Amnesty Journal Ägypten 23. Mai 2017

Unterdrücktes Lachen

Karikatur von Nadia al-Khiari, Tunesien

Karikatur von Nadia al-Khiari, Tunesien

In der arabischen Welt hat sich seit dem Aufstandsjahr 2011 Satire als Form politischer und gesellschaftlicher Kritik fest etabliert – sehr zum Missfallen der verspotteten Machthaber.

Von Hannah El-Hitami

Am 13. Januar 2011 wurde Nadia Khiari wiedergeboren – als Katze. Unter dem Pseudonym »Willis from Tunis« begann die tunesische Künstlerin Karikaturen zu zeichnen. Darin übernehmen Katzen die Rollen von tunesischen Politikern, Aktivisten oder Religiösen und zeigen gesellschaftliche und politische Probleme auf. Ihre erste Katze war der damalige Präsident Zine el-Abidine Ben Ali, der an jenem Abend eine Rede hielt, mit der er auf die Demonstrationen reagierte, die wenige Wochen zuvor mit der Selbstverbrennung eines Gemüsehändlers in Sidi Bouzid begonnen hatten. Er versprach das Ende der Presse- und Internetzensur und beteuerte, dass er die Forderungen des Volkes ernst nehme und auf dessen Seite stehe.

»Ich fühlte mich gedemütigt. Er sprach mit uns, als wären wir Idioten«, erinnert sich die 43-jährige Khiari, die Ben Alis letzte Rede vor seiner Flucht ins saudi-arabische Exil zu Hause vor dem Fernseher verfolgte, denn es herrschte Ausgangssperre. An diesem Tag wurde sie zur Karikaturistin. Sie zeichnete zunächst nur für ihre Freunde und Familie und hatte dann immer größeren Erfolg durch das Internet. »Für mich als Künstlerin war das eine Revolution, weil ich mich ausdrücken konnte, ohne in Metaphern zu sprechen«, sagt Khiari. Das habe sie zuvor nie erlebt in einem Land, in dem man den Akku aus dem Handy nahm, bevor man zu Hause über Politik sprach.

Seit jenem Januarabend vor sechs Jahren schlüpfen Khiaris Katzen in die verschiedensten Rollen. Mal tragen sie einen Salafistenbart, mal posieren sie in Anlehnung an das feministische »We can do it!«-Poster mit rotem Bandana und angespanntem Bizeps. Die Katzen können sehr ernst sein, aber meistens machen sie sich über die gesellschaftspolitische Realität in Tunesien lustig. Zum Beispiel wenn eine Katze an einem Marktstand fragt, ob noch ein wenig Hoffnung übrig sei. Nein, antwortet der Verkäufer, die Saison dafür habe im Frühling 2011 geendet, doch seien gerade Misere, Unterdrückung und Arbeitslosigkeit im Angebot.

»Macht bricht man am besten, indem man sich über sie lustig macht«, sagt der Ägypter Nabil Fekry*, der wie so viele 2011 die sozialen Medien zu seiner Stand-up-Bühne machte. Der damals 19-Jährige begann auf Facebook satirische Texte zu posten und baute schnell eine Fangemeinde auf. Die Proteste gegen Ägyptens Präsidenten Hosni Mubarak öffneten politische und kulturelle Freiräume, in denen Tabubrüche plötzlich gewagt werden konnten.

In dieser Atmosphäre beschloss auch ein Herzchirurg aus Kairo, seinen ersten satirischen Clip auf Youtube hochzuladen. Bald hatte Bassem Youssef seine eigene Fernsehsendung, »Die Sendung«, und ein Publikum von mehreren Millionen Zuschauern allein in Ägypten. Heute gilt er vielen als König der arabischen Satire, auch wenn er schließlich in die USA auswandern musste. Nachdem sich Youssef von 2011 bis 2014 im Dickicht des politischen Umbruchs, als Muslimbruderschaft und Armee um die Macht stritten, von Fernsehsender zu Fernsehsender gehangelt hatte, musste er sich nach der Wahl Abdel Fattah al-Sisis zum Präsidenten geschlagen geben. Der Druck auf ihn und seine Familie war zu groß geworden.

Youssefs Sendezeit endete und mit ihr ein kurzes Aufblühen der Meinungsfreiheit in Ägypten. »Anfangs habe ich über alles geredet, über Sex, Politik, Religion, und habe alle Tabus gebrochen«, erinnert sich Fekry, für den Youssef Idol, Mentor und guter Freund war. »Mittlerweile ist es anders geworden. Es könnte sein, dass du etwas Politisches schreibst und dafür angeklagt wirst, vor allem jetzt durch den Ausnahmezustand. Es könnte sein, dass ein Extremist in deiner Straße wohnt und denkt, dass er in den Himmel kommt, wenn er dich umbringt.«

Fekry schreibt trotzdem weiter. Auf seiner Facebook-Seite postet er regelmäßig über das, was in seinem Land passiert. Über die Anschläge auf zwei koptische Kirchen am Palmsonntag schrieb er einen satirischen Dialog, über den man angesichts der hohen Opferzahlen nur widerwillig lacht. Ist Humor wirklich immer der richtige Weg, um über ernste Themen zu sprechen? »Auf jeden Fall«, findet Fekry. »Schwarzer Humor ist dazu da, dass Menschen eine ernste Sache verstehen, ohne dass sie deswegen deprimiert sind. Ich glaube, dass es bestimmte Menschenrechte gibt, auf die wir uns einigen sollten. Das will ich ausdrücken, indem ich Witze mache. Ich will aber nicht wie die Religiösen sein, die den Leuten sagen, was richtig und was falsch ist.«

Viele Menschen in der arabischen Welt entdeckten 2011 den Witz als politische Ausdrucksform. Er öffnete Freiräume, in denen sie über Tabus sprechen und bislang Unantastbares verspotten konnten. Der Frust der Demonstrierenden von Manama bis Tunis fand seinen Ausdruck in sarkastischen Bannern und Witzen über die täglich neuen Verleumdungsversuche der Regierung. »Wir lachen über das, was uns Angst macht, um unsere Angst zu beherrschen«, erklärt Nadia Khiari. »Es ist ein nervöses Lachen, weil über bestimmte Themen nicht gesprochen werden darf und es dann doch jemand macht.«

Humor im Umgang mit politischen und gesellschaftlichen Problemen ist in der arabischen Kulturlandschaft schon lange verwurzelt. Wer sich Theater und Filme aus dem »arabischen Hollywood« Ägypten ansieht, der findet dort seit Jahrzehnten satirische Szenen, die zu Insiderwitzen einer ganzen Nation geworden sind. Kaum ein palästinensischer Witz, der nicht von Politik, Religion oder Sex handelt – also von allem, worüber man nicht öffentlich sprechen darf. In Saudi-Arabien parodieren Karikaturisten mit wachsender Fangemeinde seit der Jahrtausendwende ihre konservativen Landsleute – immer knapp entlang der roten Linien. Und viel früher schon schrieben libanesische Sänger satirische Lieder über Politik und Bürgerkrieg.

Bereits 1922 gründete Youssef Moukarzel mit Al-Dabbour die erste Satirezeitung des Libanons. Er sah Satire als Maßstab für die Meinungsfreiheit in seinem Land an, die jedoch auch damals nicht gewährleistet war: Unter der französischen Mandatsherrschaft wurde er mehrfach für seine Arbeit inhaftiert. Während des libanesischen Bürgerkriegs musste die Zeitung schließen. Seit dem Jahr 2000 macht sich das Team von Al-Dabbour wieder über Machthaber, Religion, die libanesische Gesellschaft und Politik lustig. »Es gibt Grenzen, aber unsere Aufgabe ist es, sie ständig zu erweitern«, sagte Chefredakteur Joseph Moukarzel in einem Interview mit dem Internetportal Qantara.

Satirikerinnen und Satiriker werden vom Maghreb bis zu den Golfstaaten immer wieder zur Zielscheibe von Zensur und Repressalien. Denn Lachen stärkt den Gruppenzusammenhalt und schließt gleichzeitig Dritte aus. Das verunsichert autoritäre Regime vor allem dann, wenn Pointen auf ihre Kosten gehen. Kein Wunder, dass das Misstrauen gegenüber Humoristen groß ist. Doch das subversive Spotten, das kritische, ironische und schadenfrohe Kichern, das unterdrückte und manchmal auch erleichterte Lachen in den Straßen, Cafés und Häusern der arabischen Welt verstummt nicht.

  • Name von der Redaktion geändert

Dieser Artikel ist in der Ausgabe Juni/Juli 2017 des Amnesty Journals erschienen.

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