Pressemitteilung Vereinigte Staaten von Amerika 13. September 2018

Amnesty International erklärt Waffengewalt in den USA zu Menschenrechtskrise

Die US-Regierung der letzten Jahre hat zugelassen, dass sich die Waffengewalt in den USA zu einer Menschenrechtskrise entwickelt hat. Das zeigt Amnesty International in einem neuen Bericht.

BERLIN, 12.09.2018 – „Die US-Regierung räumt dem Recht auf Waffenbesitz eine höhere Bedeutung ein als grundlegenden Menschenrechten. Obwohl zahlreiche Lösungen vorgeschlagen wurden, offenbart sich ein erschreckender Mangel an politischem Willen, Menschenleben zu schützen“, erklärt Margaret Huang, Direktorin von Amnesty International in den USA. Das dokumentiert der Amnesty-Bericht „In the Line of Fire: Human Rights and the U.S. Gun Violence Crisis“. „Trotz der enormen Anzahl an Schusswaffen, die sich in Umlauf befinden, und der hohen Zahl der Menschen, die jedes Jahr durch Waffengewalt getötet werden, gibt es auf Bundesebene erschreckend wenige Regulierungen, die Tausende Menschenleben retten könnten.“

Während es in den meisten Ländern Regulierungs- und Kontrollsysteme für den Besitz von Schusswaffen gibt, zum Beispiel landesweite Registrierungssysteme, fehlen diese in den USA. Zudem verlangen 30 US-Bundesstaaten keinen Waffenschein oder eine andere Genehmigung, um Pistolen kaufen zu können.

„Die Möglichkeit, ein Leben in Sicherheit und Würde führen zu können sowie frei von Angst, ist der Grundpfeiler der Menschenrechte“, sagt Huang. „Solange die Regierung nichts gegen die Waffengewalt unternimmt, können die Menschenrechte für niemanden in den USA als sicher gelten.“ Im Jahr 2016, für das die aktuellste Statistik vorliegt, sind in den USA mehr als 116.000 Menschen durch Waffengewalt verletzt worden, nahezu 39.000 Menschen wurden getötet. Darunter sind 1.637 Kinder gewesen.

Alltägliche Einzeltaten, die es nicht in die Medien schaffen

Der Bericht erläutert, dass die Massaker, bei denen in den vergangenen Jahren viele Menschen in den USA durch Schusswaffen getötet wurden, tiefe emotionale und psychische Auswirkungen auf Überlebende und Angehörige haben. Diese Katastrophen hätten durch das Verbot von Schnellfeuergewehren und anderen Schusswaffen verhindert werden können. Gleichzeitig weist Amnesty darauf hin, dass nur ein Prozent der Menschen, die jährlich durch Schusswaffen ums Leben kommen, bei solchen Massakern getötet werden.
Weitaus häufiger werden Einzeltaten mit Schusswaffen verübt, die das tägliche Leben von Gemeinschaften in den gesamten USA erschüttern – oft jedoch ohne große Medienöffentlichkeit. So leben in den USA 4,6 Millionen Kinder in Haushalten mit Waffen. Um die Alltäglichkeit der Waffengewalt in den USA zu verdeutlichen, beleuchtet der Bericht Erfahrungen von Einzelpersonen, die von Waffengewalt betroffen sind.

Schwarze Menschen eklatant höher von Waffengewalt betroffen

Der Bericht von Amnesty untersucht auch, welche Auswirkungen Waffengewalt auf People of Color in den USA hat. So ist die Gefahr für Schwarze Menschen, durch Waffengewalt zu sterben, 20 Mal höher als in der Vergleichsgruppe weißer Amerikaner. Unter Schwarzen Männern und Jungen zwischen 15 und 34 Jahren stellt Waffengewalt die häufigste Todesursache dar. Kinder und Frauen, die häuslicher Gewalt ausgesetzt sind, sind ebenfalls überdurchschnittlich von Waffengewalt betroffen.

„Ich möchte, dass Sie verstehen, wie sehr unsere Kinder darunter leiden“, sagt Pam Bosley, eine afro-amerikanische Mutter aus Chicago, deren Sohn Terrell bei einem bis heute nicht aufgeklärten Verbrechen 2006 erschossen wurde. Sie fordert staatliche Beratungsdienste und soziale Unterstützung für alle Kinder und Jugendlichen gleichermaßen. „Wenn ein Kind getötet wird, ruft die Schule höchstens für einen Tag eine psychologische Beratung“, so Bosley. Anders sei es 2012 bei dem Amoklauf auf die vornehmlich von Weißen besuchte Sandy-Hook-Grundschule gewesen, als 20 Kinder und acht Erwachsene getötet wurden. „Als die Menschen dort getötet wurden, haben die Kinder ein Jahr lang psychologische Beratung erhalten – unsere Kinder erleben so etwas jeden Tag. Unsere Communities haben in Amerika keinen Wert. Sie glauben nicht, dass wir die psychologische Beratung und Unterstützung wert sind.“

Krise der Waffengewalt ist auch Krise des Gesundheitswesens

Der Amnesty-Bericht befasst sich außerdem mit den Auswirkungen, die Waffengewalt auf Tausende Überlebende hat. Durchschnittlich werden jeden Tag mehr als 317 Menschen durch Schusswaffen verletzt und schaffen es anschließend zumindest bis ins Krankenhaus. Die psychischen, körperlichen und finanziellen Folgen der Verletzungen prägen ihr ganzes Leben. Dies ist eine Krise des öffentlichen Gesundheitswesens von enormem Ausmaß – aber auch angesichts der lebenslangen Auswirkungen auf viele der Überlebenden zeigt die Regierung kaum sichtbare Reaktionen.

Dr. Thomas Scalea, Leiter eines Schock- und Trauma-Zentrums in Baltimore, sagte Amnesty: „Ich habe einen Patienten, der mehrere Schusswunden erlitten hat. Ich habe ihn innerhalb von 18 Monaten vielleicht 15 oder 20 Mal operiert, weil er zahlreiche Leiden hatte, er war richtig krank.“ Scalea ergänzt: „Er wurde auch in den Arm geschossen und erlitt eine schwere Nervenschädigung. Sein Beruf war es, Dinge von A nach B zu tragen, etwa bei Umzügen.“ Dieser Arbeit könne der Patient nicht mehr nachgehen. „Und dabei bleibt es nun, es gibt keine Umschulung oder etwas Ähnliches“, sagt Scalea.

Amnesty fordert Regulierungen, Prüfungen und Gesetzesreformen

In dem Bericht spricht Amnestys verschiedene Empfehlungen aus, um der Waffengewalt in den USA ein Ende zu bereiten. Dazu gehören:

 Umfassende Hintergrundüberprüfungen von Personen, die Waffen besitzen

 Für die gesamten USA geltende Bestimmungen für Waffenscheine und die Registrierung von Schusswaffen sowie ein vorgeschriebenes Training für Waffenbesitzer

 Ein Verbot von halb-automatischen Gewehren und anderen militärischen Waffen

 Investitionen in Programme für einen faktenbasierten Gewaltreduzierungs- und Gewaltpräventionsansatz

 Gesetzliche Regelungen für die sichere Aufbewahrung von Waffen und Munition

Die zentrale Forderung der Menschenrechtsorganisation ist ein USA-weites Gesetz, welches das unzureichende und willkürliche Stückwerk an bundesstaatlichen Gesetzen ersetzen soll. Dieses sorgt gegenwärtig dafür, dass Menschen in einigen US-Bundesstaaten größeren Gefahren durch Schusswaffen ausgesetzt sind als in anderen.

Amnesty wird in unterschiedlichen Bundesstaaten für eine bessere Kontrolle von Waffenverkäufen arbeiten. So wird die Menschenrechtsorganisation zum Beispiel in Illinois an den Gouverneur appellieren, das Gesetz zur Bekämpfung von illegalem Waffenhandel zu unterzeichnen: Es soll unter anderem verhindern, dass Waffenhändler ihre Geschäfte in der Nähe von Schulen oder Kindertagesstätten eröffnen.  

 

Mehr dazu