Amnesty Journal Frankreich 24. März 2015

Wir sind Charlie, wir sind Hrant

Eine Kolumne von Von Doğan Akhanlı

Es gibt eine gewisse Ähnlichkeit zwischen den ermordeten Zeichnern und Journalisten von »Charlie Hebdo« und dem ermordeten armenischen Journalisten Hrant Dink. Dink war der Chefredakteur der Armenischen Wochenzeitung »Agos«. Er wurde angeklagt, weil er das Wort »Völkermord« in Zusammenhang mit den Armeniern benutzt hatte. Hrant Dink wurde am 19. Januar 2007 von Ultranationalisten, unter Beteiligung staatlicher Organe, vor dem Gebäude des Zeitungsverlages »Agos« ermordet. Der 17-jährige Täter rief nach der Tat: »Ich habe den Armenier erschossen!«

Die Redaktion von »Charlie Hebdo« hat viel Courage bewiesen, wie wir nun alle erfahren haben. Sie hat trotz massiver Drohungen nicht von ihrer Satire abgelassen. Mit ihrer zugespitzten Art hat sie alle monotheistischen Weltreligionen kritisiert. Sie hat auch Karikaturen des Propheten Mohammed abgedruckt, weshalb sie immer wieder bedroht wurde. Wie bei »Agos« blieb die Redaktion unerschrocken. »Ich ziehe es vor, aufrecht zu sterben als auf Knien zu leben«, hatte »Charlie Hebdo«-Chefredakteur Stéphane Charbonnier in einem Interview mit »Le Monde« 2012 gesagt. »Wir haben Mohammed gerächt!«, hatten die Attentäter nach ihrem Anschlag gerufen.

Nach der Ermordung von Hrant Dink protestierten vor acht Jahren Tausende Menschen bei spontanen Kundgebungen in Istanbul und Ankara. Hunderttausende Menschen, die Plakate mit der Aufschrift »Wir sind alle Hrant. Wir sind alle Armenier!« trugen, begleiteten den acht Kilometer langen Trauerzug.

Seither können der türkische Staat und die Nationalisten die zivilgesellschaftliche Auseinandersetzung mit dem Thema »Genozid an den Armeniern« in der Türkei nicht mehr verhindern. Seither finden in der Türkei an vielen Orten Veranstaltungen statt, die an den Genozid ­erinnern. Die gewaltlosen Massenproteste und die zivilgesellschaftliche Auflehnung haben dazu beitragen, dass die Ziele der Attentäter von Hrant Dink sichtlich keinen Zuspruch in der Gesellschaft fanden.

Genauso geschah es nach den Morden in Paris. Nicht nur in Frankreich, sondern weltweit fand eine gewaltlose Auflehnung statt, an der sich viele Menschen beteiligten, die bis dahin unsichtbar zu sein schienen. Mit dem Satz »Je suis Charlie« verliehen die Menschen ihrer Trauer um die Opfer der Verbrechen Ausdruck. Mit dem Satz »Je suis Charlie« haben sie die Entschiedenheit der Ermordeten, für Meinungs- und Pressefreiheit, für Demokratie sowie für die Werte der Aufklärung einzustehen, anerkannt.

Mit dem Satz »Je suis Charlie« verteidigten sie die Rechte und Werte der freiheitlichen Gesellschaft. Diejenigen, die sich bei ähnlichen Anschlägen und Ereignissen, wie dem Mord an Theo van Gogh und der Fatwa gegen Salman Rushdie, bislang nicht mit den Opfern solidarisierten, haben mit dem Satz »Je suis Charlie« ihr Schweigen gebrochen.

»Wenn ich wüsste, dass jede Zeichnung von mir eine Entführung oder einen Mord verhindert, eine Landmine entfernt, dann würde ich nicht mehr schlafen und nur noch zeichnen.« Das sind Worte des ermordeten Künstlers Bernand Verlhack, die uns Journalisten, Autoren, Menschenrechtlern den Auftrag erteilen, dass wir uns nicht von Gewalt einschüchtern lassen sollen.

Der bescheidene Satz »Je suis Charlie« hat am 11. Januar durch die Massendemons­trationen eine laute, globale Stimme für »Liberté, Égalité, Fraternité« etabliert. Die Attentäter, die sich selbst als Gotteskrieger deklarierten, wollten mit ihrer Vernichtungslust jede weitere Kritik unterbinden. Doch die neue Ausgabe von »Charlie Hebdo« ist eine Woche nach dem Attentat erschienen, in einer Auflage von fünf Millionen Exemplaren. Sie wurde in 16 Sprachen übersetzt und in 25 Ländern vertrieben, darunter auch in Deutschland. Und das ist gut so!

Doğan Akhanlı ist Autor und Mitglied der internationalen Schriftstellervereinigung PEN.

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