Berlinale: Amnesty zeichnet Film über trans Leben aus
Was soll aus mir werden, was wird mit mir? Zukunftsfragen dieser Art lassen trans Jugendliche oft verzweifeln.
© Berlinale
Der bewegende Dokumentarfilm "What Will I Become?" gewinnt den Filmpreis von Amnesty International bei den Berliner Filmfestspielen.
Von Jürgen Kiontke
Lexie Bean und Logan Rozos waren mitten im Prozess ihres Coming-outs als trans Personen, als sie vom Schicksal Blake Brockingtons und Kyler Prescotts erfuhren. Diese beiden gingen während ihres Coming-outs noch zur Schule und standen unter so großem Druck ihrer Umgebung, dass sie sich umbrachten. Ihre Fälle erlangten in den USA mediale Aufmerksamkeit, zumal Prescott angab, während eines Krankenhausaufenthalts misshandelt worden zu sein.
Auch Bean und Rozos kannten diesen Druck, auch sie hatten Suizidversuche hinter sich. Aber ihnen kam zugute, dass sie bereits eine Karriere als Künstler*innen begonnen hatten und die Möglichkeit sahen, ihre Erfahrungen zu verarbeiten. Sie beschlossen, einen Film über das Schicksal von Brockington und Prescott zu drehen und dies mit ihren eigenen Lebensgeschichten zu verbinden.
"What Will I Become?" ist nicht weniger als ein Kunstprojekt: Denn während es von Brockington viele Filmaufnahmen gibt, weil er sein Leben in der Öffentlichkeit lebte, war Prescott eher introvertiert. "Wir wollten auch für ihn einen Raum im Film schaffen", sagt Bean. Dafür verwendete das Regieduo Animationen und Zeichentricksequenzen, die den Film sehr lebendig und kurzweilig machen. Er ist aber nicht nur ein kompositorisches Meisterwerk, sondern auch ein Plädoyer für mehr Menschlichkeit im Umgang miteinander und eine akribische Arbeit gegen das Vergessen der Biografien zweier verzweifelter Menschen.
Hohe Suizidrate unter trans Jugendlichen in den USA
Bei der Berlinale erhielt "What Will I Become?" den mit 5.000 Euro dotierten Amnesty-Filmpreis. "Wir hoffen, dass viele Menschen diesen starken und zugleich berührend-poetischen Film sehen", sagte die Jury, bestehend aus Gizem Emre, Sheri Hagen und Ines Wildhage. Der Kampf um Identität, Selbstbestimmung und Menschenwürde sei ganz persönlich und zugleich universell.
In den USA versucht mehr als jede*r zweite trans Jugendliche, sich das Leben zu nehmen. Bean und Rozos kennen Mobbing und Gewalt aus eigener Erfahrung. Das verleiht der Produktion eine Authentizität, die die Regisseur*innen auch an die eigenen Grenzen brachte. "Es gab Tage, an denen ich überfordert war", sagte Bean im Gespräch mit dem Amnesty Journal. Dann habe Rozos mehr Arbeit übernommen.
"Und immer wenn Logan schwierige Phasen hatte, habe ich eingegriffen." Die gemeinsame Arbeit sei eine Möglichkeit, aus "dieser einsamen Wolfsmännlichkeit auszubrechen". Bean und Rozos hoffen, dass ihr Film bald auch in deutschen Kinos laufen wird.
Lobende Erwähnung
Die Amnesty-Jury vergab außerdem eine lobende Erwähnung an "Roya" von Mahnaz Mohammadi. Im Zentrum dieses Spielfilms steht eine inhaftierte iranische Lehrerin, die öffentlich ein erzwungenes Geständnis ablegen soll, sich aber von Willkür und Folter nicht brechen lassen will.
Jürgen Kiontke ist freier Autor, Journalist und Filmkritiker. Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung von Amnesty International wieder.
"What Will I Become?" US 2026. Regie: Lexie Bean/Logan Rozos.
WEITERE FILMTIPPS
von Jürgen Kiontke
"Jesus ist ein super Revolutionär. Er kämpft auf unserer Seite. Die neue Gesellschaft wird gerecht sein." Der belgische Priester Roger Ponseele wähnt sich während seiner aktiven Zeit in El Salvador in einem Krieg der Eliten gegen die Landbevölkerung. Während die Kirchenmänner andernorts ihren Schäfchen raten, die Füße still zu halten, stellt er fest, dass die Revolutionär*innen Südamerikas mit dem Maschinengewehr in der Hand beteten. Und das, obwohl Ponseele Martin Luther King und Mahatma Gandhi als seine Vorbilder nennt.
Die Revolutionen in Lateinamerika in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts waren zwar vom Marxismus inspiriert, nicht selten waren ihre Akteur*innen aber gläubige Christ*innen. Ihr Glaube lieferte ihnen nicht zuletzt Gründe für politische und militärische Kämpfe: Gott war auch für die armen Menschen in El Salvador, Mexiko, Nicaragua oder Brasilien da. Es konnte nicht in Gottes Sinne sein, dass die Besitzer riesiger Haciendas die lokale Bevölkerung unter schlimmsten Bedingungen für sich schuften ließen. Wie Leonardo Boff oder Ernesto Cardenal zählte auch Roger Ponseele zu den Anhängern der Befreiungstheologie. Deren Vertreter legten sich ebenso mit der Kirche an wie mit Regierungen, die folterten und mordeten. Viele von ihnen wurden selbst eingesperrt und misshandelt.
Mit seiner Dokumentation "The Gospel of Revolution" hat Regisseur François-Xavier Drouet den revolutionären Bewegungen Lateinamerikas ein mitreißendes und klug konstruiertes filmisches Denkmal gesetzt. Keine Minute zu viel und keine zu wenig stellt er die Befreiungstheologie in ihrer theoretischen wie praktischen Konsequenz dar. Neben vielen Archivaufnahmen zeichnen Zeitzeug*innen die Ereignisse nach. Sie blicken durchaus selbstkritisch auf die Folgen ihres Wirkens. So sind etwa in Nicaragua aus prominenten Revolutionär*innen von damals die Unterdrücker*innen von heute geworden.
"The Gospel of Revolution". Regie: François-Xavier Drouet. Kinostart: 2. April 2026.