Amnesty Journal Guatemala 29. September 2015

"Die Wahrheit lassen wir uns nicht nehmen"

Zeugin des Genozids: Cecilia Vacana Galego sagte im Prozess gegen Ríos Mont aus.

Zeugin des Genozids: Cecilia Vacana Galego sagte im Prozess gegen Ríos Mont aus.

Der Völkermordprozess gegen Guatemalas Ex-Diktator Efraín Ríos Montt soll im Januar 2016 wiederholt werden. Die Opfer kämpfen für die historische Wahrheit: Die guatemaltekische Gesellschaft soll erfahren, wie die Armee versuchte, das Volk der Ixil-Maya auszulöschen.

Von Knut Henkel

Machete, Zange und einen Hammer hält Teburcio Utuy in der Hand, als unser Kleinbus aus Nebaj an ihm vorbeifährt und ein paar Meter weiter zum Stehen kommt. Soeben hat der 73-jährige den Zaun repariert, der die Straße von der Weide trennt, auf der seine Familie ein paar Ziegen und Schafe hält.

Es ist früh am Morgen. Der Nebel hat sich noch nicht ganz aus den Tälern rund um Nebaj verzogen. Die kleine quirlige Provinzstadt ist das Tor zum Ixil-Dreieck im Norden Guatemalas. Sechs Stunden Busfahrt sind es von Guatemala-Stadt bis in die bergige Region, wo das Volk der Ixil-Maya in rund zwei Dutzend Dörfern lebt.

Xix ist eines davon und Teburcio Utuy ist hier aufgewachsen. Er gehört zu den Alten des Dorfs und ist überaus beliebt. Nicht nur, weil der kräftige Mann von etwas über 1,60 Meter stets gut gelaunt und hilfsbereit ist, sondern auch weil er sich für die Zukunft seines Dorfes engagiert.

Beim Bau der Straße und der Schule hat er mit angepackt, später dafür gesorgt, dass das Dorf wieder an die Trinkwasserversorgung angeschlossen wurde. »Das war 1999. Drei Jahre waren wir da schon wieder hier und hatten einen Teil des Dorfes wiederaufgebaut. Nun brauchten wir den Wasseranschluss, denn den alten hatte die Armee zerstört«, erklärt er, stellt das Werkzeug in eine Ecke der Terrasse und verschwindet in dem mintgrün gestrichenen Haus.

Das liegt auf einem Hügel und von dort hat man einen prächtigen Blick über das grüne zerklüftete Tal. Wenig später tritt Teburcio Utuy wieder aus der Tür, er hat die Gummistiefel gegen Straßenschuhe getauscht und reicht ein paar Stühle heraus, um sich mit den Gästen auf der Terrasse in die Morgensonne zu setzen. Teburcio kann sich noch exakt erinnern, wie die Soldaten zum ers­ten Mal ins Dorf kamen und nach den Guerilleros fragten. »Im Sommer 1980 war das, und wir wussten nicht einmal, was das Wort bedeutet. Wir haben gefragt, ob es sich um Tiere oder Menschen handelt?«, sagt er und lächelt.

Als Händler war er damals in der Region unterwegs, lieferte Salz und Zucker in die abgelegenen Ecken des Ixil-Dreiecks, wo die rund 20.000 Angehörigen der Maya-Ethnie unter einfachsten Bedingungen lebten. Viele der Dörfer sind in etwa so groß wie Xix, wo heute rund 250 Ixil wohnen. An den Lebensverhältnissen hat sich in den vergangenen dreißig Jahren kaum etwas geändert, erklärt er mit einem bitteren Lächeln. »Aber nichts ist mehr wie vor dem Februar 1982.«

Auftakt für die Massaker

Damals kamen die Soldaten dreimal hintereinander in das Dorf, dessen Häuser verstreut entlang der Straße nach Nebaj liegen. Teburcio Utuy hatte an diesem Tag Wache. »Wir trauten den Soldaten nicht mehr über den Weg, nachdem sie Padre José María Gran Cirera erschossen und in Chajul und Cocop Dutzende von Ixil massakriert hatten.« In Chajul hatte im August 1980 das ers­te Massaker der Armee an der indigenen Ethnie stattgefunden – nur weil die Ixil im Verdacht standen, die in der Region aktive Guerilla zu unterstützen. Beweise dafür gab es nicht. Es reichte, dass ­bekannt war, dass sich in den Reihen der Guerilla viele ­indigene Kämpfer fanden. Die hatten die Nase voll vom Rassismus der ­Eliten, der latenten Diskriminierung und der Ausbeutung.

Das Gros der Überlebenden der Massaker aus Chajul und ­Cocop suchte damals Zuflucht in Xix. Juan Velasco war einer von ihnen. Heute ist der 51-Jährige Koordinator der AJR (»Asociación para la Justicia y Reconciliación«), der »Vereinigung für Gerechtigkeit und Versöhnung«, und regelmäßig in der Region unterwegs, um mit Opfern und Zeitzeugen zu sprechen.

»Die Gerichte haben Ende August entschieden, dass am 11. Januar 2016 der zweite Prozess gegen den ehemaligen Diktator Efraín Ríos Montt kommen soll. Dann müssen die Zeugen bereit sein«, ­erklärt Velasco und fährt sich nachdenklich über den dünnen Schnurrbart. Teburcio Utuy gehörte zu den 98 Zeugen, die im ­ersten Prozess gegen Ríos Montt aussagten.

Das Gerichtsverfahren endete Anfang Mai 2013 mit einem historischen Urteil: Der Ex-Diktator wurde zu achtzig Jahren Haft wegen Völkermord an den Ixil-Maya und wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit verurteilt. »Dieses Urteil ist für uns Ixil wie eine Bibel. Endlich, nach dreißig Jahren, hat man uns zugehört, uns geglaubt. Das ist in Guatemala etwas vollkommen Neues«, sagt Teburcio Utuy. Doch zehn Tage nach der Urteilsverkündung annullierte das Verfassungsgericht das Urteil wegen vermeintlicher Formfehler. Deshalb soll es im kommenden Januar eine Neuauflage des Jahrhundertprozesses geben.

Viele Menschen im Ixil-Dreieck wollen das erste Urteil schlicht bestätigt sehen. Längst nicht alle hatten den Mut, für Gerechtigkeit und Versöhnung einzutreten, wie es Don Teburcio, wie er respektvoll genannt wird, immer wieder gemacht hat. Auch er hatte Angst vor Vergeltung, doch gehörte er im Jahr 2000 zu den Gründern der AJR und fährt immer noch regelmäßig nach Nebaj, um sich politisch zu engagieren. »Wir müssen der jungen Generation erzählen, was vor 33 Jahren in Xix und den anderen Dörfern passiert ist«, sagt er.

Der Mord an dem spanischen Pfarrer José María Gran Cirera, einem Befreiungstheologen, war rückblickend der Auftakt für den Völkermord an den Ixil. Der Genozid fand vor allem unter der Regie des von März 1982 bis August 1983 regierenden Putsch-Generals Efraín Ríos Montt statt. In Xix hatte die Dorfgemeinschaft entschieden, Wachen aufzustellen, um nicht von der Armee überrascht zu werden.

Geholfen hat es nicht. »Ich schob Anfang Februar 1982 Wache«, erinnert sich Teburcio Utuy. »Als ich die Soldaten kommen sah, lief ich ins Dorf, schrie und blies auf meiner Tröte, um die Leute zu warnen. Doch es war zu spät, die Soldaten hatten die zwei Häuser am Ortseingang schon umstellt«, erzählt er mit belegter Stimme. »Der ersten Frau spalteten sie den Kopf mit einer Machete, die schwangere Bewohnerin des zweiten Hauses hielten sie fest, schnitten ihr den Bauch auf, warfen ihr ungeborenes Kind auf den Boden und zertrümmerten dessen Kopf. Ich habe alles gesehen, von einem Hügel aus. Was hat ein Ungeborenes mit der Guerilla zu tun?«, fragt der alte Mann.

Eine Antwort darauf hat er nie erhalten – auch nicht vor Gericht, als er seine Aussage machte. Zweimal kamen die Soldaten in den folgenden Tagen des Februars 1982 noch nach Xix – insgesamt 57 Menschen wurden binnen zehn Tagen massakriert, Frauen, Kinder, Alte und Männer. »Es wurde kein Unterschied gemacht und für uns war klar, dass wir nicht bleiben konnten. Sie wollten uns auslöschen«, sagt Teburcio Utuy.

Er war auch bei den Exhumierungen zugegen, die viele Aussagen der Opfer vor Gericht bestätigten. Nach den Massakern flüchteten die Überlebenden, rund 1.000 Menschen, in die unzugänglichen Berge von Santa Clara. Teburcio Utuy führte den Marsch an, dank seiner Handelstätigkeit kannte er sich in der Gegend gut aus.

Die Armee verfolgte sie, warf Brandbomben über den Wäldern nahe Xix ab, wollte die Flüchtenden auslöschen, die sich über einen Fluss vor den Flammen retteten. Mehrere Dörfer passierte der Treck und schwoll an. »Am dritten Tag des Marsches waren es 1.999 Menschen, die sich vor den Soldaten in Sicherheit bringen wollten. Wir hatten Sumalito passiert und Visich erreicht, wo die Berge beginnen.« Über kleine, abgelegene Wege führte der pfiffige Mann, dessen Eltern und fünf Geschwister bei einem der Massaker starben, die Flüchtlinge in die damals noch sichere Berglandschaft um Santa Clara. Da gab es einige wenige Dörfer, wo die Flüchtlinge um Aufnahme baten.

Auf fünf, sechs Dörfer wurde der Zug schließlich verteilt und umgehend wurden »Milpas« angelegt, kleine Parzellen, auf denen Bohnen, Mais und Kartoffeln angebaut wurden. »Der Hunger war neben den Soldaten unser größter Feind«, erinnert sich Juan Velasco, der zu den Flüchtlingen gehörte und in den Bergen um Santa Clara aufwuchs. Mehr als 14 Jahre, vom Februar 1982 bis zum September 1996, lebte er in einem der Ixil-Flüchtlingslager in den Bergen, und manchmal gab es nichts zu essen, außer Früchten aus dem Wald und Wurzeln.

In die Arme der Soldaten

Der Hunger war es auch, der Teburcio Utuy im Herbst 1983 aus den Bergen in eines der Täler trieb, wo er mit zwei mutigen Freunden Zuckerrohr schlagen wollte. Doch er lief einer Armeepatrouille in die Arme und konnte mit seinen Schreien nur noch seine beiden Freunde warnen, die entkommen konnten. Der damals 41-Jährige wurde in ein nahegelegenes Armeecamp geschleppt und als vermeintlicher Guerillero gefoltert. »Sie wollten wissen, wo die Waffenlager und die Camps sind, wo die nächsten Angriffsziele lagen. Doch ich habe immer nur wiederholt, dass wir vor ihnen in Todesangst in die Berge geflüchtet waren. Dann haben sie mich gefoltert.«

Heute trägt er ein künstliches Gebiss, auch die Brandnarben an den Beinen, am Kopf und auf dem Bauch zeugen von der Folter. »Sie haben mich an Armen und Beinen aufgehängt, so dass sich mein Bauch wie ein Fußball hervorwölbte. Dann haben sie mich geschlagen, mit Feuer traktiert. Irgendwann ist mein Bauch aufgeplatzt und die Gedärme hingen heraus«, sagt er mit leiser Stimme und lässt seinen Blick in die Ferne schweifen. Elf Monate war er in den Händen der Armee, die ihn immer wieder aufgepäppelt, immer wieder gefoltert hat.

Der sympathische Mann, der so hartnäckig für die historische Wahrheit eintritt, gehörte beim Prozess gegen Efraín Ríos Montt zu den wichtigsten Zeugen, so Edgar Pérez, Anwalt der Ixil in dem in Guatemala als Jahrhundertprozess bezeichneten Verfahren. »Für Schlagzeilen hat auch gesorgt, dass die Opfer im Anschluss an das Urteil keine Entschädigungszahlungen reklamiert haben, sondern wollten, dass ihre Geschichte niedergeschrieben wird und in den Schulbüchern Erwähnung findet«, so der 46-jährige Jurist.

Nach drei Jahrzehnten, in denen der Völkermord an den Ixil systematisch geleugnet wurde, ist es den Opfern viel wichtiger, dass ihnen geglaubt wird. Das hat der Prozess, der im April und Mai 2013 in Guatemala die Schlagzeilen beherrschte, zweifellos erreicht.

Das ist auch bei den jüngsten Protesten gegen die Korruption und gegen den mittlerweile verhafteten Ex-Präsidenten Otto Pérez Molina kaum zu übersehen. Transparente, die den Ex-General Pérez Molina für die Massaker an den Ixil mitverantwortlich machen, zeugen davon. Doch Juan Velasco und Teburcio Utuy ist das nicht genug. »Wir wollen, dass das illegal annullierte Urteil wieder in Kraft gesetzt wird, wir wollen, dass die historische Wahrheit nicht mehr angezweifelt werden kann«, sagen sie unisono.

Ob der zweite Prozess tatsächlich stattfinden wird, daran zweifeln viele Experten aufgrund der Verschleppungsstrategie der Anwälte von Efraín Ríos Montt. Auch Edgar Pérez ist sich nicht sicher. Guatemala befindet sich im Wandel und niemand weiß, in welche Richtung es gehen wird. Doch Edgar Pérez hat schon die Akten anderer indigener Ethnien Guatemalas auf dem Schreibtisch. Die Ixil sind nicht die Einzigen, die in dem 36 Jahre dauernden Bürgerkrieg erbarmungslos verfolgt wurden.

Der Autor berichtet als Journalist regelmäßig aus Lateinamerika.

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