Amnesty Journal Deutschland 11. Oktober 2016

Emmanuel Adu-Agyeman - "Ich dachte, die Deutschen hätten ein gutes Herz"

Emmanuel Adu-Agyeman - "Ich dachte, die Deutschen hätten ein gutes Herz"

Emmanuel Adu-Agyeman

Im September 1991 kam es im sächsischen Hoyerswerda zu ausländerfeindlichen ­Ausschreitungen. Emmanuel Adu-Agyeman aus Ghana war einer der Flüchtlinge, die damals angegriffen wurden.

Protokoll: Stefan Wirner

"Ich bin im November 1990 in Schwalbach bei Frankfurt angekommen. Zusammen mit anderen Flüchtlingen aus Ghana, Sri Lanka, Nigeria und Angola wurde ich im März 1991 nach Hoyerswerda gebracht, in ein DDR-Hochhaus, in dem auch Deutsche wohnten. Wir spürten bald, dass die Leute uns hier nicht haben wollten. Wenn wir im Supermarkt einkauften, gab es oft Ärger. Wir verstanden die Beschimpfungen am Anfang gar nicht, weil keiner von uns Deutsch konnte. Die Leute hielten Bananen hoch, wenn sie uns sahen, und riefen 'Ausländer raus!'.

Andererseits hatten wir guten Kontakt zur Kirchengemeinde in der Stadt. Man lud uns zum Fußballspielen ein und wir kochten afrikanisches Essen. Mit den jungen Leuten haben wir viel unternommen. Einmal waren wir gemeinsam an einem See schwimmen und auf dem Rückweg kamen uns fünf Männer entgegen und griffen uns an. Ich wurde an der Hand verletzt.

Eines Tages standen auch Leute vor unserem Haus und riefen 'Ausländer raus!'. Das waren Skinheads. Die Sozialarbeiterin sagte, wir sollten lieber nicht rausgehen. Wir saßen alle in der sechsten Etage und warteten. Abends um sechs Uhr kamen dann sehr viele Leute auf Motorrädern. Sie schossen Feuerwerksraketen auf unser Haus. Vor dem Gebäude gab es ein Wäldchen, da versteckten sie sich. Um 10 Uhr abends warfen sie dann aus dem Versteck heraus Flaschen und Steine auf das Haus. Bei uns in der Etage entstand ein völliges Durcheinander, wir konnten uns ja auch untereinander schlecht verständigen wegen der verschiedenen Sprachen.

Es dauerte eineinhalb Stunden, bis die Polizei kam. Aber das waren nur vier oder fünf Polizisten in einem kleinen Wartburg. Die Angriffe gingen immer weiter, alle Fenster des Hauses waren kaputt von den Steinwürfen. Erst um fünf Uhr morgens erhielt die Polizei Verstärkung. Auch ein Hubschrauber kam und die Angriffe wurden endlich gestoppt.

Dann durften wir das ganze Wochenende das Haus nicht verlassen. Man wollte uns aus Hoyerswerda wegbringen. Am Montagvormittag wurden wir mit einem Bus abgeholt. Sehr viele Leute standen vor dem Haus und riefen 'Ausländer raus!'. Junge, Alte, alle waren da.

Wir wurden nach Meißen gebracht. Nach ein paar Tagen kam eine Gruppe von Autonomen zu uns, die sagten, sie würden uns nach Berlin bringen. Tatsächlich fuhren wir schließlich mit dem Zug dorthin. Sie haben uns in eine Kirche nach Dahlem ins Kirchenasyl gebracht. Es gab wochenlange Verhandlungen, was mit uns geschehen soll. Die reichen Leute, die in Dahlem wohnen, wollten auch keine Flüchtlinge in ihrer Gegend und machten Druck gegen uns.

Am Ende bin ich wieder in Frankfurt gelandet. Heute lebe ich in Darmstadt. Ich habe eine Aufenthaltsgenehmigung und arbeite in einer Wurstfabrik. Ich habe guten Kontakt zum früheren Bürgermeister von Hoyerswerda, Horst-Dieter Brähmig. Er hat uns zehn Jahre nach den Ausschreitungen für eine Woche nach Hoyerswerda eingeladen. Die Stadt hatte sich völlig verändert, viele Häuser waren renoviert, die Stimmung war anders. Brähmig entschuldigte sich bei uns für das, was geschehen war. Heute denke ich nicht mehr so oft an die Zeit zurück. Aber es ist immer noch in meinem Kopf. Wir konnten es einfach nicht verstehen, denn in Ghana hatte man uns immer erzählt, die Deutschen hätten ein gutes Herz."

Weitere Videos und Texte aus der Serie "Alltagsrassismus protokolliert" gibt es auf www.amnesty.de/alltagsrassismus-protokolliert

Weitere Informationen zum Thema Rassismus in Deutschland finden Sie auf www.amnesty.de/gegen-rassismus

Dieser Artikel ist in der Oktober/November-Ausgabe 2016 des Amnesty Journal erschienen

Mehr dazu

Aktuell Deutschland

Rüstungsexporte besser kontrollieren

Amnesty-Mitglied Wenke verrät im Interview, warum sie im Rahmen dieser Kampagne eine effektivere Kontrolle von Rüstungsexporten gefordert hat.
Aktuell Deutschland

Ja zum Flüchtlingsschutz

Amnesty-Mitglied Virginia erzählt im Interview, warum sie sich im Rahmen dieser Kampagne für mehr Schutz für Flüchtlinge stark gemacht hat.
Aktuell Deutschland

Kein Platz für Rassismus

Amnesty-Mitglied Bernhard begründet im Interview, warum er sich im Rahmen dieser Kampagne für ein entschlosseneres Eintreten gegen Rassismus eingesetzt hat.
Pressemitteilung Myanmar

Myanmar: Amnesty dokumentiert Verbrechen gegen die Menschlichkeit

BERLIN, 17.10.2017 – Der neue Amnesty-Bericht „My World Is Finished’: Rohingya Targeted in Crimes against Humanity in Myanmar“ dokumentiert mit Augenzeugenberichten, Satellitenbildern, Foto- und Videomaterial die brutalen ethnischen Säuberungen gegen die Rohingya-Minderheit in Myanmar.
Aktuell Myanmar

Systematische Gewalt gegen Rohingya

Vergewaltigungen, Hinrichtungen und niedergebrannte Orte: Amnesty dokumentiert systematische, skrupellose und kalkulierte Gewalttaten durch myanmarische Sicherheitskräfte gegenüber Rohingya.
Deutschland

Ja zum Flüchtlingsschutz!

Im Interview erzählt Amnesty-Mitglied Virginia Maiorino, warum sie sich für Menschenrechte einsetzt.
Pressemitteilung Deutschland

10. Marler Medienpreis: Ehren-Auszeichnung für Filmproduzent Artur Brauner

BERLIN, 12.10.2017 - Der Ehrenpreis des 10. Marler Medienpreis Menschenrechte (m3) geht dieses Jahr an Artur Brauner. Der 99-jährige Brauner wird für seine über 70 Jahre andauernde Arbeit geehrt, durch die er immer wieder an die Schrecken des Holocausts erinnert und dazu beigetragen hat, die deutsche Vergangenheit aufzuarbeiten.
Pressemitteilung Deutschland

Amnesty warnt vor Abschaffung der Kennzeichnungspflicht für Polizisten in NRW

BERLIN, 10.10.2017 - Die Abschaffung der Kennzeichnungspflicht in NRW wäre ein gravierender Rückschritt für eine moderne, transparente Polizeiarbeit. Amnesty International fordert alle Abgeordneten des nordrhein-westfälischen Landtages dazu auf, diesen rechtsstaatlichen Rückschritt abzulehnen.