Amnesty Journal Afghanistan 30. März 2022

"Musik ist unser Recht"

Eine junge Frau trägt einen Mundnasenschutz und spielt Cello, sie trägt traditionelle afghanische Kleidung, im Hintergrund sitzen weitere Frauen, die musizieren.

Harmonie in Arbeit: Cellistin des afghanischen Frauen- und Mädchenorchesters Zohra in Kabul, Mai 2021.

Mädchen und Jungen in gemeinsamen Klassen, zwölf angesehene Ensembles, Dirigentinnen am Pult: Das Afghanistan National Institute of Music schlug auch gesellschaftlich einen neuen Takt an. Seit der Rückkehr der Taliban ist das Institut in Kabul verwaist. Musik ist jetzt verboten.

Von Cornelia Wegerhoff

Der Anblick ist verstörend: Ein knisterndes Feuer, umringt von einer schweigenden Menschenmenge, in Schach gehalten von Bewaffneten. Ihr Anführer lacht, als hölzerne Gegenstände in den Flammen ineinander fallen. Es waren Musikinstrumente.

Das Twitter-Video soll Taliban-Kämpfer in der Paktia-Provinz im Südosten Afghanistans zeigen. Mitte Januar sorgten die Bilder in den Online-Netzwerken für Aufsehen. Wann genau sie aufgenommen wurden, ist unbekannt, aber in den Bergen im Hintergrund liegt Schnee. Auf den Gesichtern der Musiker, die bei der Verbrennung ihrer Instrumente zusehen müssen, liegen Verzweiflung und Angst. Ihre Kleidung ist zerrissen. Allem Anschein nach wurde ihnen zur Strafe ein Teil der Haare abgeschnitten. Ihre Bewacher verhöhnen sie.

Westliche Klassik und afghanische Musik

"Dieses Video dokumentiert die barbarische Haltung gegenüber Musikern und Musik in Afghanistan", sagt Ahmad Sarmast. Er ist der Direktor und Gründer von ANIM, dem Afghanistan National Institute of Music in Kabul, der ersten und einzigen Musikschule im Land. Seinen Schützlingen dort konnte er ein ähnliches Drama ersparen. Seit der erneuten Macht­ergreifung der Taliban Mitte August 2021 ist das ANIM geschlossen.

Vorher sangen hier Jungen und Mädchen gemeinsam im Chor. Ihre ersten, noch unsicheren Versuche, ein Instrument zu erlernen, hallten genauso durch die Flure wie die professionellen Proben der Solokünstler_innen oder des afghanischen Kammerorchesters. Die insgesamt zwölf verschiedenen Ensembles am Institut spielten sowohl westliche Klassik als auch die vielfältige afghanische Musik. Auf Auslandstourneen trugen sie dieses Erbe um die Welt. Vor allem Zohra, das ­erste Mädchen- und Frauenorchester Afghanistans, fand große Beachtung, galt als Symbol für den beginnenden Wandel am Hindukusch.

Die Taliban haben nach ihrer Rückkehr an die Macht Musik nun erneut verboten. Schon der Besitz von Instrumenten ist strafbar. Medienberichten zufolge haben sie sogar einen Musiker ermordet, den afghanischen Folk-Sänger Fawad Andarabi. "Unislamisch" sei Musik, sagen die militanten Islamisten. "Falsch", sagt der promovierte Musikethnologe Sarmast. Musik sei im Islam nicht verboten. Durch alle historischen Epochen Afgha­nistans hinweg, auch unter muslimischen Herrschern, habe Musik eine wichtige ­soziale und kulturelle Rolle gespielt. ­Niemand habe es je geschafft, die afghanische Musik verstummen zu lassen. ­Niemand könne einer Mutter verbieten, ihrem Baby ein Wiegenlied zu singen. "Musik ist ein Menschenrecht", stellt der 60-Jährige klar.

Musik ist ein Menschenrecht. Unsere Musik wird nicht verstummen.

Ahmad Naser
Sarmast
Musikethnologe

Mit der Gründung von ANIM im Jahr 2010 wollte Sarmast zum Heilungsprozess der vom Krieg und der ersten Taliban-Herrschaft traumatisierten Afghan_in­nen beitragen. Der Gründung gingen ­jahrelange Verhandlungen voraus, bis er sich mit dem afghanischen Erziehungsministerium darauf einigte, nicht nur musikalische Talente zu fördern, sondern auch den Nachwuchs unterprivilegierter Schichten und Waisenkinder koedukativ an Musik heranzuführen.

Eine der Schülerinnen ist Marzia. Ihr früher Wunsch, ein Instrument zu erlernen, habe zuerst ihre komplette Familie gegen sie aufgebracht, erzählt die 16-Jährige. Für Muslime sei es "unanständig", zu musizieren, bekam auch sie zu hören. "Meine ältere Schwester hat mir gedroht: Du wirst nicht mehr Teil unserer Familie sein, wenn du das tust." Marzia wuchs in einem afghanischen Dorf auf. Erst als sie im Alter von neun Jahren in der Hauptstadt Kabul zur Schule ging und dort in einem Wohnheim lebte, durfte das Mädchen eine der Musikschulklassen von ANIM besuchen. Sie lernte erst Flöte, dann Violine und immer mehr auch den Glauben an sich selbst. Denn Marzia hat einen noch größeren Traum: Sie hat sich Negin Khpalwak, die Dirigentin des Frauenorchesters Zohra, zum Vorbild genommen und möchte ebenfalls lernen, ein Orchester zu leiten. Zuerst habe sie gezögert, Sarmast zu fragen, gibt Marzia zu. "Aber er war völlig begeistert und sagte: 'Wow, klar kannst du dirigieren lernen.'"

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Vom Moskauer Onservatorium nach Australien

In junge Menschen und ihre Talente zu vertrauen, vor allem Mädchen zu fördern, sei für ihn und die ANIM-Dozent_in­nen die pädagogische Basis ihrer Arbeit, sagt der Direktor des Instituts. Er selbst trat schon als Teenager bei Radio Afghanistan auf, als Trompeter. Sein Vater war der Komponist und Dirigent Ustad Salim Sarmast, der am staatlichen Rundfunksender in Kabul das erste afghanische Ensemble mit klassischen westlichen Instrumenten gründete. Ahmad Sarmast spielte unterdessen Jazz. Während des afghanischen Bürgerkrieges studierte er am Moskauer Konservatorium und ging schließlich nach Australien ins Exil.

Auch während ihrer ersten Herrschaft zwischen 1996 und 2001 verbrannten die Taliban Instrumente und zerstörten musikalisches Archivmaterial. "Das afghanische Musikerbe ist reich und sehr divers", erklärt der Musikwissenschaftler Sarmast. Man unterscheide mindestens drei Kate­gorien: Die klassische afghanische Musik basiere auf der Hindustani-Musik Nordindiens. Die zweite Kategorie sei populäre, urbane Musik, die vor allem in den Städten gesungen und gespielt werde. Und schließlich gebe es je nach Landes­region traditionelle, ethnische Musik.

Asyl in Portugal

Dass die Wiederbelebung dieses Erbes den islamistischen Taliban ein Dorn im Auge war, wurde bereits 2014 klar. Während eines ANIM-Auftritts wurde ein ­Terroranschlag verübt, bei dem mehrere Menschen im Publikum getötet wurden und Ahmad Sarmast schwer verletzt wurde. Er gab dennoch nicht auf. Zuletzt hatte das Musikinstitut in Kabul 350 Studierende und 90 Institutsmitarbeiter_innen.

"Als die Taliban nach Kabul kamen, hieß es am Institut: Bringt euch in Sicherheit", berichtet Marzia. Sie habe sogar ihre Violine zurücklassen müssen, obwohl ihr das Instrument, ein Geschenk, wirklich alles bedeutet habe. ANIM-Direktor Ahmad Sarmast war bei der Rückkehr der Taliban aufgrund einer medizinischen Behandlung außer Landes. Vom Ausland aus organisierte er die Evakuierung.

Bis Januar gelang es ihm, 273 Menschen aus Kabul ausfliegen zu lassen: Schüler_innen wie Marzia, Dozent_innen, Absolvent_innen sowie Institutsangestellte und einige Angehörige. Die Geflüchteten haben gemeinsam in Portugal Asyl gefunden. Marzia hat dort eine neue ­Violine bekommen. Sie und die anderen geflohenen Musiker_innen proben sogar schon wieder. Ahmad Sarmast will das ­Afghan National Institute of Music im portugiesischen Exil neu aufbauen. "Unsere Musik wird nicht verstummen", sagt er. Spätestens im Sommer werde es wieder ein Konzert geben.

Cornelia Wegerhoff ist freie Journalistin. Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung von Amnesty International wieder.

Informationen zum Afghan Musical Institute: www.anim-music.org.

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