Aktuell Nigeria 11. Mai 2014

Entführung in Nigeria: Amnesty-Recherchen beweisen Versagen der Sicherheitskräfte

Protest am 6.5.2014 in Nigerias Hauptstadt Abuja gegen die Entführung von mehr als 240 Schülerinnen durch Boko Haram

Protest am 6.5.2014 in Nigerias Hauptstadt Abuja gegen die Entführung von mehr als 240 Schülerinnen durch Boko Haram

9. Mai 2014 - Obwohl den nigerianischen Sicherheitskräften frühzeitig Warnungen vor einem Angriff vorlagen, unternahmen sie nicht genug, um die Attacke der islamistischen Terrorgruppe Boko Haram auf die staatliche Mädchenschule in der Stadt Chibok zu verhindern. Dies belegen belastende Zeugenaussagen, die Amnesty International gesammelt hat.

Bei dem Angriff in der Nacht vom 14. auf den 15. April 2014 entführte die Terrorgruppe mehr als 240 Schülerinnen.

Nachdem Amnesty International Informationen, die auf mehreren Interviews mit glaubwürdigen Quellen beruhen, unabhängig geprüft hat, enthüllte die Organisation heute, dass die Sicherheitskräfte mehr als vier Stunden vor der Entführung wussten, dass ein Angriff bevorstand. Sie unternahmen jedoch nicht genug, um ihn zu verhindern.

„Die Tatsache, dass die nigerianischen Sicherheitskräfte vom bevorstehenden Angriff von Boko Haram wussten, aber nicht sofort die notwendigen Maßnahmen ergriffen, um ihn zu verhindern, wird den nationalen und internationalen Aufschrei wegen dieses schrecklichen Verbrechens nur noch vergrößern“, sagte Netsanet Belay, Direktor des Afrika-Programms von Amnesty International.

„Der nigerianische Staat hat auf schwerwiegende Art und Weise seine Pflicht verletzt, Zivilisten zu schützen, die solchen Attacken von Boko Haram wehr- und schutzlos ausgeliefert sind. Die nigerianische Führung muss nun alle ihr zur Verfügung stehenden gesetzlichen Mittel nutzen, um sicherzustellen, dass die Mädchen freigelassen werden und dass sich ein solches Verbrechen nicht noch einmal wiederholt.“

Amnesty International konnte mittels mehrerer glaubwürdiger Zeugenaussagen bestätigen, dass das Miltär-Hauptquartier in Maiduguri bereits ab 19 Uhr vom bevorstehenden Anschlag wusste, mehr als vier Stunden, bevor Boko Haram Chibok attackierte.

Trotzdem wurden in dieser Nacht – aus Mangel an Ressourcen und der Angst vor einer Konfrontation mit den oft besser bewaffneten Terroristen – keine Truppen zusammengestellt und als Verstärkung nach Chibok entsandt. Das kleine Kontingent von 17 Soldaten und die lokalen Polizeikräfte vor Ort versuchten den Angriff abzuwehren, wurden aber überwältigt und mussten sich zurückziehen. Berichten zufolge wurde bei den Kämpfen ein Soldat getötet.

Mehr als drei Wochen später wird der Großteil der Mädchen nach wie vor an einem unbekannten Ort gefangen gehalten. Ein Klima der Verwirrung und des Misstrauens hat bis jetzt alle Versuche zunichte gemacht, ihre Freilassung zu erreichen.

Amnesty International erneuert ihre Forderung an Boko Haram, die Geiseln sofort und bedingungslos freizulassen und alle Angriffe auf Zivilisten zu beenden.

„Die Verschleppung dieser Schülerinnen ist ein Kriegsverbrechen. Die Verantwortlichen für diese Tat müssen zur Rechenschaft gezogen werden. Angriffe auf Schulen verletzen zudem das Recht auf Bildung und müssen sofort eingestellt werden“, sagte Netsanet Belay.

Warnungen ignoriert

Zwischen 19 Uhr und 2 Uhr in der Nacht vom 14. auf den 15. April wurden die Militärkommandeure in Damboa (36,5 Kilometer von Chibok entfernt) und Maiduguri (130 Kilometer entfernt) mehrfach durch Sicherheitskräfte und lokale Behörden wegen der Bedrohung alarmiert.

Von Amnesty International befragte Zeugen gaben an, dass am Abend des 14. April zivile Mitglieder der von Militär und lokalen Behörden eingerichteten Bürgerwehr aus Chiboks Nachbardorf Gagilam als erste Alarm schlugen. Zuvor hatte eine große Gruppe unbekannter Männer auf Motorrädern ihr Dorf durchquert und gesagt, sie seien in Richtung Chibok unterwegs. Dies setzte schnell eine Telefonkette in Gang, um die offiziellen Stellen zu informieren, darunter auch den Gouverneur des Bundesstaates Borno und die in Maiduguri stationierten obersten Militärkommandeure.

Ein Beamter, der von Bewohnern aus Gagilam kontaktiert wurde, schilderte Amnesty International: „Am Abend des 14. April habe ich gegen 22 Uhr mehrere Angehörige der Sicherheitskräfte von den Informationen berichtet, die ich von den Bewohnern aus Gagilam erhalten hatte. Sie hatten mir gesagt, dass an diesem Abend seltsame Männer auf Motorrädern in ihr Dorf gekommen seien und nach Chibok weiterfahren wollten. Ich machte noch mehrere andere Anrufe, auch nach Maiduguri. Die Sicherheitskräfte versprachen mir, dass Verstärkung auf dem Weg sei“.

Ein anderer Beamter wurde von Hirten kontaktiert, die sagten, dass sie von bewaffneten Männern gefragt worden seien, wo sich in Chibok die staatliche höhere Schule für Mädchen befinde.

Gegen 23.45 Uhr erreichte Berichten zufolge ein Konvoi aus Lastern und Motorrädern mit bis zu 200 bewaffneten Boko-Haram-Kämpfern die Stadt Chibok. Die Kämpfer lieferten sich ein Feuergefecht mit der kleinen Zahl der dort stationierten Soldaten und Polizisten. Sowohl zahlenmäßig als auch waffentechnisch unterlegen, flohen die Sicherheitskräfte schließlich in den frühen Morgenstunden des 15. April. Einige der Boko-Haram-Kämpfer gingen zur öffentlichen höheren Mädchenschule und entführten mehr als 240 Schülerinnen.

Zwei höhere Offiziere der nigerianischen Armee bestätigten, dass das Militär von dem geplanten Angriff schon wusste, noch bevor es die Anrufe von den Beamten erhielt.

Ein Offizier sagte, dass der Kommandeur nicht in der Lage gewesen sei, Verstärkungen zu mobilisieren. Er beschrieb Amnesty International die Schwierigkeiten, mit denen die Soldaten an der Front im Nordosten Nigerias konfrontiert sind: „Frustration und Erschöpfung sind bei den Offizieren und Soldaten, die im Kampfgebiet im Nordosten Nigerias im Einsatz sind, sehr groß... Viele Soldaten fürchten sich vor den Kampfeinsätzen.“

Amnesty bat das Hauptquartier der nigerianischen Armee in der Hauptstadt Abuja um eine Stellungnahme, erhielt aber keine Antwort.

Es scheint, als hätte seit dem Angriff vom 14. April ein Klima der Verwirrung und des Misstrauens die Bemühungen der nigerianischen Behörden verlangsamt, die entführten Schülerinnen aufzuspüren und zu befreien. Am 16. April sagte ein hochrangiger Sprecher des Verteidigungsministeriums, dass fast alle entführten Mädchen gerettet worden seien und dass lediglich noch acht vermisst würden. Am darauffolgenden Tag musste er seine Aussagen zurückziehen.

„Das Klima des Misstrauens und der Mangel an Transparenz bei den Rettungsmaßnahmen sind nicht hilfreich. Alle Behörden müssen zusammenarbeiten, um sicherzustellen, dass die Mädchen wieder sicher nach Hause kommen, und sie müssen in Zukunft mehr tun, um die Zivilbevölkerung zu schützen“, forderte Belay.

Amnesty International ruft die nigerianische Regierung dazu auf, den Familien der entführten Mädchen die notwendigen Informationen zu über ihre laufenden Bemühungen zur Freilassung der Mädchen zu geben. Die Familien – und die entführten Mädchen, sobald sie wieder in Freiheit sind – müssen angemessen medizinisch und psychologisch betreut werden.

Hintergrundinformationen

Die Warnungen vor dem bevorstehenden Angriff von Boko Haram in Chibok kamen von verschiedenen Quellen, darunter lokale Beamte und zwei hochrangige Militäroffiziere, die von Amnesty International befragt wurden. Die Zeugen bestätigten unabhängig voneinander eine Liste von Beamten und Offiziellen, die in der Nacht vom 14. auf den 15 April vor und auch während des Angriffs auf die Schule alarmiert wurden. Zu ihrem Schutz werden ihre Namen nicht veröffentlicht.

Die Entführung und Verschleppung der Schülerinnen aus Chibok kam zu einem Zeitpunkt, da die Gewalt im Konflikt im Nordosten Nigerias seit Monaten zunimmt und sowohl bewaffnete islamistische Terrorgruppen als auch die Sicherheitskräfte schwerste Menschenrechtsverletzungen begehen.

Recherchen von Amnesty International zeigen, dass in dem Konflikt allein in diesem Jahr bislang mindestens 2000 Menschen getötet wurden.

In einem anderen Fall wurden am 5. Mai 2014 in den Gemeinden Warabe und Wala im Nordosten des Landes acht Schulmädchen von Bewaffneten entführt. Ähnliche Entführungen, vor allem von Frauen und Mädchen, gab es in den vergangenen zwei Jahren immer wieder.

Am 5. Mai wurden außerdem mehr als 200 Menschen in Gambori in der Region Ngala im Bundesstaat Borno getötet, als eine bewaffnete Gruppe am helllichten Tag aus zwei gepanzerten Fahrzeugen das Feuer auf einen Marktplatz eröffnete und in die Menschenmenge schoss. Der Angriff begann gegen 13.30 Uhr und dauerte mehrere Stunden. Dabei setzten die Täter auch Marktstände, Fahrzeuge und nahegelegene Häuser und Geschäfte in Brand.

Trotz dieser anhaltenden Angriffe haben es die nigerianischen Behörden bislang versäumt, die Tötungen und Entführungen angemessen zu untersuchen, die Täter zur Rechenschaft zu ziehen und weitere Angriffe zu verhindern.

Gleichzeitig hält die Regierung aber in Militärgefängnissen weiterhin gesetzwidrig hunderte Menschen gefangen, die im Verdacht stehen, Mitglieder oder Unterstützer von Boko Haram zu sein, und verweigert ihnen den Zugang zu Anwälten. Die meisten der Menschen, die in über das gesamte Land verstreuten Lagern und Gefängnissen festgehalten werden, bleiben ohne konkrete Tatvorwürfe und Anklage inhaftiert, und viele wurden von den Sicherheitskräften außergerichtlich exekutiert.

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