Pressemitteilung Vereinigte Staaten von Amerika 12. Juli 2019

Waffengewalt in den USA: Amnesty fordert staatliche Entschädigung und Unterstützung für Überlebende

Die ausufernde Waffengewalt führt zu einer Menschenrechtskrise in den USA mit Tausenden von Toten und Verletzten. Gleichzeitig ignoriert die Regierung die Bedürfnisse von Überlebenden und macht ihnen das Leben durch bürokratische Hürden schwer. Zu diesem Schluss kommt Amnesty International in einem neuen Bericht.  

In dem neuen Bericht „Scars of Survival: Gun Violence and Barriers to Reparation in the USA“ zeigt Amnesty International, mit welchen Problemen die Menschen konfrontiert werden, die einen Anschlag oder einen Amoklauf überlebt haben: Die Kosten für medizinische Hilfe sind enorm hoch, staatliche Hilfe fast unmöglich zu bekommen. Amnesty International fordert die US-Regierung dazu auf, sicherzustellen, dass die Betroffenen umfassend entschädigt und unterstützt werden.

„Die meisten der von uns befragten Betroffenen haben berichtet, dass die Schussverletzungen erst der Beginn ihres Alptraums waren“, sagt Sanhita Ambast, Amnesty-Expertin für wirtschaftliche, soziale und kulturelle Rechte. „Überlebende haben uns geschildert, dass sie weiterhin kämpfen müssen, obwohl sie die Opfer sind, und dass die Kosten für die Behandlung ihrer chronischen Schmerzen oft unerschwinglich sind ebenso wie die Kosten für das Leben mit Behinderungen.“

Diese hohen Kosten, ein kompliziertes Antragswesen und mangelhafte Entschädigungsprogramme stellten Betroffene von Waffengewalt vor große Probleme. Oft sei es nach einem Trauma schwer, eine angemessene Behandlung zu bekommen. „Die US-Behörden müssen gegen Waffengewalt vorgehen und sicherstellen, dass die Überlebenden die erforderliche Unterstützung erhalten, um die Folgen bewältigen zu können und sich unter den gegebenen Bedingungen ein neues Leben aufzubauen“, sagt  Amnesty-Expertin Ambast. „Da in den USA nicht entschieden gegen Waffengewalt vorgegangen wird, ist es umso wichtiger, die Überlebenden von Anschlägen mit Schusswaffeneinsatz zu unterstützen.“

Fehlende Gesundheitsversorgung  

Recherchen von Amnesty International zeigen, dass die US-Regierung Überlebende nicht ausreichend unterstützt oder Schadensersatz gewährt. Amnesty International hat bereits im vergangenen Jahr erklärt, dass die US-Regierung ihre menschenrechtlichen Verpflichtungen gegenüber der eigenen Bevölkerung nicht einhält, indem sie den Kauf, den Besitz und den Einsatz von Schusswaffen durch Privatpersonen nicht angemessen reguliert. Während es in den meisten Ländern Regulierungs- und Kontrollsysteme für den Besitz von Schusswaffen gibt, zum Beispiel landesweite Registrierungssysteme, fehlen diese in den USA. Stand September 2018 ist es 30 US-Bundesstaaten möglich, eine Pistole zu kaufen, ohne einen Waffenschein oder eine andere Genehmigung zu besitzen.

Megan Hobson war 16 Jahre alt, als sie 2012 in einem Schusswechsel schwer verletzt wurde. Sie überlebte dank eines Notarzt-Einsatzes, aber sie hat weiterhin Schwierigkeiten beim Gehen, Beschwerden durch Geschosssplitter im Unterleib und benötigt psychologische Unterstützung. Megan Hobson erklärte Amnesty International, dass sie aufgrund der Behandlungskosten immer noch Schulden habe. „Ich war ein Opfer, ich habe kein Verbrechen begangen. Ich war lediglich zur falschen Zeit am falschen Ort“, sagt sie.

Jamie Williford wurde 2009 durch Schüsse in den Rücken verletzt. Damals war sie 16 Jahre alt. Sie ist seitdem querschnittgelähmt und leidet heute immer noch unter weiteren Gesundheitsproblemen. Ihre Behandlung wird zwar durch Medicaid finanziert, ein Regierungsprogramm, das die Gesundheitsversorgung einiger Menschen mit niedrigem Einkommen sichert. Doch es ist enorm schwer für sie, einen Mediziner zu finden, der Medicaid akzeptiert. Wie viele andere Überlebende von Schussverletzungen mit dauerhaften Behinderungen hat auch Jamie Williford Schwierigkeiten, eine bezahlbare und barrierefreie Wohnung zu finden. Nach ihrer Verletzung wurde sie in einer staatlichen Einrichtung für Erwachsene untergebracht, hatte dort aber keine psychologische Betreuung oder eine Schulausbildung erhalten. Seit ihrem 18. Geburtstag lebt sie in Wohngemeinschaften, konnte aber bislang keine passende dauerhafte Wohnung finden, die für eine Frau im Rollstuhl geeignet ist.

Der Fall von Jamie Williford steht beispielhaft für Überlebende von Schusswaffengewalt, die unter falschem politischen Handeln leiden: Es fehlt an Unterstützung für Menschen mit Behinderung. Es gibt massive Schwierigkeiten, ausreichende und passende gesundheitliche Versorgung zu bekommen. Außerdem gibt es keinen bezahlbaren barrierefreien Wohnraum.

Unterstützung sicherstellen

„Amnesty International fordert die US-Regierung und die Behörden der einzelnen Bundesstaaten dazu auf sicherzustellen, dass Überlebende von Schusswaffengewalt Zugang zu der benötigten Gesundheitsversorgung und Unterstützung erhalten und dass sie umfassend darüber informiert werden, welche Gesundheitsversorgung und welche Zuwendungen ihnen zustehen“, sagte Amnesty-Expertin Sanhita Ambast.
Amnesty fordert die Behörden zusätzlich auf, eine umfassende und wirksame Entschädigung für Überlebende von Schusswaffengewalt zu gewährleisten – darunter Schadenersatzzahlungen für das Leid, das ihnen widerfahren ist. 
 

Mehr dazu