Kriegsverbrechen: Iran rekrutiert Kindersoldaten
In Iran werden Kinder für militärische Zwecke missbraucht (undatiertes Symbolbild).
© akharinkhabar
Die iranischen Behörden rekrutieren Kinder ab zwölf Jahren für militärische Einsätze und setzen sie bewaffnet an Checkpoints und auf Patrouillen ein. Damit begehen sie schwere Verstöße gegen die Kinderrechte und das humanitäre Völkerrecht. Die Rekrutierung und der Einsatz von Kindern in bewaffneten Konflikten sind ein Kriegsverbrechen.
Sie patrouillieren vor Checkpoints und kontrollieren Autos: Iranische Behörden setzen nach aktuellen Amnesty-Recherchen Kinder als Soldaten ein und statten sie teilweise mit AK47-Sturmgewehren aus. Das zeigen verifizierte Fotos, Videos und Berichte von Augenzeug*innen.
"Die iranischen Behörden missbrauchen Kinder für militärische Zwecke und bringen sie wissentlich in Lebensgefahr", sagte Erika Guevara-Rosas, Direktorin für Research bei Amnesty International. "Das internationale Recht verbietet eindeutig die Rekrutierung und den Einsatz von Kindern im Militär. Kinder unter 15 Jahren einzuziehen, ist ein Kriegsverbrechen."
Am 26. März 2026 kündigte ein Vertreter der Revolutionsgarde (Islamic Revolutionary Guard Corps, IRGC) in Teheran eine Rekrutierungs-Kampagne an, die ausdrücklich Freiwillige ab 12 Jahren anspricht. Sie sollen an Einsätzen zur "Verteidigung der Heimat" teilnehmen.
Elfjähriger Junge bei Angriff getötet
Die Gefahr für die betroffenen Kinder ist groß. Seit Wochen werden Stellungen der Revolutionsgarde, Patrouillen und Checkpoints Ziel von Luft- und Drohnenangriffen durch die USA und Israel. Werden Kinder gemeinsam mit bewaffneten Einheiten oder an militärischen Einrichtungen eingesetzt, sind sie unmittelbar dem Risiko von Verletzung oder Tod ausgesetzt.
Wie tödlich diese Praxis ist, zeigte sich unter anderem am 29. März 2026: Der elfjährige Alireza Jafari kam bei einem Drohnenangriff an einem Checkpoint in Teheran ums Leben. Die Behörden bestätigten, dass das Kind "im Dienst" war. Seine Mutter berichtete, der Vater habe wegen Personalmangels an Kontrollposten seine Söhne mitgenommen.
Nach Luftangriffen auf die iranische Hauptstadt Teheran steigen Rauchschwaden auf (1. März 2026).
© Middle East Images/AFP via Getty
Kindersoldaten in Iran: Augenzeug*innen berichten
Ghoncheh Habibiazad, leitende Reporterin bei BBC Persian Forensic, stellte Amnesty International Screenshots von Textnachrichten zur Verfügung, die sie von Augenzeug*innen in Teheran, Karadsch und Rascht erhalten hat:
- Augenzeug*in aus Teheran: "[Am 25. März] sah ich an einem Kontrollpunkt in der Nähe unseres Hauses einen Jungen, ich glaube, er war etwa 15 Jahre alt. Er hatte einen ersten Flaum auf der Oberlippe. Es schien, als ob er vor lauter Anstrengung beim Halten der Waffe nach Luft ringen musste. Er richtete die Waffe auf die Autos."
- Augenzeug*in aus Karadsch: "Heute [am 27. März] habe ich einen Jugendlichen an einem Kontrollpunkt arbeiten sehen. Ich glaube, er war ungefähr 16 Jahre alt. Er hatte noch nicht einmal einen Bart. Er hielt ein Kalaschnikow-Gewehr in der Hand."
- Augenzeug*in aus Rascht: "Ich habe Kinder gesehen, die Waffen trugen. Sie tragen Masken, um ihre Gesichter zu verdecken, aber es ist offensichtlich, dass sie Kinder sind. Sie sind noch nicht einmal ausgewachsen... einige scheinen höchstens 13 Jahre alt zu sein... Ich habe [mehrere] Kinder gesehen, die vor Moscheen [in denen sich Basidsch-Stützpunkte befinden] standen, noch vor den eigentlichen Truppen."
Wie hat Amnesty recherchiert?
Amnesty International hat darüber hinaus 16 Fotos und Videos analysiert, die seit dem 21. März 2026 im Internet aufgetaucht sind. Sie zeigen Kinder, die Waffen wie Sturmgewehre tragen oder an der Seite von Revolutionsgarden und anderen Streitkräften an Kontrollpunkten, auf Patrouillen und bei staatlich organisierten militarisierten Kundgebungen in Teheran, Maschhad und Kermanschah stehen.
Völkerrechtsbruch: Iran muss die Rekrutierung von Kindern sofort stoppen
Die Rekrutierung von Kindersoldaten wird durch iranisches Recht begünstigt. Über die Basij-Milizen der Revolutionsgarde können Kinder bereits unter 15 Jahren formell eingebunden werden. Das Gesetz über die Einberufungsvorschriften der Revolutionsgarde sieht legt de facto kein Mindestalter fest.
Amnesty International fordert die iranischen Behörden auf, die Rekrutierung von Minderjährigen unverzüglich zu stoppen, allen Personen unter 18 Jahren den Militärdienst zu verbieten und bereits rekrutierte Kinder umgehend aus dem Dienst zu entlassen.
Iran ist Vertragsstaat der UNO-Kinderrechtskonvention. Nach dem humanitären Völkerrecht, das für Iran verbindlich gilt, ist die Rekrutierung oder der Einsatz von Kindern unter 15 Jahren in bewaffneten Konflikten ein Kriegsverbrechen.
Hintergrund
Nach Angaben iranischer Behörden sind bei den Angriffen der USA und Israels bisher mehr als 1.900 Menschen getötet worden, darunter 249 Frauen und 216 Kinder. Bei einem Angriff der USA auf eine Schule in Minab verloren 168 Menschen ihr Leben, darunter mehr als 100 Kinder.
Die Untersuchung des Angriffs durch Amnesty International ergab, dass die Schule direkt mit präzisionsgelenkter Munition getroffen worden war und dass die US-Streitkräfte nicht alle möglichen Vorkehrungen getroffen hatten, um sicherzustellen, dass es sich bei dem anvisierten Ziel tatsächlich um ein militärisches handelte.