Strukturschwach und schlecht legitimiert
Im Juli 2012 stimmte Präsident Wladimir Putin dem "Agentengesetz" zu
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Imperialer Alleinherrscher oder Partner des Westens? Weder noch. Die Journalistin Katja Gloger zeichnet die Welt nach, in der Wladimir Putin regiert.
Von Maik Söhler
Er hat im Handstreich die Eroberung der Krim angeordnet und damit den Westen brüskiert. Zugleich lässt er Seite an Seite mit dem Westen die Hochburgen der Terrormiliz "Islamischer Staat" in Syrien bombardieren. Zwei Ereignisse – ein Wladimir Putin, der handelt. Widersprüchlich? Konsequent? Einfach nur machtbesessen?
Katja Gloger, jahrelang Moskau-Korrespondentin des "Stern" und seit 25 Jahren mit der russischen Innen- und Außenpolitik befasst, gibt Antworten: "Dieses neue Russland – es ist Putins Russland – versteht sich als revisionistische Ordnungsmacht auf einem eigenen, eurasischen Kontinent, als moralischer und politischer Gegenpol mit eigener, zivilisatorischer Mission in Abkehr vom Westen." Unter Putin sei Russland im Inneren dank Repression und medialer Propaganda zu einer Festung geworden, die sich "von inneren Feinden bedroht, von äußeren Feinden umzingelt wähnt".
Das habe mehrere Gründe, schreibt Gloger. Der Westen, insbesondere die USA, habe nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion wenig Gespür für Russlands Interessen und Machtambitionen gezeigt und mit der Nato-Osterweiterung Putins Reich bedrängt.
Versprechen seien gebrochen worden, Vertrauen wurde zerstört, Putins Vorgänger Michail Gorbatschow und Boris Jelzin erhielten Geld statt Partnerschaft. Klar sei aber auch, dass "die wesentliche Ursache für den Konflikt zwischen Russland und dem Westen (…) im Legitimationsdefizit des Systems Putin zu suchen" sei. Russland habe politisch und ökonomisch strukturelle Schwächen, die seit Jahrzehnten nicht behoben worden seien und die sich nun, angesichts fallender Preise für Öl und Gas, wieder zeigten.
Gloger charakterisiert das System Putin als eine Mischung aus "Kapitalismus für Freunde" – ein Selbstbedienungsladen, in dem sich Günstlinge bedienen dürfen, im Gegenzug aber politisch loyal sein müssen und Gefälligkeiten zu erweisen haben –, aus außenpolitischen Großmachtbestrebungen und großer Vorsicht vor Teilen der eigenen Bevölkerung. Protest im eigenen Land werde instrumentalisiert oder rigoros unterbunden.
Putin sei kein Ideologe, er handle pragmatisch. Den Krieg in der Ukraine samt Annexion der Krim habe er mal forciert, mal gebremst, je nachdem, wie die EU und insbesondere Deutschland reagierten. In Deutschland war Putin als KGB-Agent bis 1990 stationiert, seither gilt er als germanophil. Seit dem Jahr 2000 hat das System Putin nun Bestand, egal ob er gerade Präsident oder "nur" Ministerpräsident ist (2008 bis 2012). Die Ukraine-Krise sei ihm gelegen gekommen, meint Gloger, um eine russische Ordnung zu etablieren, die der Dominanz des Westens eine eigene Dominanz entgegensetze. Und doch zeige sich auch, dass Putins Russland genau dort an seine Grenzen stoße – politisch und ökonomisch.
Gloger findet in "Putins Welt" die richtige Balance zwischen Beschreibung und Analyse. Der Verlag hat das Werk mit einer Chronologie, einem A bis Z der wichtigsten Begriffe und einem gut sortierten Anmerkungsapparat versehen. Ein kenntnisreiches und gut zu lesendes Buch.
Katja Gloger: Putins Welt. Das neue Russland, die Ukraine und der Westen. Berlin Verlag, Berlin 2015. 352 Seiten, 18 Euro.