Amnesty Journal Indien 31. März 2015

"Die Täter haben keine Angst"

Indische Frauen sind Übergriffen oft schutzlos ausgeliefert, sagt Dr. Ranjana Kumari. Die bekannteste Frauenrechtlerin Indiens leitet in der Hauptstadt Delhi das "Center for Social Research". Die Nichtregierungsorganisation setzt sich für die Rechte von Frauen und Mädchen ein und betreibt die Frauenhäuser des "Center for Crisis ­Intervention".

Sind Vergewaltigungen in Indien ein neues Phänomen?

Nein. Aber nachdem im Dezember 2012 eine junge Frau in Delhi in einem Bus von einer Gruppe Männer vergewaltigt wurde und 13 Tage später an ihren Verletzungen starb, bekommt das Problem in Indien endlich mehr Aufmerksamkeit. Mädchen und Frauen, die Opfer sexueller Gewalt werden, brechen jetzt häufiger ihr Schweigen. Sie sind stärker geworden. Sie berichten ihren Eltern, was passiert ist, und zeigen die Verbrechen bei der Polizei an, auch wenn die Angst, dafür kritisiert, ausgeschlossen oder zurückgewiesen zu werden, nach wie vor besteht. Vor allem in ländlichen Gebieten werden die meisten Vergewaltigungen deshalb immer noch nicht angezeigt.

Ist Vergewaltigung ein typisch indisches Problem?

Nein. Überall auf der Welt werden Frauen vergewaltigt. In patriarchalischen Gesellschaften denken Männer, dass sie aufgrund ihrer Macht über Frauen berechtigt sind, sie zu schlagen, zu vergewaltigen und zu töten. Mit dieser Gewalt wollen Männer Frauen Angst machen und sie so kontrollieren. Das Problem auf Indien zu reduzieren, wäre falsch. Wir müssen weltweit die Beziehung zwischen Männern und Frauen und die gesellschaftliche Stellung der Frau verbessern. Nur so lässt sich die Zahl der Vergewaltigungen reduzieren.

Warum werden Frauen in Indien Opfer sexueller Gewalt?

Weil indische Männer meist die politische und wirtschaftliche Macht haben, denken sie, sie hätten das Recht, Frauen im Bus zu kneifen, zu schubsen, sie wie zufällig zu berühren oder sogar zu vergewaltigen. Die Grundlagen dafür werden in Indien oft schon in der Erziehung in den Familien gelegt: Jungs können sich fast alles erlauben, Mädchen werden ständig kontrolliert. Diese Sozialisation führt dazu, dass Mädchen viele Benachteiligungen akzeptieren, ohne sie zu hinterfragen.

Sind Frauen in Indien also automatisch Opfer?

Tatsächlich sehen indische Männer Frauen oft als Opfer. Aber damit habe ich ein großes Problem. Viele Politiker sagen jetzt: "Wir werden euch beschützen." Aber wir wollen nicht beschützt werden! Wir wollen gleichberechtigt sein, dann können wir uns selbst beschützen. Wir sind keine Opfer! Nicht Angst, sondern Courage sollte unser Handeln bestimmen.

Viele Mädchen nehmen jetzt an Selbstverteidigungskursen teil, um sich gegen Vergewaltiger wehren zu können. Ist das eine gute Idee?

In Indien haben Mädchen seit Generationen eingebläut bekommen: Mach Dich möglichst klein und unsichtbar, verberge deine Reize. Die Mädchen haben so Angst vor ihren eigenen Körpern entwickelt. Das Beste an den Selbstverteidigungskursen ist, dass sie dort ein neues Körper- und Selbstbewusstsein entwickeln. Sie gehen danach aufrecht, werden nicht mehr als Opfer gesehen. Abgesehen davon lernen sie dort vielleicht auch wirklich, sich im Ernstfall zu verteidigen. Deshalb sollten noch mehr Kurse angeboten werden.

In Indien ist es nach wie vor tabuisiert, über Sex zu sprechen …

Ja, viele Politiker wollen sogar Sexualkundeunterricht in Schulen verbieten. Aber dafür gibt es jede Menge Pornographie. Das führt zu sexueller Perversion. Männer sehen im Internet Massenvergewaltigungsszenen und dass Frauen irgendwelche Gegenstände eingeführt werden. Sie denken sich dann, dass dies normal sei und der Frau sogar Spaß mache. Ein wichtiger indischer Politiker besaß sogar die Dreistigkeit, über Vergewaltigungsopfer öffentlich zu sagen: "Erst genießen sie es und dann beschweren sie sich auch noch." Ein anderer sagte über Vergewaltiger: "Jungs sind nun mal so. Warum soll man sie deshalb gleich hart bestrafen?" Andere behaupten, die moderne Kleidung der Frauen sei schuld an Vergewaltigungen.

Wie kann die Stellung der Frau in Indien verbessert werden?

Frauen und Mädchen müssen eine bessere Erziehung erhalten, durch Berufstätigkeit mehr wirtschaftliche Unabhängigkeit von Männern erlangen und eine stärkere Rolle in der Gesetzgebung und Rechtsprechung spielen. Zudem trainieren wir Polizisten, die die Aussagen von vergewaltigten Frauen aufnehmen. In Krankenhäusern sensibilisieren wir Ärzte für die Anzeichen sexueller oder häuslicher Gewalt. Und wir bilden Frauen, die teilweise selbst Opfer sexueller Gewalt geworden sind, aus, um andere Frauen, denen Ähnliches widerfahren ist, beraten zu können.

Müssen die Gesetze verschärft werden?

Wir haben dafür gesorgt, dass Frauenrechte auch auf der politischen Agenda gelandet sind. Im Parlamentswahlkampf 2014 gab es keine einzige Partei, die sich nicht des Themas angenommen hat. Zwar ist die Gesetzgebung nach der brutalen Vergewaltigung im Bus verschärft worden, aber wenn ich mir die Zahl und die Brutalität der Vergewaltigungen anschaue, habe ich nicht den Eindruck, dass die Täter Angst vor Strafverfolgung haben. Kein Wunder! Denn in Indien arbeitet die Justiz sehr langsam. Derzeit gibt es 95.000 anhängige Vergewaltigungsverfahren. Die durchschnittliche Bearbeitungszeit liegt bei sieben bis neun Jahren. Deshalb glauben viele Täter, dass sie davonkommen werden. Oft sterben Opfer oder Zeugen ziehen ihre Aussagen zurück, bevor es zur Verhandlung kommt. Viele Verfahren werden deshalb eingestellt. Und selbst wenn es zu einer Verurteilung kommt, kommen die Täter oft mit zwei, drei Jahren Haft davon. Solange unsere guten Gesetze nicht angewendet werden, bringen sie nicht viel.

Interview: Philipp Hedemann

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