Amnesty Journal 30. März 2021

Tod eines Kriegsdienstverweigerers

Eine Comizeichnung stellt einen jungen Mann dreifach dar: Lesend, als Soldat mit Helm und Gewehr und mit geöffneten Augen aus nächster Nähe.

Verzweifelt: Während eines Wehrurlaubs begeht Hermann Brinkmann Suizid.

In Westdeutschland mussten sich Generationen junger Männer, die den Wehrdienst verweigerten, einer entwürdigenden Gewissensprüfung unterziehen. In "Gegen mein Gewissen" erinnert Hannah Brinkmann an einen Pazifisten, der daran zerbrach.

Von Wera Reusch

Die Autorin ist fünf Jahre alt, als sie bei einem Familientreffen an Weihnachten erfährt, dass ihr Onkel Hermann "im Himmel" sei. Als sie wissen will, warum, ­erklärt ihr Vater: "Das erzähle ich dir, wenn du groß bist!" Zwanzig Jahre später feiert die Familie im selben Haus erneut gemeinsam Weihnachten, als die Autorin ihrem Vater verkündet, sie wolle Hermanns Geschichte erzählen. Ihre Idee stößt zunächst auf wenig Begeisterung: "Warum muss man das alles jetzt wieder aufwühlen", fragt ihr Vater.

Die beiden Sequenzen machen den autobiografischen Hintergrund dieser Graphic Novel deutlich: Hannah Brinkmann erzählt in "Gegen mein Gewissen" die Geschichte ihres Onkels, der sich 1974 das Leben nahm, nachdem seine Kriegsdienstverweigerung aus Gewissensgründen abgelehnt worden war. Das Buch setzt Mitte der 1950er-Jahre ein, als die allgemeine Wehrpflicht und ein mehrstufiges Prüfungsverfahren für Kriegsdienstverweigerer eingeführt wurden.

Empfindsamer Junge

Der 1955 geborene Hermann wächst in einer kinderreichen Familie im niedersächsischen Lindern auf. In ausgewählten Szenen schildert Hannah Brinkmann den empfindsamen Charakter des Jungen, der bereits als Kind kein Cowboy mit Pistole sein will und seinen Vater kritisiert, der auf die Jagd geht. Die detailreich gezeichneten Bilder lassen die 1960er- und 1970er-Jahre lebendig werden – die Ordnung, Enge und den autoritären Geist einerseits, das Aufbegehren und die kleinen Fluchten der Jugendlichen andererseits. Ob der Messbecher in der Küche oder das Plattencover im Jugendzimmer – Brinkmann hat jede Kleinigkeit recherchiert und bringt den Zeitgeist präzise auf den Punkt.

Erniedrigende Gewissensprüfung

Das eigentliche Drama beginnt, als Hermann seinen Musterungsbescheid bekommt. Anders als seine beiden älteren Brüder will er weder eine Krankheit vortäuschen noch nach Westberlin abhauen, um dem Verfahren zu entgehen. "Ich schiebe keine verlogenen Ausreden vor! Ich bin kein Feigling", erklärt er seinen Geschwistern. Er stellt sich der schikanösen Gewissensprüfung und wird in erster wie zweiter Instanz abgelehnt. Obwohl er beim Verwaltungsgericht dagegen klagt, wird Hermann zur Bundeswehr eingezogen. Wenige Monate später bringt er sich während eines Wehrurlaubs in Lindern um. In ihrer Todesanzeige macht die Familie deutlich, dass sie der Bundeswehr eine Mitschuld am Tod des 19-Jährigen gibt, und löst damit ­einen Skandal aus. Es wird jedoch noch Jahre dauern, bis die ­erniedrigende Gewissensprüfung ausgesetzt wird.

Hannah Brinkmann erzählt weit mehr als die Geschichte ­ihrer Familie. In starken, surrealen Bildern verdeutlicht sie die verzweifelte Lage eines jungen Menschen, der wegen seiner politischen Überzeugungen so sehr unter Druck gesetzt wird, dass er daran zerbricht. "Hermann war ein Opfer verfehlter konservativer Nachkriegspolitik", sagt die Autorin in der zweiten autobiografischen Sequenz zu ihrem Vater: "Das System hat Kriegsdienstverweigerer gedemütigt und misshandelt. Amnesty International hat sie als politisch Verfolgte betrachtet." Ihr eindrucksvolles Buch erinnert an ein bedrückendes Kapitel der jüngeren Zeitgeschichte, das selbst viele Betroffene inzwischen vergessen oder verdrängt haben.

Wera Reusch ist freie Journalistin. Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung von Amnesty International oder der Redaktion wieder.

Hannah Brinkmann: Gegen mein Gewissen. Avant-Verlag, Berlin 2020, 232 Seiten, 30 Euro.

WEITERE BÜCHER

Reflexionen über Flucht

von Wera Reusch

Dina Nayeri wurde 1979 in Isfahan geboren und kam als Zehnjährige in die USA: Ihre Mutter hatte den Iran verlassen, nachdem sie zum Christentum übergetreten war, und die Kinder mitgenommen. Nayeri machte in ihrer neuen Heimat eine eindrucksvolle akademische Karriere und veröffentlichte zwei Romane. Ihr erstes Sachbuch "Der undankbare Flüchtling" widmet sie dem Thema Flucht und Asyl, und zwar auf verschiedenen Ebenen: 30 Jahre nach ihrer eigenen Emigration analysiert die Autorin, wie dies ihre Persönlichkeit und ihren Lebensweg geprägt hat. Nayeri erzählt aber auch Geschichten anderer Geflüchteter, die sie in den vergangenen Jahren in Europa getroffen hat. In essayistischer Form behandelt sie Aspekte wie den ewigen Kampf um Würde und Anerkennung in den Aufnahmeländern, die Dankbarkeit und den Opportunismus von Geflüchteten, das Warten lassen als "Vorrecht jeder Macht", Absurditäten in Asylverfahren, psychologische Anpassung und kulturelle Assimilation. Für ihre klugen Reflexionen über die Fluchterfahrung ist Dina Nayeri im November mit dem Geschwister-Scholl-Preis ausgezeichnet worden. Ihr Buch gebe dem Gegenwartsbewusstsein wichtige Impulse und fördere moralischen wie intellektuellen Mut, heißt es in der Begründung der Jury: "'Der undankbare Flüchtling' ist damit ein Plädoyer, die Würde eines jeden Menschen anzuerkennen."

Dina Nayeri: Der undankbare Flüchtling. Aus dem Englischen von Yamin von Rauch. Kein & Aber, Zürich 2020, 400 Seiten, 24 Euro

Zeitzeugin des Genozids

von Wera Reusch

Mehr als 100 Jahre nach dem Völkermord an den Armeniern ist jetzt der Bericht einer Augenzeugin auf Deutsch erschienen. Die Bankierstochter Arshaluys Mardigian war 14 Jahre alt, als die Gräueltaten in ihrer Heimatstadt im heutigen Ostanatolien an Ostern 1915 begannen. Ihre gesamte Familie wurde ermordet, während sie zu den wenigen Überlebenden zählte, die später über die Todesmärsche und Massaker, über Gefangenschaft, sexualisierte Gewalt und Folter berichten konnten. Ihre 1918 erstmals erschienenen Erinnerungen sind eine quälende und schockierende Lektüre, sie schildern unfassbare Grausamkeit. Man mag sich kaum vorstellen, welche Verwüstungen dieses Martyrium in der Psyche des Mädchens hinterlassen hat, das schließlich in die USA gelangte. Es ist sehr verdienstvoll, dass dieses historische Dokument jetzt zugänglich ist – sorgfältig editiert und um wichtige Informationen zu seiner Entstehung ergänzt. Denn Mardigian wurde im Exil erneut Opfer: Ihr von einem Drehbuchautor aufgezeichneter Bericht wurde Grundlage eines Hollywoodfilms, in dem die 18-Jährige unter dem Namen "Aurora" die Hauptrolle spielte. Ökonomisch wie emotional ausgebeutet und retraumatisiert zog sie sich aus der Öffentlichkeit zurück. Als sie 1994 in Los Angeles starb, waren Buch und Film vergessen.

Arshaluys Mardigian: ... meine Seele sterben lassen, damit mein Körper weiterleben kann. Ein Zeitzeugenbericht vom Völkermord an den Armeniern 1915/16. Aus dem Englischen von Walburga Seul. Zu Klampen Verlag, Springe 2020, 260 Seiten, 24 Euro

Digitale Selbstjustiz

von Marlene Zöhrer

"Letztes Schuljahr habe ich etwas gesehen, was ich nie mehr vergessen werde. Am 1. April kam Jordan Springer in die Cafeteria der Haver High marschiert und hat sich in Brand gesetzt. Aber es war kein Aprilscherz." Schon die ersten Sätze dieses Jugendromans lassen ahnen: An dieser amerikanischen Highschool läuft etwas gewaltig schief, und Jordan Springers Suizid ist womöglich nur die Spitze des Eisbergs. Denn in den Selbstmord getrieben haben den Jungen die Mobbingattacken seiner Mitschülerinnen und Mitschüler. Dieselben, die nun anlässlich des ersten Jahrestags zu einer Gedenkfeier in der Aula versammelt sind und sich in Trauerbekundungen übertreffen. Der Ich-Erzähler Eli Bennet ist angewidert und schockiert zugleich. Und so beteiligt sich der Computer-Nerd nicht nur an der US-Cybersicherheitsmeisterschaft, sondern lässt sich auch dazu überreden, bei einer Website mitzumachen, die diejenigen, die Jordan gemobbt haben, im Internet für alle sichtbar bloßstellt und diskreditiert. Packend und authentisch ist die Geschichte, die Erin Jade Lange ihren Protagonisten in lockerem Plauderton erzählen lässt; erschreckend die fatalen Ausmaße, die der Kampf gegen Cybermobbing annimmt, bei dem sich zunehmend Fragen nach Macht, Recht und Unrecht, nach Schuld und Verantwortung stellen.

Erin Jade Lange: Firewall. Aus dem Englischen von Sandra Knuffinke und Jessika Komina. Magellan Verlag, Bamberg 2020, 351 Seiten, 16 Euro, ab 14 Jahren

Marlene Zöhrer ist freie Journalistin. Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung von Amnesty International oder der Redaktion wieder.

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