Amnesty Journal Ägypten 28. März 2017

Exil im Atelier

Ramy Essam singt und spielt Gitarre auf dem Tahrir-Platz in Kairo, Dezember 2011

Ramy Essam singt und spielt Gitarre auf dem Tahrir-Platz in Kairo, Dezember 2011

Um gefährdeten Künstlern ein ungehindertes Arbeiten zu ermöglichen, hat eine finnische Initiative das Programm »Artists at Risk« gestartet – und fördert damit deren europaweite Vernetzung.

Von Clemens Bomsdorf

"Irhal, Irhal, Irhal« – immer wieder singt Ramy Essam dieses Wort, und die Menschenmenge vor ihm singt mit. So ist es auf Youtube zu sehen, und so geschah es Anfang 2011 auf dem Tahrir-Platz in Kairo. »Geh« heißt das Wort, das Essam sang, auf Deutsch. Es galt dem ägyptischen Präsidenten Husni Mubarak. Der trat wenige Tage später tatsächlich ab, und der ­damals 23-jährige Essam erlangte als »Barde der Revolution« internationale Berühmtheit – wurde in seiner Heimat jedoch zweimal festgenommen und in Haft misshandelt.

Weil er seine umstürzlerischen Lieder vor so vielen begeisterten Leuten sang und nahezu jeder in Ägypten ihn kannte, war er zu einer besonderen Bedrohung des Regimes geworden. »Sie würden mich erkennen und sicher wieder misshandeln, wenn ich in die Armee ­müsste«, sagt Essam.

Noch bis zu seinem dreißigsten Geburtstag droht ihm die Einberufung zum Militärdienst. Damit würde er jenen ausgeliefert, die ihn hassen. Dass er davor fliehen und gleichzeitig neue Lieder produzieren konnte, um in Ägypten weiter für politischen Wandel zu werben, hat er auch dem finnischen Programm »Artists at Risk« zu verdanken. Essam war einer der ersten Künstler, die dafür ausgewählt wurden. 2016 verbrachte er drei Monate in Helsinki.

»Diktatoren können alles niederschlagen, nur nicht die Kunst«, sagt Essam. »Die Kreativität in den Hirnen der Menschen kann nicht gestoppt werden.« Er selbst sei das beste Beispiel dafür: Obwohl er von Armee und Polizei festgesetzt und verletzt wurde, habe er immer wieder zur Gitarre gegriffen und seine Protestlieder gesungen. Weil er auf der Flucht vor dem Militär ist, mache er das derzeit aber nur im Ausland. So hat er in Finnland, Deutschland und den USA auf die repressiven Verhältnisse unter Ägyptens Militärmachthaber Abdel Fattah al-Sisi aufmerksam machen können.

»Die Medien berichten nur noch wenig über Ägypten, aber wir brauchen jetzt internationale Unterstützung. Von der schlechten Wirtschaftslage mag jeder gehört haben, aber die Gewalt der Regierung, die ist das Schlimmste«, sagt Essam. »Von der Brutalität, den Inhaftierungen und der anhaltenden Folter wird nicht gesprochen.« Der 29-Jährige räumt ein, dass man bei den Protesten im arabischen Aufstandsjahr 2011 vielleicht zu naiv gewesen sei: Es habe eben doch nicht alles über Nacht geändert werden können.

Deshalb berichtet Essam bei seinen Konzerten über die aktuelle Lage in Ägypten und spricht auch an Universitäten und Theatern. Die Kontakte für einige dieser Veranstaltungen hat er durch »Artists at Risk« bekommen. Der Aufenthalt in Finnland hat ihm auch ermöglicht, neue Musik zu produzieren. Ein Lied gegen Polizeigewalt, das er geschrieben hat, ist bald fertig.

»Arbeiten zu können ist bei einem solchen Aufenthalt enorm wichtig«, sagt Essam. »Wenn es uns Künstler nur um Sicherheit ginge, könnten viele von uns einfach aufhören. Dann müssten wir häufig gar nicht fliehen. Doch es geht um viel mehr – darum, seine Meinung in der Öffentlichkeit kundtun zu können, egal, ob nun singend oder schreibend oder wie auch immer.«

Dass das geht, mag auch an der Art des Programms und dessen Organisatoren, Marita Muukkonen und Ivor Stodolsky, liegen. Die beiden bilden das Duo »Perpetuum Mobile«, kuratieren gemeinsam Ausstellungen und planen öffentliche Veranstaltungen. »Wir arbeiten schon seit Jahren mit politisch und sozial engagierten Künstlern. Viele stehen unter enormem Druck, weil die Meinungsfreiheit in ihrem Land bedroht ist. Wir wollen ihnen ermöglichen, ein paar Monate herauszukommen und frei arbeiten zu können«, so Muukkonen. Zumindest für eine gewisse Zeit sollen die Künstler unter normalen Bedingungen arbeiten können, bevor sie später wieder in ihrer Heimat ihrer mit Repressalien verbundenen Arbeit nachgehen.

Nachdem das Programm 2016 mit vier Künstlerresidenzen in Helsinki startete, sind für dieses Jahr zwölf geplant. Die bereits ausgewählten Künstler stammen aus Ländern wie Syrien, Malaysia oder der Türkei. Und außer Helsinki beteiligen sich auch andere europäische Städte, zum Beispiel Athen, Lecce und Oslo.

Auch Berlin macht mit und bietet ab Herbst einen Aufenthalt in Zusammenarbeit mit dem Kunstraum »Savvy Contemporary«. Die zwölf Künstler sollen mit EU-Geldern und durch eine Förderung skandinavischer Staaten finanziert werden: 1.250 Euro monatliches Stipendium sowie eine Unterkunft und einen Produktionskostenzuschuss gibt es dann – sowie jede Menge Kontakte. Schließlich ist die Idee nicht nur, dem einzelnen Künstler zeitweilig Schutz zu bieten, sondern ihm zu ermöglichen, längerfristig von seiner Meinungsfreiheit Gebrauch zu machen und dazu beizutragen, Demokratie und Menschenrechte in seiner Heimat zu fördern.

Dies ist auch in der Türkei dringend notwendig, sagt die Istan­buler Videokünstlerin Pınar Öğrenci, die ab April als »Artist at Risk« in Athen leben wird. Öğrenci ist in der Türkei wegen Terrorismus angeklagt, ihr drohen bis zu 18 Jahre Gefängnis. Ende 2015 war sie in der Kurdenmetropole Diyarbakır im Süd­osten des Landes festgenommen worden, als sie am Friedensmarsch »I am walking for peace« teilnahm.

»Ich denke, sie haben mich inhaftiert, weil ich den Marsch gefilmt habe. Ich bin eine Aktivistin, bin aber nicht Teil einer politischen Gruppe«, sagt sie. Ein Teil ihrer Arbeit ist bis Anfang Mai in der Ausstellung »Post Peace« im Württembergischen Kunstverein in Stuttgart zu sehen. Sie sollte ursprünglich in der Türkei gezeigt werden, war aber nach Angaben der Kuratoren des Kunstvereins vier Tage vor der Eröffnung März 2016 zensiert worden.

Unterdessen geht der Prozess gegen Öğrenci weiter, und sie muss immer wieder vor Gericht erscheinen. »Mit ›Artists at Risk‹ ein paar Monate in Athen bleiben zu können, ist für mich auch psychologisch sehr wichtig. Außerdem werde ich dort viele Aktivisten und Künstler treffen und auch die »documenta« sehen können. Alles wird meine Arbeit weiter voranbringen«, sagt ­Öğrenci, die befürchtet, dass die Türkei immer mehr wie der Nahe Osten wird anstatt wie Europa. »Es ist wichtig, dass wir mit der Außenwelt Kontakt halten und auch Künstler aus dem Westen zu uns kommen.«

Der ägyptische Sänger Ramy Essam wird aufgrund seiner Bekanntheit immer wieder als Redner angefragt. Wichtiger als öffentliche Auftritte im Ausland ist ihm aber, nach seinem dreißigsten Geburtstag nach Ägypten zurückkehren zu können, um dort sein Land weiter zu verändern, wie er es am besten kann: singend.

Dieser Artikel ist in der Ausgabe April/Mai 2017 des Amnesty Journals erschienen.

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