Amnesty Journal Deutschland 01. Januar 2020

Sprache mit Stigma

Ein roter Geländewagen fährt durch einen Kreisverkehr, in dessen Mitte eine Skulptur steht, die einen Stapel Bücher darstellt.

Belesen. Eine Plastik aus Büchern schmückt einen Kreisverkehr in Nizwa, Sultanat Oman.

Arabische Literatur hat in Deutschland einen schweren Stand. Dank geflüchteter Autoren ist inzwischen aber eine neue Szene entstanden.

Von Moritz Behrendt

Es war ein Experiment mit erschreckendem Ausgang. Die Übersetzerin Leila Chammaa wollte erfahren, wie die arabische Sprache auf ein deutsches Publikum wirkt. Auf der Leipziger Buchmesse vor gut drei Jahren las sie aus einem arabischen Kinderbuch vor. Im Original. In der Diskussion meldete sich ein Zuhörer zu Wort. Er meinte, die Begriffe Allah und Islam gehört zu haben. "Da war ich schon geschockt", sagt Chammaa, "denn weder das eine noch das andere Wort kam im Text vor."

Auch Ramy al-Asheq kommt es so vor, als seien arabische Buchstaben mit einem Stigma behaftet. Sobald er in Deutschland in der U-Bahn ein arabisches Buch aufschlage, ernte er abschätzige Blicke, erzählt der syrisch-palästinensische Dichter, der seit 2014 in Deutschland lebt. Bei vielen Menschen löse ­Arabisch, diese reiche und vielfältige Sprache, Angst aus und werde sofort mit Terrorismus verknüpft. Eine Sprache unter ­Generalverdacht.

Abschätzige Blicke und Angst
Die Beziehung der arabischen Sprache und Literatur zum deutschen Lesepublikum ist geprägt von Missverständnissen und Vorurteilen. Manche Leser erwarten einen blumigen, märchenhaften Stil à la "1001 Nacht", andere sehen arabische Literatur vor allem als Wegweiser durch die politischen Konflikte der Region.

Die preisgekrönte ägyptische Autorin Basma Abdelaziz reagiert fast schon ein bisschen genervt, wenn sie auf den politischen Gehalt ihrer Romane angesprochen wird: "Natürlich verdaut ein Autor das, was in der Realität geschieht. Das drückt sich auch in den Protagonisten von Kurzgeschichten und Romanen aus. Aber ich versuche, das dennoch vom literarischen Schreiben zu trennen."

Ihr Debütroman "Das Tor" von 2013 erscheint im kommenden Jahr auf Deutsch. Er kann durchaus als Allegorie auf den Autoritarismus in Ägypten gelesen werden. So ganz leicht lassen sich Politik und Literatur dann also doch nicht trennen, zumal Abdelaziz auch als Psychiaterin für das Nadeem-Zentrum für die Rehabilitierung von Opfern von Gewalt und Folter in Kairo arbeitet. 2018 erhielt das Zentrum den Amnesty-Menschenrechtspreis.

Schattendasein auf deutschem Markt
Aber Abdelaziz’ Werk und das vieler anderer Autoren hat ­literarisch weit mehr zu bieten: Die Bandbreite reicht von dystopischer Science-Fiction über lakonische Liebesgedichte bis hin zu ausschweifenden Familienepen. Nur, vieles davon gelangt nie auf den deutschen Buchmarkt – vielleicht auch, weil es nicht den Erwartungen entspricht. Lediglich zwischen neun und zwölf Romane würden jährlich in Deutschland veröffentlicht, schätzt die Übersetzerin Chammaa.

In seinem jüngst erschienenen Kompendium der Literaturen des Orients schreibt der Autor und Übersetzer Stefan Weidner zwar, diese Literaturen seien "in der glücklichen Lage, vor niemandem mehr ihre weltliterarische Bedeutung und Reichweite unter Beweis stellen zu müssen". Dass seine Einführung "1001 Buch" nicht ohne einen Bezug zum Stereotyp des märchenhaften Orients im Titel auskommt, scheint dem jedoch zu widersprechen. Ebenso Weidners unermüdliche Bestrebungen, arabische Literatur den Deutschen näherzubringen. Häufig sind es die Übersetzer, die bei Verlagen für spannende Schriftsteller oder Bücher werben. Mit unterschiedlichem Erfolg: "Deutsche Verlage interessieren sich eher für Länder, die sie schon kennen", berichtet Chammaa. So sind Werke aus Ägypten und dem Libanon im Buchhandel durchaus gut vertreten, Romane aus dem Irak oder Jemen haben dagegen Seltenheitswert.

Fehlende Vernetzung arabischer Buchmärkte
Dass die arabische Literatur auf dem deutschen Buchmarkt nur ein Schattendasein führt, hat aber nicht nur mit der mangelnden Experimentierfreudigkeit der Verlage oder dem Desinteresse deutscher Leser zu tun. Es gibt auch in der arabischen Welt handfeste Gründe, die verhindern, dass Literatur sich entfalten kann: Die nationalen Märkte sind nicht besonders gut miteinander vernetzt. Jenseits der Buchmessen kann es schwierig sein, in Marokko Literatur aus dem Irak zu kaufen und andersherum. Ein nicht besonders sorgfältiges Lektorat hilft den Büchern auch nicht gerade weiter, und Basma Abdelaziz beklagt zudem einen grundsätzlichen Verfall der arabischen Sprache. Selbst hochgestellte Persönlichkeiten könnten häufig keinen fehlerfreien Satz formulieren. Anspruchsvolle Literatur hat es da nicht leicht!

Am stärksten wirken sich aber Krieg und Unfreiheit aus: Wenn sich Schriftsteller politisch äußern oder engagieren, werden sie in vielen arabischen Staaten zensiert oder müssen gar um ihr Leben fürchten. Die arabisch-deutschen Literaturtage in Berlin im Oktober – organisiert vom Kulturportal Fann-Magazin und der Heinrich-Böll-Stiftung – boten dankenswerterweise auch Autoren eine Bühne, die nicht da sein konnten, weil sie verschleppt oder verhaftet wurden. So wurden Texte von Ashraf Fayyad vorgelesen, der in saudischer Haft sitzt, sowie Texte der syrischen Autoren Samira Al-Khalil und Nazem Hamadi, die vor sechs Jahren von einer salafistischen Miliz verschleppt wurden.

Zahl arabischer Autoren in Deutschland steigt
Zahlreiche Schriftsteller sind vor dem Krieg oder den Repressionen des Assad-Regimes aus Syrien geflüchtet: Manche haben die mühseligen und gefährlichen Routen über den Balkan oder das Mittelmeer genommen. Ramy al-Asheq hatte das Glück, mit einem Autorenstipendium nach Deutschland zu kommen. Heute ist er Chefredakteur des Fann-Magazins, das im Netz unter anderem arabische Lyrik veröffentlicht. "Inzwischen leben mehr als 200 arabische Autoren in Deutschland, das ist schon eine richtige Szene", sagt er. Und man begegne ihr in Deutschland durchaus mit Wohlwollen. Es gebe Möglichkeiten, zu publizieren, etwa über öffentlich geförderte Projekte wie "Weiter Schreiben jetzt". Den Begriff Exil-Literatur sieht al-Asheq dennoch zwiespältig. Darin schwinge mit, dass das Schicksal der Autoren interessanter sei als ihre Werke. Leila Chammaa drückt es so aus: "Es stimmt mich traurig, dass man immer auf eine Katastrophe warten muss, bis man auf die Literatur aufmerksam wird. Und dann wird über Politik gestritten und nicht über Literatur."

Wiederentdeckung arabischer Klassiker
Erfreut registriert al-Asheq dagegen, dass seine Werke und die anderer nach Europa geflüchteter Autoren auch in den arabischen Staaten gelesen werden. So überschreitet Literatur Grenzen – in alle Richtungen. Für Stefan Weidner sind es gerade die "weltliterarischen Verflechtungen", die arabische Literatur auszeichnen: So manches Buch sei nur dank einer wechselseitigen arabisch-europäischen Rezeptionsgeschichte zum Klassiker geworden. Das gilt für die Märchen aus Tausendundeiner Nacht, aber auch für Abu l-’Ala al-Ma’arris "Sendschreiben über die Vergebung", das als Vorläufer für Dantes "Göttliche Komödie" gilt. In der arabischen Welt war das "Sendschreiben" über Jahrhunderte fast vergessen und konnte nur durch europäische Vermittlung in der Heimat wiederentdeckt werden. Von Islamisten verpönt, von vielen anderen geliebt, avancierte die satirische Jenseitsreise zu einem der meistgelesenen Bücher der klassischen arabischen Literatur.

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