Massenverhaftungen, Verschleppungen und Einschüchterung: Die Repression in Iran hält an
Bewaffnete Sicherheitskräfte in der Stadt Tonekabon (Schahsawar) in der iranischen Provinz Mazandaran am 15. Januar 2026
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Die iranischen Behörden setzen ihr brutales Vorgehen gegen die eigene Bevölkerung unvermindert fort. Amnesty International hat willkürliche Massenfestnahmen, das Verschwindenlassen von Personen sowie die systematische Einschüchterung von Angehörigen dokumentiert.
Seit Wochen wird die iranische Zivilgesellschaft mit beispielloser Härte unterdrückt. Auch nach den Massakern an Demonstrierenden vom 8. und 9. Januar 2026 reißt die Gewaltwelle nicht ab.
Die iranischen Behörden haben das Internet abgeschaltet, nächtliche Ausgangssperren verhängt und jegliche Versammlungen untersagt. Zehntausende Menschen – darunter auch Kinder – wurden willkürlich festgenommen, gefoltert oder sind spurlos verschwunden. Sicherheitskräfte hinderten Verletzte mehrfach daran, ärztliche Hilfe zu erhalten, oder verhafteten sie direkt in den Krankenhäusern.
Menschen suchen vor einer provisorischen Leichenhalle in Kahrizak in der Nähe der iranischen Hauptstadt Teheran nach vermissten Angehörigen, die mutmaßlich bei der Niederschlagung der Massenproteste getötet wurden (Januar 2026).
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"Die Behörden isolieren gezielt mehr als 90 Millionen Menschen vom Rest der Welt, um ihre Verbrechen zu vertuschen", erklärt Diana Eltahawy, stellvertretende Regionaldirektorin für den Nahen Osten und Nordafrika bei Amnesty International. "Die internationale Gemeinschaft darf nicht zulassen, dass ein weiteres Kapitel massiver Gräueltaten in Iran ohne Konsequenzen bleibt."
Amnesty fordert umgehend internationale Ermittlungen und die Strafverfolgung der Verantwortlichen, um die Spirale aus Blutvergießen und Straflosigkeit zu durchbrechen.
UN-Sonderberichterstatterin: Mindestens 5.000 Todesopfer in Iran
Während der iranische Nationale Sicherheitsrat offiziell 3.117 Tote einräumt, geht die UN-Sonderberichterstatterin für den Iran, Mai Sato, von mindestens 5.000 Todesopfern aus. Womöglich sind es sogar bis zu 20.000 Todesopfer. Die unter anderem von Deutschland einberufene Sondersitzung des UN-Menschenrechtsrats vom 23. Januar 2026, in der die Mandate der UN-Untersuchungsmission für Iran und der UN-Sonderberichterstatterin für Iran jeweils verlängert wurden, unterstreicht, wie dringend eine unabhängige internationale Untersuchung benötigt wird.
Tödliche Gewalt: Zwischen dem 31. Dezember 2025 und dem 3. Januar 2026 wurden diese 28 Protestierenden durch Sicherheitskräfte in Iran getötet.
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Systematische Gewalt und Repression
Das Ausmaß der Menschenrechtsverletzungen in Iran ist erschütternd. Es übersteigt in seinem Ausmaß alles, was Amnesty während der letzten Jahre mit Blick auf Iran dokumentiert hat. Amnesty International konnte folgende Repressionsmaßnahmen verifizieren:
- Militarisierung des öffentlichen Raums: Schwer bewaffnete Einheiten, Kontrollpunkte und Ausgangssperren sollen landesweit jeden Protest im Keim ersticken.
- Willkürliche Massenverhaftungen: Bei nächtlichen Razzien in Privatwohnungen, am Arbeitsplatz sowie an Straßensperren inhaftierten Sicherheitskräfte Zehntausende – darunter Kinder, Studierende und Journalist*innen.
- Folter und sexualisierte Gewalt: In Gefängnissen und inoffiziellen Haftanstalten sind Inhaftierte – auch Minderjährige – Schlägen, Elektroschocks, Schein-Hinrichtungen und sexualisierter Gewalt ausgesetzt.
- Verschwindenlassen: Justiz und Sicherheitsdienste verweigern Angehörigen und Anwält*innen konsequent jede Auskunft über Verbleib und Schicksal der Festgenommenen.
- Erpressung von Hinterbliebenen: Behörden fordern von Familien hohe Geldsummen für die Herausgabe der Leichname. Oft wird die Rückgabe an die Bedingung geknüpft, schriftlich zu bestätigen, dass die Toten Mitglieder der Basidsch-Bataillone des Korps der Islamischen Revolutionsgarden waren, die von "Terrorist*innen" getötet wurden.
- Razzien in Krankenhäusern: Einsatzkräfte verschleppten Verletzte direkt aus medizinischen Einrichtungen und drohten dem medizinischen Personal unter anderem mit Strafverfolgung, sollten sie Protestierende behandeln.
- Inszenierte Geständnisse: Das Staatsfernsehen strahlt unter Zwang entstandene Propagandavideos aus. Darin müssen Gefangene und sogar trauernde Angehörige vorgefertigte Texte verlesen, um die Sicherheitskräfte von jeder Schuld freizusprechen.
Ein Fallbeispiel aus Teheran: Vertuschung um jeden Preis
Amnesty International liegen Informationen über eine Frau vor, die während der Proteste in der Provinz Teheran angeschossen wurde und daraufhin starb. Die Behörden setzten die Familie massiv unter Druck. Ein Verwandter schilderte die Situation in einer Nachricht:
"Sie [die Behörden] haben hier Gräueltaten begangen. Sicherheitskräfte schossen [...] und sie verblutete, weil sie keine medizinische Versorgung erhielt... Wenn jemand getötet wird, übergeben sie den Leichnam nicht einfach der Familie. Wenn die Familie den Leichnam haben will, soll sie schreiben, dass die Person von den Basidsch war und von Protestierenden getötet wurde."
Die Recherchearbeit von Amnesty International
Die seit dem 8. Januar 2026 geltende Informationssperre erschwert die lückenlose Dokumentation der Menschenrechtsverletzungen erheblich. Dennoch gelang es uns, Beweise für die weit verbreitete Gewalt zusammenzutragen:
- Berichte von Augenzeug*innen: Wir sprachen mit Menschenrechtsverteidiger*innen und medizinischem Personal direkt in Iran.
- Quellen im Ausland: Wir führten Interviews mit 13 Personen außerhalb des Landes, darunter Angehörige von Überlebenden, Journalist*innen und Aktivisten. Sie lieferten Berichte aus den Provinzen Alborz, Chaharmahal und Bakhtiari, Esfahan, Gilan, Ilam, Kermanshah, Kurdistan, Razavi-Chorasan, Teheran und West-Aserbaidschan.
- Digitale Verifizierung: Wir analysierten Videomaterial der militarisierten Unterdrückung und glichen offizielle Statements mit Berichten unabhängiger iranischer Menschenrechtsorganisationen ab.
Forderungen von Amnesty
Amnesty International verlangt die sofortige Wiederherstellung des Internetzugangs, die Freilassung aller willkürlich Inhaftierten, wirksamen Schutz vor Folter sowie uneingeschränkten Zugang zu Rechtsbeistand und medizinischer Versorgung für alle, die sich noch in Haft befinden sowie Informationen zu Schicksal und Verbleib aller Personen, die Opfer von Verschwindenlassen geworden sind. Die Drangsalierung der Familien der Opfer muss ebenfalls unverzüglich enden.