Amnesty Journal Aserbaidschan 23. Juni 2016

"Korruptes System"

"Korruptes System"

Das Maracana Stadion in Rio de Janeiro

Sport wird oft als Motor für Entwicklung, Toleranz und Respekt angesehen. Owen Gibson hält diese Rhetorik für verlogen. Nach Einschätzung des Sportjournalisten der britischen Zeitung "The Guardian" haben Menschen­rechtsverletzungen rund um große Sportveranstaltungen zugenommen.

Interview: Julie Jeannet

Sportevents wie die Fussball-WM oder die Olympischen Spiele wurden in den vergangenen Jahren häufig an Schwellenländer vergeben. Haben die Anlässe die dortige Menschenrechtslage verbessert?
Nein, bisher war das überhaupt nicht der Fall. Zwar wird ständig wie ein Mantra wiederholt, dass Sport die Menschenrechte voranbringe. Aber dafür fehlt bislang jeder Beweis. Riesige Sportevents werden vor allem in diese Länder vergeben, weil multinationale Konzerne dort ihre Werbebotschaften verbreiten wollen. Die Konzerne wollen in diesen Ländern neue Absatzmärkte erschliessen und umfangreiche Bauverträge abschliessen. Meistens führen große Sportanlässe eher dazu, dass sich die Menschenrechtslage verschlechtert.

Warum?
Wir müssen unterscheiden: Die prekären Arbeitsbedingungen von Migranten auf den Baustellen in Katar sind etwas anderes als die Repression vor den Olympischen Spielen in Sotschi. Aber sie werden durch die gleichen Kräfte befördert: Staaten wie Russland oder Katar nutzen die Sportanlässe, um sich auf der Weltbühne zu präsentieren. Dafür sind sie zu allem bereit und akzeptieren keine Kritik. Das jüngste Beispiel ist die aserbaidschanische Hauptstadt Baku. Die Europaspiele waren bis dahin ein völlig unbekanntes Ereignis. Doch dann war Aserbaidschan bereit, dafür sechs Milliarden US-Dollar auszugeben. Alle Regimegegner wurden inhaftiert. Sportevents haben auch in der Vergangenheit häufig dazu gedient, die Bevölkerung zu unterdrücken.

Warum machen der Weltfussballverband (FIFA) und das Internationale Olympische Komitee (IOC) die Einhaltung der Menschenrechte nicht zur Bedingung für die Ausrichtung von Sportveranstaltungen?
Die FIFA und das IOC geben sehr viele Dinge auf ganz verschiedenen Ebenen vor. In der Vergangenheit waren die großen Sportveranstaltungen für die Regierungen so attraktiv, dass sie sogar nationale Gesetze änderten, wenn dies dafür nötig war. Die Sportorganisationen hätten also eindeutig die Macht, auf die Einhaltung internationaler Menschenrechtsstandards zu ­pochen. Aber sie wollen nicht. Die FIFA ist ein korruptes System, dass darauf abzielt, dass sich eine Handvoll Spitzenfunktionäre bereichern. Es geht nicht darum, den Alltag der breiten Bevölkerung zu verbessern.

Diesen Sommer finden die Olympischen Spiele in Rio de Janeiro statt. Brasilien steht wegen Polizeigewalt gegen junge Schwarze in der Kritik. Kann Sport etwas gegen Rassismus ausrichten?
Sport kann ein Motor für positive Veränderungen sein – seine Kraft ist sehr groß, er ist eine universell verstandene Sprache und bringt Menschen zusammen. Leider muss man sich fragen, ob diese Sportevents nicht vor allem für privilegierte Weiße und vielleicht noch für die Mittelklasse organisiert werden. Das galt für die Fussball-WM in Brasilien und Südafrika und so wird es sicher auch diesen Sommer in Rio sein. Ich sehe keine Versuche, die Gastgeberländer zu demokratisieren oder die Ressourcen ­gerechter zu verteilen.

Wie kann die Lage der Menschenrechte bei kommenden sportlichen Großereignissen verbessert werden?
Ich glaube, die Zuständigen haben begriffen, dass es so nicht weitergehen kann. Die Vergabe der WM nach Katar hat gezeigt, wie korrupt das System ist. Es ist ja wirklich der denkbar schlechteste Ort für eine Fussball-WM. Der Fall Russland ist auch interessant, weil die Olympischen Spiele dort mehrere Skandale ans Licht gebracht haben. Die FIFA hat versprochen, dass sie die Menschenrechtssituation bei der Vergabe der nächsten Turniere berücksichtigen wird. Aber zwischen den Absichtserklärungen und den Taten besteht immer noch ein großer Widerspruch. Wenn wir die FIFA und das IOC dazu bringen könnten, Menschenrechtsstandards anzunehmen, wie dies einige internationale Wirtschaftsakteure getan haben, dann wäre dies schon ein Fortschritt.

Müssten für den Sport nicht höhere Standards gelten als für die Wirtschaft?
Ja, sicher. Aber es wäre ein erster Schritt. Für mich gibt es Gemeinsamkeiten zwischen den großen Sportorganisationen und Textilunternehmen, die auf moderne Sklaverei zurückgreifen. Der Einsturz des Rana-Plaza-Gebäudes in Bangladesch hat die Textilindustrie dazu gebracht, Maßnahmen zu ergreifen, damit sich ein solcher Unfall nicht wiederholt. Nun müssen wir schauen, ob die Unternehmen die Reformen wirklich ernst nehmen.

Die FIFA hat mit Gianni Infantino einen neuen Präsidenten gewählt. Ist das die Gelegenheit für einen Neustart?
Bislang ist er den Beweis schuldig geblieben, dass er seine Reformversprechen ernst meint. Eine nette Powerpoint-Präsentation mit Lösungsvorschlägen reicht nicht aus. Die neue Spitze muss die Organisation wirklich reformieren. Leider war die FIFA in den vergangenen 40 Jahren nicht zu solchen Verbesserungen bereit. Ob sie es heute ist, wird sich zeigen. Ich warte auf Beweise.

Owen Gibson ist Chefkorrespondent des Sportressorts bei "The Guar­dian". Von 2010 bis 2012 war er Olympia-Redakteur bei der britischen Tageszeitung und schrieb in dieser Rolle über die Spiele in London. Vor seinem Wechsel zum "Guardian" im Jahr 2001 arbeitete er für die Branchenzeitung "Media Week".

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