Amnesty Journal Deutschland 01. November 2019

Oppositionelle in der DDR: "Amnesty war für uns eine Legende"

Ein Mann steht vor einer grauen, hohen Mauer.

 Roland Brauckmann an der Gedenkstätte Berliner Mauer im Juli 2019.

Roland Brauckmann war 22 Jahre alt, als er wegen seines pazifistischen Engagements in der DDR inhaftiert wurde. Heute setzt er sich für Menschenrechtler in Nordkorea ein. Lea De Gregorio hat ihn in Berlin getroffen.

In der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) galt Amnesty International als Staatsfeind und Handlanger des Westens. Die Einreise von Delegierten der Menschenrechtsorganisation wurde in der Regel nicht geduldet. Doch Amnesty-Sektionen aus mehr als dreißig Ländern prangerten Menschenrechtsverletzungen in der DDR an. Insbesondere Amnesty in Frankreich, Großbritannien, den Niederlanden und Schweden unterstützten Menschen, die wegen ihres politischen Engagements in Haft ­saßen.

Einer von ihnen war Roland Brauckmann. Seine Eltern hätten damals gesagt: "Pass dich an die Gesellschaft an und tu das, was von dir verlangt wird", erzählt er dreißig Jahre nach dem Mauerfall bei einem Besuch im Büro von Amnesty Deutschland in Berlin. Doch der junge Schriftsetzer hielt dagegen – und kam wegen seines Engagements im Februar 1982 in die Strafvollzugseinrichtung in Cottbus. Wegen Unterstützung der polnischen Gewerkschaft Solidarność wurde er Mitte 1982 vom Kreisgericht Hoyerswerda zu 20 Monaten Haft verurteilt; nach 15 Monaten im Gefängnis schob man ihm am Ostermontag 1983 im Rahmen eines Häftlingsfreikaufs in die Bundesrepublik Deutschland ab.

Geboren ist Brauckmann 1959, aufgewachsen in Hoyerswerda in der Oberlausitz in einem sozialistischen Elternhaus. Mit anderen Jugendlichen teilte er in der Dresdner Weinbergskirchengemeinde in den späten 1970er und frühen 1980er Jahren kritisches Gedankengut. Begierig hätten die pazifistisch orientierten Jugendlichen nach "authentischen" Vorbildern gesucht, sagt er heute. "Die Lehrer und die staatlichen Jugendleiter waren sehr angepasst." Er hingegen habe sich für Menschenrechte eingesetzt, für Gerechtigkeit und Humanität. Doch das Engagement derer, die in den Räumen der protestantischen Kirche Unterschlupf fanden, missfiel den Machthabern der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands (SED).

Misstrauen prägte Brauckmanns Jugend. "Deswegen habe ich nicht das beste Verhältnis zum Tonband", sagt er und zeigt sich dennoch einverstanden, dass unser Gespräch aufgezeichnet wird. Er wuchs in einer Gesellschaft auf, in der Meinungs- und Versammlungsfreiheit wenig zählten. "Auch im Privatleben ­waren immer mal Spitzel unter uns, was wir nicht wussten." Brauckmann kostete der Widerstand gegen die Politik der SED die Karriere. "Eine Möglichkeit, den staatlichen Zwang zu umgehen, war es, keinen intellektuellen Beruf zu wählen, sondern in die Produktion zu gehen." Statt Studium begann er eine Lehre als Schriftsetzer.

Und in der Weinbergskirchengemeinde in Dresden kämpfte er für einen sozialen Friedensdienst ähnlich dem Zivildienst in Westdeutschland – in einer Gruppe von rund 20 Jugendlichen um Pfarrer Christoph Wonneberger. Ihre Initiative Sozialer Friedensdienst verschickte 1981 einen Kettenbrief an Kirchengemeinden in der ganzen DDR, wodurch ihre Forderung tausendfach Verbreitung fand – und Beamte des Ministeriums für Staatssicherheit darauf aufmerksam wurden. Staats- und Parteichef Erich Honecker stufte die Initiative für den Friedensdienst Ende 1981 als friedens- und verfassungsfeindlich ein.

Alternatives Leben

Während seiner Ausbildung als Schriftsetzer lebte Brauckmann mit Freunden in einer besetzen Wohnung in Leipzig. Sie lasen die Bibel, in der DDR verbotene, aus dem Westen eingeschmuggelte Literatur und spielten Gitarre. "Wir haben ein alternatives Leben gelebt", sagt er im Rückblick. Als Stasi-Beamte Anfang 1982 seine Wohnung durchsuchten, war er gerade mit anderen Jugendlichen unterwegs. Ein Poster, das über seinem Bett hing, brachte ihn ins Gefängnis: darauf die Lettern der polnischen Gewerkschaft Solidarność, die sich 1980 mit Lech Wałęsa als Vorsitzendem gegründet hatte. Er habe nicht mitbekommen, dass Solidarność im Dezember 1981 verboten wurde.

Mehr als drei Monate lang wurde er im Gefängnis Tag für Tag verhört – ohne je über den Grund der Verhaftung informiert zu werden. Körperliche Gewalt habe er dort nicht erlebt, aber psychische, sagt Brauckmann. In seiner Heimatstadt Hoyerswerda wurde er 1982 wegen "öffentlicher Herabwürdigung" verurteilt – zu 20 Monaten Haft. "Es hieß, ich hätte die Gewerkschaft heraufgewürdigt und damit die polnische Bruderpartei herabgewürdigt." Zum Ende seiner Haft kam er in Isolationshaft wegen "mangelnder Arbeitsleistung". Die vergitterte Zelle vergleicht er mit einem Käfig. "Manche Häftlinge wurden verrückt."

Dass Amnesty ihn unterstützte, habe er durch seine Mutter erfahren, die ihn zu Beginn seiner Haftzeit noch besuchen konnte. Sie habe ihm erzählt, dass ihr aus Dänemark ein Bildband zugeschickt worden sei. "Der muss von Amnesty sein", habe er sich gedacht. Gehört habe er von der Organisation in der Tagesschau. "Amnesty war für uns eine Legende." Seine Stimme zittert, als er erklärt, wie viel ihm die internationale Unterstützung von fremden Menschen bedeutet hat. "Die Protestbriefe habe ich später in den Stasi-Akten gefunden, sorgfältig abgeheftet." Das sei auch der Grund gewesen, warum er nach seiner Abschiebung nach Westdeutschland 1983 bei Amnesty Einzelfallarbeit machen wollte.

Brauckmann ist sich sicher, dass das Engagement von Amnesty-Aktivisten ihn im Gefängnis schützte und seine Haftbedingungen verbesserte. Im Bundesarchiv habe er später Laufzettel aus den Gefängnissen gefunden, auf denen die Behandlung der Gefangenen vermerkt war, die von Amnesty unterstützt wurden. "Die Stasi hat richtige Statistiken gemacht, welche Gefangenen von Amnesty betreut werden", sagt er. Mehr als 2.000 politische Gefangene in der DDR wurden von unterschiedlichen Amnesty-Sektionen in Europa unterstützt.

Dass Brauckmann schließlich dabei war, als sich "Amnesty in der DDR" in der Schlussphase des ersten sozialistischen Staats auf deutschem Boden gründete, liegt auf der Hand. Er erzählt, dass sich Gleichgesinnte nach dem Kollaps des SED-Regimes Anfang 1990 in früheren Büros der Parteifunktionäre trafen. In Leipzig habe die Stadt ihnen große Büros zur Verfügung gestellt mit Telefon- und Gasanschluss, was damals keine Selbstverständlichkeit war. "Das waren Büros der herrschenden Partei, die uns damals bekämpft hat. Das war so eine Genugtuung, dass sie uns ihre Büros kostenlos zur Verfügung stellen mussten als Menschenrechtsbüros."

Den Fall der Mauer bekam Brauckmann im November 1989 im Amnesty-Büro in Mainz im Radio mit. Dort hatte er zuvor als Gruppensprecher selbst Veranstaltungen zur Friedlichen Revolution in der DDR organisiert. "Es herrschte eine Atmosphäre des Aufbruchs, nichts war geregelt, nichts war reglementiert", erinnert er sich an die Umbruchszeit 1989/90. "Das genaue Gegenteil von dem, was vor dem Mauerfall der Fall war, als alles reglementiert, erstarrt und erfroren war."

Bis heute ist Brauckmann bei Amnesty aktiv, engagiert sich unter anderem für die Menschenrechte in Nordkorea – aus Dankbarkeit: "Das Leben in einer Diktatur ist meine Jugend gewesen", sagt er. "Und Nordkorea war mit der DDR eng befreundet. Deswegen ist es selbstverständlich, dass ich den Menschen helfe."

Anja Mihr: Amnesty International in der DDR. Der Einsatz für Menschenrechte im Visier der Stasi. Ch. Links Verlag; 2002.

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