Amnesty Journal Ukraine 10. April 2026

Christina Daletska: Mezzosopranistin sammelt Spenden für Ukraine

Eine Frau hat eine beschriebene ukrainische Flagge umgeworfen und steht auf der Straße vor einem Sandsteingebäude, das in Teilen von einem Gerüst verdeckt ist.

Christina Daletska zeigt Flagge für die Ukraine – auch auf der Bühne.

Christina Daletska gibt Konzerte und sammelt anschließend Spenden für humanitäre Hilfe in der Ukraine. Porträt einer ungewöhnlichen Sängerin.

Von Tigran Petrosyan

Ihr Auftritt auf der Bühne ist von kühler, konzentrierter Präsenz. Sie hält den Oberkörper aufrecht und den Kopf erhoben, ihr langes Haar fällt auf ihren Rücken hinab. Selbst beim Schlussapplaus des Publikums zeigt Christina Daletska keinerlei Anzeichen von Erleichterung oder Freude. Dafür hat die ukrainische Sängerin ihre Gründe: Sie stellt bei diesem Konzert in Berlin ein Werk für Mezzosopran und Orchester vor, das von ihrer Heimat handelt: "Göttin der Geschichte" von Sergej Newski richtet sich gegen den russischen Krieg in der Ukraine.

Auf der Bühne mit Haltung: "Göttin der Geschichte"

Der russische Exilkomponist schrieb das Stück eigens für Daletska. Es basiert auf dem Gedicht "Der Asow-Feldzug" des litauischen Dichters Tomas Venclova, der darin die Belagerung der ukrainischen Hafenstadt Mariupol im Frühjahr 2022 ins Gedächtnis ruft. Daletska meistert die ungewöhnliche Rolle mit Bravour. Die Mezzosopranistin singt und rezitiert, manche Passagen ähneln einem Gebet, in anderen stößt sie einen Wutschrei oder eine Warnung aus. Das Ende wirkt wie die Ruhe nach einem Sturm.

Doch Christina Daletska will nicht nur auf der Bühne stehen. "Mir ist das zu wenig – angesichts der Menschen, die nach russischen Drohnenangriffen mit halben Körpern in ukrainischen Krankenhäusern liegen." Die Solistin hat eine klare Haltung, die von Mitgefühl und Engagement geprägt ist. Nach ihren Konzerten hält sie üblicherweise eine Ansprache und sammelt Spenden für humanitäre Hilfe in der Ukraine. Doch im Berliner Konzerthaus erlaubt man ihr keine Rede. Daletska verliert deshalb keine Minute und eilt direkt nach dem Schlussapplaus im Konzertkleid zum Ausgang, wo eine Spendenbox steht. Im eisigen Schneewind steht sie dort draußen, eine große ukrainische Fahne über den Schultern. Tränen laufen ihr über die Wangen. Das Publikum, das zum Ausgang drängt, muss an ihr vorbei. Geldscheine werden in die Box gesteckt. "Sie haben schön gesungen", sagt jemand und umarmt sie als Dankeschön für ihr Engagement. "Waren Sie nicht gerade noch auf der Bühne?", fragen einige verwirrt. Doch die meisten gehen einfach davon.

Von Lwiw nach Europa: Der Weg zur Mezzosopranistin

"Die Menschen in der Ukraine leben ohne Strom, Heizung und Wasser – unter dem täglichen Heulen der Sirenen", erklärt Daletska später. Sie verwendet die Spenden unter anderem für Stromgeneratoren, die sie in die Ukraine liefert. "Ich setze auch mein eigenes Gehalt ein und befinde mich dadurch inzwischen in einer schwierigen finanziellen Situation", sagt sie. "Die Spenden reichen längst nicht mehr aus – sie werden immer geringer, während der Bedarf stetig wächst."

Das gilt auch für ihre Heimatstadt Lwiw. Dort ist Christina Daletska 1984 geboren und aufgewachsen. Schon als Kind bekam sie eine Geige. Ihre Mutter, eine Violinsolistin, brachte ihrer Tochter die ersten Noten bei. Bereits als Schülerin gab Christina Daletska Violinkonzerte in verschiedenen europäischen Städten. Mit 18 ging sie in die Schweiz, um Geige zu studieren, wechselte nach zwei Semestern jedoch zum Gesang. Heute ist sie eine gefeierte Mezzosopranistin, die an renommierten Opernhäusern auftritt – von Wien über Hamburg bis Paris. Ihr Repertoire umfasst viele Genres und Werke aus unterschiedlichen Epochen. 

Beethovens Mitgefühl und Schillers "Ode an die Freude"

In den vergangenen Jahren – und vor allem seit dem Krieg in der Ukraine – haben sich Daletskas musikalische Schwerpunkte allerdings verlagert: "Bei allem Respekt vor Mozart und den klassischen Komponisten: Eine Musik, die schön ist, aber keinen Bezug zur heutigen Zeit hat, ist mir auf die Dauer zu wenig", sagt sie. So steht etwa Mozarts "Zauberflöte" nicht mehr auf ihrer Liste, weil sie der Sexismus darin stört. Die Rolle der Leonore in Beethovens "Fidelio" würde Daletska ­hingegen gern übernehmen, denn diese Oper thematisiert den Kampf um Gerechtigkeit und Freiheit. "Vor 200 Jahren war das Verständnis von Menschenrechten ein anderes. Entscheidend ist jedoch Menschlichkeit. Dafür braucht es nicht tonnenweise Texte oder endlose Debatten. Vielmehr geht es darum, dem gesunden Verstand und dem menschlichen Mitgefühl zu folgen. Genau das machte Beethoven." Auch Friedrich Schillers "Ode an die Freude" in Beethovens 9. ­Sinfonie liebt Daletska, die offizielle Botschafterin von Amnesty International Schweiz ist. 

"Ich würde mich freuen, wenn die Kunst stärker auf gesellschaftliche Veränderungen reagieren würde. Kunst und Kultur können und sollen mit Menschenrechten verbunden werden – nicht mit parteipolitischer Agenda, sondern mit der Würde und den Rechten der Menschen", sagt sie. Sergej Newskis "Göttin der Geschichte" ist so ein Werk, nicht nur inhaltlich. Auch die Aufführungen sind ein Statement: Eine ukrainische Künstlerin und ein russischer Künstler arbeiten in einem Anti-Kriegs-Projekt zusammen. Seit dem Angriff auf die Ukraine sind Begegnungen zwischen ukrainischen und russischen Kulturschaffenden seltener geworden.  

"Ich beurteile Menschen nicht nach ihrem Pass"

Daletska hat ein klares Prinzip: "Ich beurteile Menschen nicht nach ihrem Pass, sondern nach ihren Taten." Wenn russische Kulturschaffende sich klar und öffentlich gegen den Kreml und den russischen Angriffskrieg positionieren, tritt sie gemeinsam mit ihnen auf – das gilt für Newski auf der Konzertbühne oder für den russischen Schriftsteller Michail Schischkin bei Podiumsdiskussionen.

Über ihre Kunst möchte Daletska nicht allzu viel sprechen. Ihre einzige ­Sorge sind die Ukrainer*innen, die unter dem Krieg leiden. Das Leben der Sängerin spielt sich zwischen Bühnen und Lagerhallen ab: In Karlsruhe holt sie Krankenhausbetten ab, in Straßburg fährt sie zur Konzertprobe. Dazwischen ein Stopp in Zürich, wo Freund*innen und Aktivist*innen einen Berg aus Schlafsäcken, Schokolade, Zelten und Gaskochern zusammengestellt haben. "Der Krieg ist ein guter Lehrer", sagt sie, "er brachte mir ein ganz anderes Mitgefühl, Verständnis für Menschen und einen neuen Überblick in logistischen Dingen bei."

Schon wieder klingelt ihr Handy. In Luzern warten Bettdecken und warme Textilien. Also fährt sie weiter und lädt die Spenden ins nächste Auto, das in die Ukraine fährt. "Ich bin zwar müde, aber auch glücklich und dankbar, was ich mithilfe der Spenden für Ukrainer*innen tun kann", sagt die Sängerin. "Ich werde nicht aufgeben, solange ich mich noch bewegen kann." 

Tigran Petrosyan ist freier Journalist. Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung von Amnesty International wieder.

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