Amnesty Journal Äthiopien 06. Dezember 2023

Die gestohlene Krone

Eine prachtvolle Krone aus Gold, sehr fein gearbeitet aus Schmiedearbeiten mit vielen Details.

Kunstvolles Kleinod: Von britischen Soldaten geraubte Krone des äthiopischen Kaisers Tewodros II.

Seit Jahren fordert die äthiopische Regierung von Großbritannien Schätze zurück, die 1868 geraubt wurden, darunter eine Krone und mehrere Gebetstafeln. Doch britische Verantwortliche mauern.

Von Natalie Wenger

Richard Holmes erstand die goldene Krone für vier Pfund. Holmes, ein Assistent in der Handschriftenabteilung des British Museums, kaufte das Kleinod einem britischen Soldaten ab, der in der Schlacht von Maqdala gekämpft hatte. Die Krone aus drei filigranen Rängen und einer Kuppel, verziert mit den Darstellungen der Apostel und der vier Evangelisten, war Teil eines großen Schatzes, der aus der Bergfestung Maqdala und der zugehörigen Kirche in der heutigen Amhara-Region Äthiopiens geraubt worden war. Holmes versprach den Plünderern, später 2.000 Pfund zu bezahlen – was dem damaligen Wert des verwendeten Goldes entsprach.

Der Beschuss der äthiopischen Festung Maqdala hatte am Morgen des 13. April 1868 begonnen. Mehrere Stunden lang feuerten die britischen Truppen rund 200 Raketen auf die Festung von Kaiser Tewodros II. von Äthiopien. Es war ein Akt der Vergeltung für die vier Jahre zuvor erfolgte Inhaftierung einiger europäischer Missionare und des britischen Konsuls. Mindestens 45 Personen starben bei dem Angriff, Hunderte wurden verletzt.

Hunderte gestohlene Schätze

Für die britische Militärmacht war die Schlacht von Maqdala ein unbedeutendes Ereignis. Ihr erklärtes Ziel war schnell erreicht: Kaiser Tewodros ließ die Geiseln frei. Da er sich nicht ausliefern wollte, erschoss er sich − mit einer Pistole, die ihm einst Königin Victoria geschenkt hatte. Für Äthiopien war die Schlacht von Maq­dala hingegen ein historischer Schlag: ein toter Kaiser, Hunderte gestohlene Schätze und ein entführter Thronfolger. Denn ­Tewodros Erbe, der siebenjährige Prinz Alemayehu, wurde von einem Hauptmann der britischen Armee nach England gebracht, wo die Regierung die Verantwortung für seine Erziehung übernahm. Zwölf Jahre später starb der Prinz an einer Brustfellentzündung und wurde auf Schloss Windsor beigesetzt.

Was mit der Krone aus Maqdala geschehen sollte, diskutierte das britische Parlament bereits 1871. Eine Rückgabe wurde schnell verworfen. Stattdessen bezahlte die Regierung die von Holmes versprochenen 2.000 Pfund an die Soldaten und übergab die Krone als Dauerleihgabe an eine Vorläufereinrichtung des Victoria and Albert Museum (V&A) in London.

Die Krone und ein goldener Krug aus Maqdala sind noch heute Teil der Dauerausstellung des V&A. Die übrigen Schätze befinden sich überwiegend in einem Lager. Bereits 2007 hatte Äthiopien die Rückgabe der Krone und weiterer Artefakte gefordert. Als im Jahr 2018 das V&A mehrere Einzelstücke aus Maqdala vorübergehend ausstellte, erhielt die äthiopische Forderung erneut Aufmerksamkeit – jährte sich doch die Schlacht in jenem Jahr zum 150. Mal.

Der Vorschlag der Leihgabe ist hinterlistig und kindisch. Das ist fast so, als würde ich meinem Nachbarn den Fernseher stehlen und dann anbieten, ihm diesen auszuleihen.

Tahir
Shah
Gründer der Scheherazade Foundation

Das V&A weigerte sich, auf die Forderungen einzugehen. Museumsdirektor Tristram Hunt offerierte lediglich eine langfristige Leihgabe an Äthiopien. "Dieser Vorschlag zeigt die Arroganz der britischen Museen", sagt Tahir Shah, Gründer der Scheherazade Foundation, die sich unter anderem für die Rückgabe von Raubkunst einsetzt. "Der Vorschlag der Leihgabe ist hinterlistig und kindisch. Das ist fast so, als würde ich meinem Nachbarn den Fernseher stehlen und dann anbieten, ihm diesen auszuleihen."

Die äthiopische Botschaft in London stieg zunächst auf die Verhandlungen über eine Leihgabe ein, brach diese jedoch nach kurzer Zeit ab. Laut Alula Pankhurst, Mitglied des äthiopischen Komitees für die Rückgabe von Kulturgütern, gab es dafür mehrere Gründe, unter anderem vehemente Gegenstimmen in den Online-Netzwerken und aus der Diaspora, die Corona-Pandemie sowie der Beginn eines bewaffneten Konflikts in Äthiopien.

Die Krone ist nicht der einzige Gegenstand aus Maqdala, der für Debatten sorgt. In einem Lagerraum des British Museums befindet sich eine Sammlung von elf christlichen Holz- und Steintafeln. Die sogenannten Tabots gehören der äthiopisch-orthodoxen Kirche und sind so heilig, dass nur ihre Priester sie sehen dürfen. Nach Aussage der äthiopischen Kulturministerin Hirut Kassaw sind die Tabots "ein grundlegender Teil des existenziellen Gefüges Äthiopiens und seines Volkes".

"In der Tat kann eine Kirche in Äthiopien ohne ihre Tabots nicht als Gotteshaus funktionieren. Die Tabots werden an kirchlichen Feiertagen unter einem Tuch verborgen auf den Straßen präsentiert und von den Gläubigen verehrt", sagt ­Tahir Shah. "Ironischerweise hat sich das Museum, gerade weil es sich dieser religiösen Regel des Verbergens bewusst ist, bereit erklärt, die Tabots nicht für Ausstellungen oder Studienzwecke zur Verfügung zu stellen." Äthiopien hat mehrfach die Rückgabe gefordert. Doch auch das British Museum bot allenfalls eine langfristige Leihgabe an.

Heilige Tafeln unter Verschluss

In den vergangenen Jahren häuften sich weltweit Forderungen nach einer Rückgabe geraubter Artefakte. So forderte Nigeria etwa die Rückgabe der Benin-Bronzen, Griechenland die Rückgabe von Parthenon-Skulpturen, Chile die Rückgabe eines Moai-Kopfes aus Stein. Während Länder wie Deutschland und Frankreich damit begonnen haben, Raubgüter zurückzugeben, hält Großbritannien an diesen Schätzen fest. Jeremy Wright, der britische Kulturminister, äußerte einst die Befürchtung, dass die Museen leergefegt würden, wenn man die Restitution konsequent verfolge. "Das Problem ist, dass Großbritannien die gestohlenen Schätze mit Macht verbindet", sagt Tahir Shah. "Ich wünschte, die britische Regierung würde die Rückgabe als Akt der Versöhnung mit Äthiopien und nicht als Machtverlust ansehen."

Das britische Parlament verweist in der Debatte um die Rückgabe der Maqdala-Schätze auf den andauernden Konflikt in Äthiopien und argumentiert, die Gegenstände könnten dort nicht angemessen gelagert oder womöglich gestohlen werden. Dies erscheint geradezu zynisch, seitdem bekannt wurde, dass mehr als 2.000 Gegenstände aus dem British Museum vermisst werden, gestohlen oder beschädigt wurden.

Die Museen begründen ihre Haltung meist mit dem British Museum Act, der es verbietet, wertvolle Objekte außer Landes zu bringen. Dabei sehe das Gesetz auch eine Ausnahmeregelung vor, sagt Tahir Shah: "Werden Objekte für eine Sammlung als ungeeignet angesehen und nicht ausgestellt, können diese zurückgegeben werden – was auf die Tabots zutrifft." Dies bestätigte 2021 ein Rechtsgutachten, doch die Treuhänder des British Museums gingen nicht darauf ein.

Und doch kehrten einige Schätze von Maqdala zurück: 2019 gab das Nationale Armeemuseum in London zwei Haarlocken von Prinz Alemayehu an die äthiopische Regierung zurück. 2021 folgten 13 weitere Artefakte. Die Scheherazade-Stiftung hatte einen Teil dieser Gegenstände im privaten Kunsthandel erworben. Die Objekte sind heute im Äthiopischen Nationalmuseum zu sehen.

Erste Erfolge erzielt

2023 kamen bedeutende Rückgaben dazu. Eine Nachfahrin des Offiziers, der Alemayehu nach England gebracht hatte, händigte eine Haarlocke des Prinzen aus ihrem Erbe an Äthiopien aus. Darüber ­hinaus ging ein Tabot an die äthiopische Kirche zurück: Ein Historiker, der den Verbleib äthiopischer Artefakte im Kunsthandel verfolgt, hatte die Tafel aufgespürt.

Ein kleiner Sieg für die Versöhnung – doch viele der für Äthiopien wichtigen Schätze sind weiterhin in Großbritannien. Die Verhandlungen mit dem British Museum über die Tabots stecken fest. Die mehrfache Anfrage nach einer Überführung der menschlichen Überreste von Prinz Alemayehu wurde vom britischen Königshaus bislang abschlägig beschieden. Und die Krone von Maqdala befindet sich weiterhin im Victoria and Albert Museum – versteckt hinter einer viel besuchten Ausstellung zu Coco Chanel.

Natalie Wenger ist Redakteurin des Magazins von Amnesty Schweiz.

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