Indien: Gewalt gegen Frauen bekämpfen!
Indische Juristinnen fordern Gerechtigkeit für die Opfer sexueller Gewalt in Neu Delhi, 3. Januar 2013
© Louis Dowse / Demotix
7. Januar 2013 - Die brutale Vergewaltigung einer 23-jährigen Frau am 16. Dezember 2012 in Neu-Delhi durch sechs Männer hat ein Schlaglicht auf eine grausame Realität geworfen, die Millionen von Frauen in Indien betrifft. Die Todesstrafe kann jedoch keine Antwort auf Vergewaltigung sein.
Eine weit verbreitete Frauendiskriminierung lässt Gewalt an Frauen als nahezu selbstverständlich erscheinen. Veraltete Gesetze im Bereich sexueller Gewalt und eine Kultur der Straflosigkeit für solche Gewaltdelikte tragen zu dieser unhaltbaren Situation bei.
Die Wut, die sich nun auf die Täter entlädt, und der Wunsch, sie hart bestraft zu sehen, sind verständlich. Nicht nur dieses brutale Gewaltverbrechen, sondern jedes geschlechtsspezifische Gewaltdelikt muss strafrechtlich verfolgt und bestraft werden.
Aber die Realität sieht bisher anders aus: 2011 wurden mehr als 24.000 Vergewaltigungsfälle angezeigt, die Dunkelziffer dürfte aber um ein Vielfaches höher liegen. Doch drei von vier Männern, die wegen Vergewaltigung angeklagt sind, werden von Gerichten frei gesprochen.
Die Polizei behandelt Vergewaltigungen und Anzeigen wegen häuslicher Gewalt meist als Bagatellen und nimmt Anzeigen häufig nicht auf. Nicht selten werden Frauen auch auf Polizeistationen von Polizisten vergewaltigt. Gewalt gegen Frauen bleibt in der Regel straffrei. Es ist diese Atmosphäre der Straflosigkeit, die dazu führt, dass Gewalt an Frauen von vielen als Selbstverständlichkeit betrachtet wird.
Gewalt gegen Frauen grundlegend bekämpfen
Die Verhängung der Todesstrafe kann allerdings nicht die Lösung sein. Gewalt an Frauen muss durch grundlegende und umfassende Maßnahmen bekämpft werden. Neben der konsequenten Bestrafung von Tätern gehören dazu die Bekämpfung und Ahndung jeder Form von geschlechtsspezifischer Gewalt und Diskriminierung und die Bestärkung der Frauen in allen ihren Rechten, in allen Lebensbereichen.
Amnesty International spricht sich in jedem Fall und unter allen Umständen gegen die Todesstrafe aus. Sie ist grausam und unmenschlich und verletzt das Recht auf Leben. Die Erfahrung zeigt zudem, dass die Todesstrafe keine abschreckende Wirkung hat, wie oft behauptet wird. "Die Verhängung der Todesstrafe ist selbst ein Verbrechen", sagt Amnesty-Generalsekretär Salil Shetty.
Todesstrafe wäre ein Rückschritt
Amnesty International appelliert an die indische Regierung, dem öffentlichen Druck nicht nachzugeben und die Gewaltverbrecher ihrer Tat entsprechend hart, aber nicht mit dem Tod zu bestrafen. Die Frauen in Indien brauchen keinen Racheakt für ein öffentlich ausgeübtes sexistisches Gewaltverbrechen, sondern wirksame und nachhaltige Maßnahmen gegen die Ursachen der alltäglichen sexistischen Gewalt, der sie nicht nur in der Öffentlichkeit ausgesetzt sind. Außerdem braucht Indien eine Gesetzes- und Justizreform, die auch die heute völlig inadäquate Definition von Vergewaltigung umfasst.