Amnesty Journal Demokratische Republik Kongo 09. Dezember 2015

"Gerechtigkeit ist möglich"

Textfeld "Straflosigkeit beenden"

»Das Kongo Tribunal« ist das jüngste Theaterprojekt des Schweizer Regisseurs und Autors Milo Rau. Es kam in diesem Sommer im Osten der Demokratischen Republik Kongo und in Berlin auf die Bühne. Ein Gespräch mit Milo Rau über Theaterästhetik und Wirtschaftskriminalität.

Sie bezeichnen sich als Künstler, Philosoph und Kriegsreporter, Sie machen Theater, drehen Filme, schreiben Bücher. Was treibt Sie an? Ich denke, es ist ganz klassisch das Wissenwollen. Beim »Kongo Tribunal« etwa: Was passiert im Ostkongo? Warum ­starben dort in den vergangenen 20 Jahren sechs Millionen Menschen? Was sind die Gründe dafür? Und dann kommt ­natürlich so eine Art Abenteuerlust dazu – im Fall des »Kongo Tribunal« eigentlich die schiere Unmöglichkeit, in einem Bürgerkriegsgebiet wie dem Ostkongo ein Tribunal mit Richtern aus Den Haag, mit einer Jury aus Regierung und Opposition, ­einen Dreh mit sieben Kameras und 1.000 Statisten auf die ­Beine zu stellen … Was uns gelungen ist! Und schließlich bin ich ja auch noch Künstler, der versucht, gute Filme, gute Stücke und gute Bücher zu machen.

Warum die Demokratische Republik Kongo? Zentralafrika ist ein Gebiet, mit dem ich mich seit Längerem befasse, das begann mit »Hate Radio« über den Genozid in Ruanda. Der Krieg im Ostkongo ist ein Folgekonflikt dieses Genozids, das war also sozusagen ein logisches Anschlussprojekt.

Inwieweit haben Sie sich bei Ihrem »Kongo Tribunal« an ­Bertrand Russels berühmtem Vietnam-Tribunal orientiert, das sich mit US-amerikanischen Kriegsverbrechen im Vietnamkrieg beschäftigte? »Das Kongo Tribunal« steht in direkter Tradition des Vietnam-Tribunals, was seine beabsichtigte politische Wirksamkeit angeht, aber auch sein ganz bewusster Verzicht auf institutionelle Verankerung. Sartre, damals ein Mitstreiter Russels, schrieb über das Vietnam-Tribunal: »Seine absolute Macht­losigkeit begründet seine Universalität.« Das gilt auch für unser »Kongo Tribunal«. Darüber hinaus ist die Mischung aus internationalem und nationalem Recht typisch für das Tribunal, die Form des Volksgerichts mit Jury und Publikum. Anders als Sartre haben wir das Tribunal allerdings zunächst auch vor Ort abgehalten – das scheint mir das große Versäumnis des Vietnam-Tribunals und auch der folgenden Russell-Tribunale zu sein.

Wie verstehen Sie Ihre Rolle in diesem Tribunal: Sind Sie Staatsanwalt, Zeuge oder Richter? Ich verstehe mich als Moderator, der die Zeugen zusammenbringt und – gemeinsam mit den beteiligten Richtern und Anwälten – die Gerichtsordnung ausarbeitet. Zudem bin ich Regisseur, der einen Film über diesen Konflikt dreht, und in dieser Hinsicht bin ich natürlich, im übertragenen Sinn, auch Zeuge. Richter oder Staatsanwalt bin ich, über meine persönliche Meinung hinaus, keinesfalls. Eher, wie alle westlichen Zuschauer, Mit-Angeklagter.

Auf der Bühne im Ostkongo und in Berlin standen Akteure aus dem realen, politischen Leben: Anwälte, Verfassungsrichter, Zeugen, Lokalpolitiker, Polizisten. Beeinflusst die Auswahl der Beteiligten bereits den möglichen Ausgang eines fiktiven Prozesses? Im Gegensatz zu vielen anderen dokumentarisch arbeitenden Regisseuren ist in meiner Ästhetik ja normalerweise die ­Arbeit mit Schauspielern zentral. Eine Ausnahme bilden meine drei Prozessprojekte: »Die Zürcher Prozesse«, »Die Moskauer Prozesse« und nun »Das Kongo Tribunal«. Was diese Projekte angeht, suche ich natürlich bewusst »gute Darsteller«: also Anwälte oder Zeugen, die ihre Sicht der Dinge gut und überzeugend darstellen können und die durch ihre »Performance« auch Einfluss auf die Jury nehmen können. Und natürlich ist ein Prozess oder Tribunal schon per se dramatisch – vielleicht sogar die ursprünglichste Theaterform überhaupt: Zwei Ideen, zwei Sichtweisen einer Sache treten gegeneinander an – einer wird gewinnen. Was mich aber eigentlich interessiert, ist nicht der Urteilsspruch, sondern das, was während und in der Verhandlung passiert, der Prozess als solcher.

Ursprünglich sollten UNO-Vertreter die Sicherheit des Tribunals im Kongo garantieren – wie erklären Sie sich den Rück­zieher der UNO? Das war eine gewaltige Enttäuschung für uns. Wir hatten ­gemeinsam ein recht ausgefeiltes Zeugenschutzprogramm entwickelt. Ein paar Tage vor dem Tribunal im Ostkongo entschied die New Yorker Zentrale dann aber, sich aus dem Projekt zurückzuziehen, wohl aus politischen Gründen, sicher auch aus Angst vor schlechter Presse. Übrigens sehr zur Verzweiflung ihrer lokalen Mitarbeiter. Wir haben das dann im Alleingang durchgezogen, zwei unserer Anwälte hatten bereits Prozesse zu Massen- und Kriegsverbrechen betreut.

In Berlin schien das Publikum fast die wichtigste Rolle zu ­spielen – unmerklich wurde es hineingezogen in eine große Anklage gegen die westliche Konsumgesellschaft. Wie waren die Reaktionen darauf? Die Reaktionen in den Medien waren sehr unterschiedlich – das ging vom Vorwurf des Größenwahns bis zu einer Art überbordender Dankbarkeit, einer Begeisterung, dass das endlich mal gemacht wird. Denn das Fehlen einer Gerichtsbarkeit für die internationale Wirtschaftskriminalität ist wohl der Skandal unseres globalisierten Zeitalters. Was das Publikum angeht: Es war verrückt, wie diese Menschen den insgesamt 30-stündigen, oft sehr trockenen und detaillierten Verhandlungen gefolgt sind. Ein Tribunal scheint eine große Sogkraft zu haben …

Wie unterschieden sich die beiden Tribunale im Ostkongo und in Berlin in ihrer Eigendynamik und Außenwirkung? Das waren zwei völlig unterschiedliche Erfahrungen. Die »Bukavu Hearings« im Ostkongo waren antagonistische Verhöre, in denen Regierungs- und Militärvertreter mit Zeugen von Massakern oder Wirtschaftsverbrechen konfrontiert wurden. Extrem heiße Verhandlungen waren das, mitten im Bürgerkriegsgebiet, und parallel dazu wurden die Lokalwahlen vorbereitet. Verglichen damit war der Berliner Teil eine eher analytische Veranstaltung: Es ging um Hintergründe, um Zusammenhänge, um eine Reflexion der Ergebnisse aus dem Kongo. Aber das eine war so nötig wie das andere: ohne Berlin kein Bukavu und umgekehrt.

Was erhoffen Sie sich von Projekten wie dem »Kongo Tribunal«? Ich denke tatsächlich, dass ein Projekt wie »Das Kongo Tribunal« eine symbolische Handlung darstellt, eine Art Handlungsanweisung. Wir haben vor Ort Richter, eine gemischte Jury, Zeugen und Experten bestimmt, jahrelang recherchiert, die Rechtslage sondiert und am Ende ein sechstägiges Tribunal vor Ort in Anwesenheit der Beklagten organisiert, die auch alle gehört wurden. Die Botschaft ist: So müsste es aussehen, Gerechtigkeit ist möglich, auch mitten im Bürgerkrieg! Dieses Modell der »chambres mixtes«, also einer gemischt national-internationalen Gerichtsform, soll nun im gesamten Kongo weitergeführt werden. »Das Kongo Tribunal« war nur das Vorbild.

Fragen: Cordelia Dvorák

Der Schweizer Regisseur und Autor (38) Milo Rau befasst sich in seinen Werken intensiv mit Menschenrechtsthemen. Dazu gehören Stücke über die Kunstfreiheit in Russland (»Die Moskauer Prozesse«), die politische Diskriminierung von Ausländern in der Schweiz (»City of Change«), der Untergang des kommunistischen Regimes in Rumänien (»Die letzten Tage der Ceauşescus«), der Genozid in Ex-Jugoslawien (»The Dark Ages«) und der Genozid in Ruanda (»Hate Radio«).

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