Amnesty Journal Mosambik 14. April 2026

Mosambik: „Ich werde meine Arbeit fortsetzen“ – Journalistin nach mutmaßlicher Vergiftung

Auf der Straße vor einem Geschäft: Eine Frau in einem bodenlangen Kleid mit Handtasche holt zum Wurf aus, Männer laufen neben und vor ihr.

Nachdem die Polizei eine Demonstrantin überfahren hatte, kam es zu Ausschreitungen (Maputo, November 2024)

Im Anschluss an eine Reise nach Mosambik erkrankte die Journalistin Selma Inocência plötzlich schwer. Ein Labor in Deutschland fand 23 Giftstoffe in ihrem Körper. Alles deutet auf ein Attentat hin.

Interview: David Fischer

Wann kam Ihnen zum ersten Mal der Verdacht, dass Sie vergiftet worden sein könnten?

Im März 2025 kam ich von einer Reise nach Mosambik zurück nach Hannover, wo ich lebe. Ich habe mich unwohl gefühlt, und nach einiger Zeit verschlechterte sich mein Gesundheitszustand. Ich sagte den Ärzt*innen: "Ich sterbe." Aber sie konnten nichts feststellen. Als Journalistin bin ich auf das Schlimmste vorbereitet. Ich hatte von autoritären Regimen gelesen, die Menschen mit Biowaffen oder schwer nachweisbaren Substanzen vergiften. Schließlich suchte ich einen Spezialisten auf, der eine toxikologische Untersuchung durchführen konnte. Die Ergebnisse wiesen 23 Substanzen auf, darunter Uran, Quecksilber und Arsen. Solche Stoffe kommen nicht einfach im Wasser, auf dem Feld oder in der Luft vor, der Körper nimmt sie nicht versehentlich auf. Ich war mir sicher, dass meine Vermutungen zutrafen.

Sie haben viele Jahre als investigative Journalistin in Mosambik gearbeitet. Zu welchem Thema haben sie zuletzt recherchiert? Womit könnten Sie sich zur Zielscheibe gemacht haben?

Meine letzte Recherche drehte sich um veruntreute Entschädigungen für mosambikanische Arbeiter*innen in der DDR – die sogenannten Madgermanes. Wir sprechen von mindestens 17.000 ­Personen. Ursprünglich sollten sie nach Deutschland kommen, dort arbeiten, sich fortbilden und dann zurückkehren, um Mosambik aufzubauen. Aber es handelte sich um eine Art Menschenhandel. Nach der Wiedervereinigung gab Deutschland viel Geld an Mosambik. Aber die Arbeiter*innen erhielten nie angemessene Zahlungen. Sie fordern seit 35 Jahren ihre Rechte ein, vor allem bei der Regierung in Mosambik.

In Mosambik herrschte damals wie heute die Partei FRELIMO. Immer wieder wurden Menschen getötet, die der Regierung vorwarfen, sie habe Geld verschwinden lassen.

Im Jahr 2000 wurde der Journalist Carlos Cardoso erschossen, 2001 stieß jemand den Bankier Siba-Siba Macuacua aus dem 14. Stock die Treppe hinunter. In beiden Fällen ging es um politische Eliten und verschwundenes Geld. Jahre später untersuchte der Franzose Gilles Cistac die Beziehungen zwischen der DDR und Mosambik. Er wollte die mosambikanische Regierung verklagen und zwingen, die Arbeiter*innen zu bezahlen. Er wurde 2015 erschossen. Niemand wurde vor Gericht gestellt.

Es ist wichtig, die Rechtsstaatlichkeit in Mosambik zu stärken. Wir müssen sicherstellen, dass der Staat und seine Institutionen stärker sind als private und politische Interessen.

Eine Frau aus Mosambik, die Haare hinter dem Kopf zusammen gebunden, geschminkt, Arme vor dem Körper verschränkt, Rollkragenpullover, in einem Büro.

Die Journalistin Selma Inocência

Denken Sie, dass die Verantwortlichen für Ihre Vergiftung zur Rechenschaft gezogen werden?

Ich bin in Deutschland zur Polizei gegangen. Ich glaube nicht, dass es in Mosambik eine unabhängige Untersuchung geben wird. Aber wenn jemand vergiftet wird, müssen Polizei und Staatsanwaltschaft ermitteln. Das kann dauern, aber solche Fälle verjähren nicht.

Wollen Sie nach Mosambik zurückkehren und weiter als Journalistin ­arbeiten?

Ich bin Journalistin und werde meine ­Arbeit fortsetzen. Mosambik ist mein ­Heimatland, ich habe kein anderes. Aber ich fühle mich dort nicht sicher, wenn so etwas zugelassen wird, ohne dass die Verantwortlichen zur Rechenschaft gezogen werden. Wenn ich etwas Falsches getan habe, akzeptiere ich, vor Gericht gestellt und inhaftiert zu werden. Aber ich werde nicht akzeptieren, wegen meiner Berichterstattung zu sterben. Ich möchte frei sein. Es ist wichtig, die Rechtsstaatlichkeit in Mosambik zu stärken. Wir müssen sicherstellen, dass der Staat und seine Institutionen stärker sind als private und politische Interessen. 

HINTERGRUND

Mosambik erlebt Monate der Repression und Gewalt

von Franziska Chyle und Immanuel Kleinschmidt

Am 2. März 2025 reiste Selma Inocência aus Deutschland nach Mosambik, um in der Hauptstadt Maputo eine Schulung für angehende Journalist*innen zu leiten. ­Zurück in Deutschland merkte die Journalistin, dass etwas nicht stimmte – sie litt unter starker Übelkeit und Schmerzen. Eine toxikologische Untersuchung ergab eine hohe Konzentration giftiger Schwermetalle in ihrem Blut, was auf eine Vergiftung schließen ließ. Möglicherweise war sie der Regierung Mosambiks wegen ihrer Berichterstattung über verschwundene Entschädigungszahlungen ein Dorn im Auge (siehe gegenüberliegende Seite).

Auch ihre Berichte über die Proteste nach den Präsidentschafts- und Parlamentswahlen im Oktober 2024 hatten viel Aufmerksamkeit erregt.

Die Wahlen waren von Unregelmäßigkeiten überschattet. Bereits im Vorfeld waren Mitglieder und Unterstützer*innen der Opposition Repression und Gewalt ausgesetzt. Neben der physischen Gewalt übten die Behörden auch im digitalen Raum Druck aus. So wurden von Ende Oktober bis Mitte November 2024 Internetzugänge und Online-Netzwerke gezielt blockiert. 

Die einst sozialistische Regierungspartei FRELIMO, die bereits seit Jahrzehnten an der Macht ist und vermehrt autoritär regiert, erklärte ihren Sieg noch bevor die Wahl offiziell abgeschlossen war. Es kam zu Protesten, die das Ergebnis infrage stellten, die Repression vor der Wahl kri­tisierten und auf soziale und politische Missstände wie Korruption aufmerksam machten. Bei der Niederschlagung der Proteste wurden innerhalb weniger Monate mehr als 380 Menschen getötet und mehr als 3.500 verletzt, mindestens 4.000 Menschen kamen in Haft.

Noch im Oktober 2024 wurden der Rechtsanwalt Elvino Dias und der Oppositionskandidat Paulo Guambe ermordet. Beide unterstützten einen unabhängigen Kandidaten und wollten das Wahlergebnis juristisch anfechten. Im Januar 2025 fiel der Journalist Arlindo Chissale dem Verschwindenlassen zum Opfer. Zeug*innen berichteten, dass mutmaßliche Sicherheitskräfte Chissale misshandelten und mitnahmen. Sein Aufenthaltsort ist bis heute ungeklärt. Im März 2025 wurden die Aktivisten Daniel Guambe und Rafito Sitoe erschossen, im April erlitt der Künstler Joel Amaral, einer der bekanntesten Unterstützer der Opposition, lebensgefährliche Verletzungen. Staatliche Übergriffe, Einschüchterung und Zensur werden gezielt eingesetzt, um Kritik zu unterdrücken und die politische Macht zu sichern. 

Selma Inocência ist inzwischen außer Lebensgefahr, wird aber noch jahrelang medizinische Behandlung benötigen. Ihr Heimatland kann sie nicht mehr ­besuchen.

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