Amnesty Journal Äthiopien 31. März 2015

Das Ende der Zwangsehe

Der Film »Das Mädchen Hirut« erzählt vielschichtig von Gewalterfahrungen junger Frauen in Äthiopien. Amnesty International präsentiert den Film zum Frauentag am 8. März.

Von Jürgen Kiontke

Verloren auf einer weiten Wiese flattern die Seiten eines hingeworfenen Schulbuches im Wind. Es gehört der 14-jährigen Hirut – gerade war sie auf dem Weg nach Hause, als sie von einer Gruppe Männer auf Pferden überfallen und entführt wurde.

Mädchenentführung in afrikanischen Ländern – vor allem seit die terroristische Gruppe Boko Haram in Nigeria im April 2014 200 junge Frauen in ihre Gewalt brachte, ist diese grausame Praxis in die Medien geraten. Auch in Äthiopien kommt dies vor.

Auf dem Land gilt nach wie vor die Tradition der »Telefa«, der Entführung zum Zweck der Eheschließung. »Das Mädchen Hirut« (im Original: Difret) von Regisseur Zeresenay Berhane Mehari spielt dies an einem echten Fall aus dem Jahr 1996 durch.

Hirut will nicht nur Opfer sein, sie leistet Widerstand: Sie erschießt den Entführer und Vergewaltiger mit dessen eigenem Gewehr. Nun droht ihr die Todesstrafe. Meaza Ashenafi (Meron Getnet), eine engagierte Anwältin, die in Äthiopiens Hauptstadt Addis Abeba ein Netzwerk zur Unterstützung mittelloser Frauen gegründet hat, übernimmt Hiruts Verteidigung – und sieht sich bald selbst Angriffen ausgesetzt.

Man kann dem Film allenfalls vorwerfen, gewisse Längen zu haben: Er nimmt sich viel Zeit, ein Bild Äthiopiens an der Grenze zur Moderne zu zeichnen. Und lässt seine Figuren ausgewogen konträre Positionen diskutieren: Hat Hirut einen Mord begangen, wie die Dorfgesellschaft meint? Oder war es Selbstschutz – hat sie nur die ihr zugesicherten Rechte verteidigt?

Es ist auch ein Kampf um Zukunftschancen, um Menschenrechte und Bildung. Was die Traditionalisten in Äthiopien wirklich fürchten: Das Ende der Familiengründung per Zwang, wie sie in den vergangenen Jahrhunderten gängig war. Denn dann findet auf dem Land vielleicht kein junger Mann mehr eine Frau. Der Film gibt einen differenzierten Einblick in eine Gesellschaft im Wandel.

»Das Mädchen Hirut« ist erst der vierte Spielfilm, der je in Äthiopien gedreht wurde. Und er hat sehr prominente Unterstützung gefunden: Die Schauspielerin und Regisseurin Angelina Jolie fungierte als ausführende Produzentin und begleitet nun teilweise die Premieren des Films rund um die Welt.

Es habe sich viel getan in Äthiopien, gerade im Zuge dieses Falles, sagt die reale Anwältin Ashenafi. Die Mädchenentführungen erfolgten zwar weiterhin. Aber sie seien illegal. Und: »Jeder in Äthiopien kennt die Geschichte und zumindest kann eine Frau jetzt zur Polizei gehen, Anklage erheben und ein Gerichtsverfahren anstrengen.« Der mehrfach preisgekrönte Film stoße auf großes Interesse: Er sei ein wunderbares Projekt, Kunst und die Frage der Menschenrechte zusammenzubringen.

Da hat sie recht: Zum Filmstart im Herbst 2014 berichteten äthiopische Medien über mehrere Klagen und Aufführungsverbote – zum einen von der »echten« Hirut, Aberash Bekele, die Einwände dagegen hatte, dass und wie der Film die Ereignisse schildert, wie auch von Mitstreiterinnen Ashenafis, die sich nicht gewürdigt sehen. »Hirut«, so viel ist sicher, bringt in jeder Hinsicht Veränderung nach Äthiopien.

»Das Mädchen Hirut«. ETH 2013. Regie: Zeresenay Berhane ­Mehari. Darstellerinnen: Meron Getnet, Tizita Hagere. Kinostart 12. März 2015

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