dass ihm ein Dalit widersprach, einer wie Manik Udage. Das Fest fand statt, wie geplant. Sein Bruder Shravan sah Bhatia kurz am Straßenrand, als die Parade vorbeizog: "Er sah wütend aus."

Zwei Wochen später schreckten die Udages aus dem Schlaf auf. Taschenlampen blitzten, Bhatia und drei weitere Männer rissen Manik aus seinem Bett, zerrten ihn in ein Auto und fuhren davon. "Das Ganze dauerte keine zehn Minuten", sagt Shravan. Er suchte die ganze Nacht und den nächsten Morgen nach seinem Bruder. Die Polizei behandelte die Udages unhöflich. Und sie registrierte Manik zunächst nur als vermisst. "Ich war noch nie in meinem Leben auf einer Polizeiwache, deshalb ­wusste ich nicht, dass ich das Protokoll noch einmal hätte durchlesen müssen", sagt Shravan.

Ein Mord mit Folgen

"Wir kennen viele ähnliche Fälle", sagt Asha Kowtal. Die 42-Jährige arbeitet für AIDMAM, eine Organisation, die sich für die Rechte vor allem von Dalit-Frauen einsetzt. "Es kommt auch vor, dass Polizisten und Ärzte bestochen werden, damit sie die Untersuchungsberichte fälschen." Die Diskriminierung diene dazu, "soziale Mobilität zu verhindern", sagt Kowtal. "Es ist für viele aus den dominanten Kasten schwer zu verdauen, dass wir zu den gleichen Dingen fähig sind wie sie selbst."

Ein Mann sitzt in seiner Hütte, im Hintergrund sieht man draußen einen Polizisten

Staatlicher Schutz. Shravan Udage in Pune, März 2018.

Nur mit Mühe erreichten die Udages, dass der Fall unter dem "Anti-Grausamkeiten"-Gesetz registriert wurde, das den Dalit und auch den ähnlich diskriminierten Adivasi besonderen Schutz bietet. Es gewährt in solchen Fällen das Recht auf juristische Unterstützung und staatliche Entschädigung. Zudem verhinderte es, dass Bhatia noch während des laufenden Verfahrens gegen Kaution freikam. Doch selbst aus der Untersuchungshaft heraus schüchterte er offenbar Zeugen ein oder bestach sie, damit sie ihre Aussagen änderten oder widerriefen.

Der Mord hatte weitere fatale Folgen für die Dalit-Familie: Shravan Udage lebt heute in Angst. Seit dem Mord verlässt er das Haus nur noch, wenn es unbedingt nötig ist. Die Familie hat Polizeischutz erhalten. Ein Beamter sitzt auf dem kleinen Feldweg, der hinter den Wohnblocks zur Hütte der Udages führt, ­unter einem Baum.

"Früher habe ich öfter mal Freunde getroffen", sagt Udage. "Jetzt komme ich nach der Arbeit sofort nach Hause." Selbst seine beruflichen Pläne musste er ändern, um seine Mutter und seinen Bruder, einen Epileptiker, nicht allein zu lassen. "Ich wollte eigentlich Polizist werden, das war Maniks Wunsch", sagt er. "Aber dafür hätte ich sechs Monate zu einer Schulung fortgehen müssen."

Das Kastensystem spaltet Indien. Immer wieder sorgen Attacken radikaler Hindus gegen Dalit, Muslime oder Mitglieder ­anderer Minderheiten für Schlagzeilen. Nach Ansicht von Kritikern trägt die hindunationalistische Regierungspartei BJP eine Mitschuld an den Vorfällen. Einzelne BJP-Mitglieder äußern sich immer wieder abfällig über Dalit und Muslime. Aber Diskriminierung und Gewalt gehen nicht nur von radikalen Hindus aus, das Problem ist viel grundsätzlicher und bestand auch schon, als noch die säkulare Kongresspartei regierte.

Zwar wurde im vergangenen Jahr mit Ram Nath Kovind ein Dalit zum Staatspräsidenten gewählt. Regierungskritiker halten ihn aber nur für ein Feigenblatt der BJP. Die Opposition spielt allerdings dasselbe Spiel: Die Kongresspartei hatte 2017 ebenfalls einen Dalit als Präsidentschaftskandidaten aufgestellt, um nicht als elitär zu gelten.

Die Nationale Dalit-Bewegung für Gerechtigkeit (NDMJ) hat inzwischen eine Datenbank eingerichtet, in der mehr als 1.000 Diskriminierungsfälle dokumentiert sind. Sie liest sich wie eine Sammlung von Horrorgeschichten: Ein Dalit wurde ermordet, weil er sich weigerte, auf den Feldern der Grundbesitzer zu arbeiten; ein anderer attackiert, weil er es wagte, zu seiner Hochzeit ein Pferd zu reiten – traditionell ein Privileg der oberen ­Kasten. Ein 17-Jähriger wurde von einem Mob zu Tode geschleift und an einem Baum aufgehängt, weil er angeblich eine Affäre mit einem Mädchen aus einer höheren Kaste hatte.

Der Körper einer Dalit-Frau ist nicht mehr wert als ein Wegwerf­becher.

Asha
Kowtal
Hilfsorganisation AIDMAM

Auch viele Fälle sexueller Gewalt finden sich in der Datenbank. Asha Kowtal von der Hilfsorganisation AIDMAM spricht angesichts der Tatsache, dass Frauen in Indien allgemein viel Gewalt erfahren, von einer doppelten Diskriminierung: "Der Körper einer Dalit-Frau ist nicht mehr wert als ein Wegwerf­becher. Ein Mann aus einer dominanten Kaste mit einem toxischen Verständnis von Männlichkeit denkt sich: 'Sie hat mir ­sexuell gefügig zu sein. Dafür ist sie da.' Der Kampf der Kasten wird auf unseren Körpern ausgetragen."

Jeder kennt die Täter

So wie im Fall der Schülerin Meenu aus einem Dorf im nördlichen Bundesstaat Uttar Pradesh: Gegen vier Uhr nachmittags wurde die Zwölfjährige auf dem Weg zur Nachhilfe entführt. "Wir suchten alle Felder ringsherum ab", erzählt Kamilta, ihre Mutter. Sie besteht darauf, nur ihren Vornamen zu verwenden – die Nachnamen weisen meist auf die Kastenzugehörigkeit hin.

Das Gebäude, in dem Meenus Unterricht stattfand, liegt an einem Feldweg an einem Kanal, keine zehn Gehminuten vom Haus der Familie entfernt. Auf der gegenüberliegenden Seite des Kanals gibt es ein paar Läden, es ist daher fast undenkbar, dass niemand die Entführung beobachtet hat. Doch wie sich später herausstellte, gehören die mutmaßlichen Täter zur reichs­ten Familie im Dorf. Sie standen bereits zuvor wegen ­zahlreicher Vergehen vor Gericht, darunter Brandstiftung, schwerer Raub, Geldfälschung und Mord. Doch ihre Familie hat viel Einfluss.

Kamilta kommen die Tränen, als sie erzählt, in welchem ­Zustand ihr Mann und ihre anderen Kinder Meenu fanden: In einem Feld, mehrfach vergewaltigt, die Beine gebrochen, ihr Halstuch in den Mund gestopft, die Kehle durchgeschnitten. Ihr Zustand beschreibt, dass die Mörder sie als ein Ding ansahen, das man benutzt und wegwirft. Kamilta hält kurz inne, wischt sich mit einem Schal die Tränen aus dem Gesicht, fasst sich und spricht weiter. Sie will, dass jeder erfährt, was mit ihrer Tochter geschah, damit ihr endlich Gerechtigkeit widerfährt. Der Fall zieht sich seit sieben Jahren vor Gericht hin.

Die Kastenhierarchie beschränkt sich längst nicht nur auf den Hinduismus. Auch Inder, die unter den muslimischen Eroberern zum Islam konvertierten, behielten das Kastenwesen bei. Kamiltas Dorf wird dominiert von einer Kaste muslimischer Großgrundbesitzer. Zwischen ihnen und den Tagelöhnern, bei denen es sich größtenteils um hinduistische Dalit handelt, herrscht ein kühles Verhältnis, "Sie neiden es uns, wenn unsere Kinder lernen und weiterkommen", sagt Kamilta, die selbst Analphabetin ist.

Ein Junge und ein Mädchen in einem Raum aus Ziegelstein blicken in die Kamera

Beschützt von den Eltern. Vishal und Neha in Saharanpur, April 2018.

Die Familie der Mörder schien zu glauben, sie könnten über die Dalit verfügen wie über ihren Besitz: Zwei, drei Jahre bevor Meenu ermordet wurde, hatte der Clan damit begonnen, ihre ­ältere Schwester Pooja, die damals ebenfalls zwölf Jahre alt war, mit zweideutigen Angeboten zu belästigen. "Sie sagten, wir ­sollen sie auf ihr Feld oder in ihr Haus zum Arbeiten schicken. Dazu machten sie Bemerkungen über ihr hübsches Aussehen", erzählt die Mutter.

Pooja, eine schlanke junge Frau mit heller Haut, war gut in der Schule und hätte gern studiert. Doch die Belästigungen schüchterten sie ein. "Sie folgten mir, wenn ich aus dem Haus ging, nahmen mir mein Handy weg", erzählt sie. Als ihre Mutter sich weigerte, dem Drängen nachzugeben, begannen sie zu ­drohen: "Dafür wirst du bezahlen." Die Eltern wussten keine bessere Lösung, als Pooja mit nur 15 Jahren in ein anderes Dorf zu verheiraten, um sie in Sicherheit zu bringen. Statt zu studieren, ist sie nun eine Hausfrau mit zwei Söhnen, die etwa so alt sind wie ihr jüngster Bruder.

Auch die zweitälteste Tochter nahmen die Eltern aus der Schule und verheirateten sie zwei Jahre später. Neha, die Jüngs­te, lebt noch zu Hause. Sie möchte Ärztin werden. Sie sagt zwar, sie habe keine Angst, aber die Eltern lassen sie nicht allein vor die Tür.

Anfang April gingen Hunderttausende Dalit in ganz Indien auf die Straßen, um gegen die drohende Aufweichung des Antidiskriminierungsgesetzes zu protestieren. Die Wut richtet sich gegen ein Urteil des Obersten Gerichtshofes, das die obligatorische Inhaftierung von Verdächtigen bei Verstößen gegen das "Anti-Grausamkeiten"-Gesetz aus dem Jahr 1989 aufgehoben hat, um einem angeblich verbreiteten Missbrauch des Gesetzes entgegenzuwirken.

Viele Dalit empört das. Das Urteil schwäche das Gesetz ab, sagen Vertreter von Menschenrechtsgruppen wie Jesi Antony von der Nationalen Dalit-Bewegung: "Andere Gerichte werden sich darauf berufen und ähnlich urteilen. Wir sehen schon jetzt neue Fälle, bei denen Polizei oder Gerichte dem Urteil folgen und sich weigern, Beschuldigte zu inhaftieren."

Nachdem es bei den Protesten gegen das Urteil zu gewalt­samen Auseinandersetzungen und Toten kam, erklärte die ­Regierung, sie werde Berufung gegen das Urteil einlegen. Auch mehrere Dalit-Organisationen wollen sich wehren. Anhand ­konkreter Fälle wollen sie vor Gericht deutlich machen, wie real Diskriminierung und Gewalt für die Dalit sind – so wie für Meenu und Manik Udage.

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