Amnesty Journal Deutschland 21. März 2018

Alles nur geklaut

Lithografie mit Szene eines Kampfes zwischen Kolonialbeamten und indigener Bevölkerung

Ungleicher Kampf. Einsatz der "Schutztruppe" gegen aufständische Doula in Hickorytown, Kamerun, Dezember 1884, zeitgenössische Lithografie.

Abertausende aus den ehemals deutschen Kolonien entwendete Kulturobjekte und Gebeine lagern noch in deutschen Museen und Sammlungen. Eine Rückgabe versucht die deutsche Politik zu vermeiden.

Von Uta von Schrenk

Was für ein schönes Stück ist ihm da in die Hände ­geraten! Freudig erregt schreibt der Sammler Max Buchner 1884 die Umstände in sein Tagebuch, unter denen er an eine reich verzierte Schnitzerei gekommen ist, die er von Kamerun nach München verschiffen lassen will. Diese hat einst den Bug eines königlichen Prunkschiffes ­geschmückt. Doch der Besitzer der Schnitzerei, der Douala-König Lock Priso, will sich nicht unter die "Schutzherrschaft" des Deutschen Reiches stellen. Also werden die deutschen Truppen rabiat: "Das Haus des Lock Priso wird niedergerissen, ein bewegtes malerisches Bild", schwärmt Buchner, Vizekonsul und Hobbyethnologe: "Wir zünden an. Ich habe mir aber ausgebeten, dass ich die einzelnen Häuser vorher auf ethnographische Merkwürdigkeiten durchsehen darf."

Die "Merkwürdigkeit", die Buchner damals entwendet hat, ist heute als Kameruner Schiffschnabel im Museum Fünf Kon­tinente, dem ehemaligen Völkerkundemuseum München, zu ­bewundern.

Das Problem ist, er ist immer noch da. Dabei hat einer der rechtmäßigen Kameruner Erben den Schiffschnabel längst zurückgefordert. Doch die deutsche Politik mauert – wie in anderen ähnlichen Fällen auch. Und so stehen immer wieder Rück­gabeforderungen bedeutender Kulturgüter und menschlicher Überreste aus ehemals deutschen Kolonien im Raum. Die prominentesten der jüngsten Zeit sind die der Bronzen des ehemaligen Königreichs Benin in Nigeria oder des Brachiosaurus brancai aus Tansania. Derzeit liegen dem Auswärtigen Amt offizielle Forderungen aus Namibia vor – zu Gebeinen in verschiedenen deutschen Einrichtungen, der Witbooi-Bibel im Linden-Museum Stuttgart sowie zur Kreuzkapsäule im Deutschen Historischen Museum Berlin.

Als "äußerst sensibel" bezeichnet Stefan Eisenhofer, Leiter der Afrika-Abteilung des Museums Fünf Kontinente und damit der Hüter des Schiffschnabels, den Münchener Rückgabefall. Schließlich sei das gesamte Gebiet der Restitutionsforderungen "juristisch vermint". Zu groß sei die Angst, Präzedenzfälle zu schaffen.

Die Angst kommt nicht von ungefähr: Abertausende in ­Afrika, China oder dem pazifischen Raum entwendete Kultur­objekte lagern heute in deutschen Museen und Sammlungen. Selbst menschliche Überreste brachten die deutschen Kolonialherren ihren Rasseforschern daheim tausendfach mit. Rund 5.500 Schädel aus aller Welt, ein Großteil von ihnen aus den ehemals deutschen Kolonien, umfasst allein die Berliner Luschan-Sammlung.

Nun gerät die deutsche Politik durch einen Vorstoß des französischen Präsidenten Emmanuel Macron unter Zugzwang. Dieser hatte auf dem EU-Afrikagipfel Ende November 2017 seinen Willen bekundet, "dass innerhalb der nächsten fünf Jahre die Voraussetzungen für zeitweilige oder endgültige Restitutionen des afrikanischen Erbes an Afrika geschaffen werden". Prompt forderten vierzig deutsche NGOs Bundeskanzlerin Angela Merkel in einem offenen Brief auf, "sich zur historischen Initiative des französischen Präsidenten zu positionieren".

Für den Menschenrechtsaktivisten ­Mnyaka Sururu Mboro von der NGO Berlin Postkolonial, der den Brief mit verfasst hat, haben Rückgabeangebote nun oberste Priorität. "Die Objekte und die Ahnen der zumeist bekannten Herkunftsgesellschaften dürfen nur dann in den Sammlungen verbleiben, wenn diese ausdrücklich zustimmen." Nach dem jahrzehntelangen Tauziehen um die Rückgabe nationalsozialistischer Raubkunst steht in Deutschland damit die nächste schuldbeladene historische Debatte an.

Treibmittel der Auseinandersetzung ist auch die unglückliche Genese des Humboldt-Forums in Berlin, des künftigen deutschen Kulturzentrums. Nicht nur postkoloniale Initiativen, auch renommierte Wissenschaftler wie die Berliner Kunsthistorikerin Bénédicte Savoy kritisieren den unsensiblen Umgang mit der kolonialen Füllung, die ab Herbst 2019 am Berliner Schlossplatz zu sehen sein soll. Die Sammlung umfasst dann immerhin 25.000 Objekte des Ethnologischen Museums und des Museums für Asiatische Kunst.

Doch von einer eleganten politischen Geste wie der Frankreichs ist hierzulande nichts wahrzunehmen. Die deutsche Politik verharrt lieber in bewährter Haltung: dem Aussitzen. Zwar begrüßt Kulturstaatsministerin Monika Grütters (CDU) offiziell das Engagement Macrons und versichert, dass auch für die Bundesregierung ein angemessener Umgang mit dem kolonialen Erbe auf der Agenda stehe. Zugleich stellt sie aber für die deutsche Seite klar: "Rückgaben sind nicht die einzige Option." Erforderlich sei vielmehr "eine vertrauensvolle Zusammenarbeit mit den Herkunftsstaaten und -communities und ein Dialog auf Augenhöhe".

Ausgerechnet von Augenhöhe könne nicht die Rede sein, kritisieren die postkolonialen Initiativen. "Wenn die deutsche Seite einerseits den Willen zur Rückgabe in bestimmten Einzelfällen beteuert, zugleich aber betont, keine Rechtspflicht zur Rückgabe anzuerkennen, läuft das darauf hinaus, dass koloniale Bilder von Gönnern und Bittstellern reproduziert werden", sagt Wolfgang Kaleck, Generalsekretär des European Center for Constitutional and Human Rights.

Die Kritiker des deutschen Umgangs mit dem kolonialen Erbe werfen der Kulturstaatsministerin "Verzögerungstaktik" vor, wie Aktivist Mboro sagt. Ministerin Grütters betont nämlich, dass zunächst eine profunde Forschung zur Provenienz, also zur Herkunft der Objekte betrieben werden müsse.

Wiebke Ahrndt, Direktorin des Übersee-Museums Bremen, räumt ein, bundesweit stünden insbesondere Historiker und Ethnologen vor einer "immensen" Forschungsaufgabe. "Die kolonialen Sammlungen sind extrem umfangreich, und für die wenigsten ist die Provenienz bisher zufriedenstellend geklärt." Die schlichte Wahrheit: Man hat sich bislang nicht groß darum gekümmert. Unter Ahrndts Leitung erarbeitet nun eine Arbeitsgruppe beim Deutschen Museumsbund Empfehlungen zum Umgang mit Sammlungsgut aus kolonialen Kontexten.

Was dem laxen Umgang zugrunde liegt, erklärt Jürgen Zimmerer, Professor für die Geschichte Afrikas an der Universität Hamburg: "In der deutschen Gesellschaft wie in den deutschen Museen findet sich bis heute in Teilen eine koloniale Amnesie." Die Dimension des Holocausts lässt die koloniale Schuld in den Hintergrund rücken. "Bei vielen herrscht die Meinung vor, dass der Kolonialismus entweder nicht so schlimm oder gar zum Wohle der betroffenen Menschen war", sagt Zimmerer, "dabei war er ein Ausbeutungs- und Fremdherrschaftssystem, sowie ein Massenraubmord ungeahnten Ausmaßes".

Wie gewaltig einem die ungeklärten ­Eigentumsverhältnisse kolonialer Kultur­objekte auf die Füße fallen können, musste der Ethnologe und Historiker Stefan Eisenhofer lernen, als er die Obhut des Kameruner Schiffschnabels von seiner Vorgängerin übernahm. Seit Mitte der neunziger Jahre ist nämlich eine Rückgabeforderung des Douala-Prinzen Alexandre Kum’a Ndumbe III. anhängig, ein Enkel von Lock Priso und damit einer der Erben des geraubten Statussymbols. Eisenhofer findet sich nun in einer Gemengelage aus bayerischer Besitzstandswahrung und kamerunischen Interessenskollisionen wieder.

Warum selbst in Fällen wie diesem, in dem die Herkunft ­geklärt ist, nichts vorangeht, liegt auch an der internationalen Rechtslage, die es der deutschen Politik leicht macht. In einem Leitfaden des Deutschen Museumsbundes heißt es, dass "sich auf der Basis völkerrechtlicher Bestimmungen heute keine Rückforderungen mehr von den Herkunftsstaaten durchsetzen" lassen. Das internationale Recht erteilt den einstigen Kolonialherren Absolution, macht aus Räubern Besitzer.

"Die Behauptung, durch koloniales Unrecht geschaffene ­Besitzverhältnisse seien durch das Recht legitimiert, darf auf keinen Fall fortgeschrieben werden", sagt Jurist Kaleck. Der Weltmuseumsbund etwa empfiehlt im Falle von "sensiblen ­Materialien", also Gebeinen oder sakralen Gegenständen, auf die Herkunftsgesellschaften "proaktiv" zuzugehen und ihnen eine Rückgabe anzubieten. Und aus Artikel 18 der Erklärung zu den Rechten Indigener Völker der Vereinten Nationen können ethnische Gemeinschaften das Recht ableiten, sich bei Restitutionsforderungen selbst zu vertreten.

Aus der Perspektive eines afrikanischen Experten ist dem deutschen Eiertanz um das koloniale Raubgut nur durch einen internationalen politischen Ansatz beizukommen. Denn die koloniale Lage etwa in britischen oder französischen Museen sieht nicht anders aus. Der Historiker Ciraj Rassool, Direktor des Afrikanischen Programms für Museums- und Kulturerbeforschung an der Western Cape-Universität in Südafrika, befürwortet ein Übereinkommen der UNESCO, das etwa die Rückgabe menschlicher Überreste regelt. Doch bislang reicht es nicht einmal zu ­einer internationalen Übereinkunft, wie sie im Umgang mit der NS-Raubkunst getroffen wurde. Mit der "Washingtoner Erklärung" verpflichteten sich die Unterzeichnerstaaten zur Restitution von im Nationalsozialismus enteigneten Kunstgegenständen.

Derweil ist Stefan Eisenhofer, der Hüter des Kameruner Schiffschnabels in München, schon froh, dass seit einem Treffen mit dem Kameruner Prinzen im Mai 2016 ein "respektvoller Ton" in die Rückgabeverhandlungen eingezogen ist. "Wir wollen keine Raubkunst behalten", beteuert der Ethnologe für sein ­Museum. Ob und wann der Schiffschnabel aber nach Kamerun heimkehren wird, ist fraglich. Bislang hat der kamerunische Staat nämlich kein offizielles Rückgabegesuch gestellt. Also hält sich auch die deutsche Politik zurück. Proaktiv geht anders. 

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