Amnesty Journal Kolumbien 22. Januar 2016

Insel der Sicherheit

Kolumbien: Mordwelle im Jahr des Friedens

Kolumbianer feiern in Bogotá den Friedensvertrag zwischen der Regierung und der FARC-Guerilla, September 2016.

In der südkolumbianischen Hafenstadt Buenaventura ­beherrschten Banden und Paramilitärs das alltägliche ­Leben – bis die Anwohner sie vertrieben.

Von Wolf-Dieter Vogel

Angst? Natürlich hatte Orlando Castillo Angst. »Die bewaffneten Männer standen wie eine kleine Armee auf der Straße«, erinnert er sich. Dann zeigt er auf die freie Fläche neben seinem Holzhaus, das wie die meisten Gebäude hier auf Pfählen ins Meer ­gebaut ist. »Da stand das Schlachthaus«, sagt der 36-Jährige. »Hier haben die Killer ihre Opfer gefoltert, bei lebendigem Leib zerstückelt und die Körperteile ins Meer geworfen.« Zwischen Plastikflaschen, Stofffetzen und den Booten der Fischer schwammen die Leichenreste.

Das Schlachthaus kannten alle in Puente Nayero, einem Straßenzug in der südkolumbianischen Hafenstadt Buenaventura. Wer kein Schutzgeld zahlte oder sich den Kriminellen in den Weg stellte, landete dort. Niemand sprach darüber. »Wir haben uns kaum aus dem Haus getraut«, erinnert sich die 37-jährige Merci Caisero. »Man konnte nicht mal ans Meer gehen.« Auf Schritt und Tritt terrorisierten die jungen Bandenmitglieder die Menschen auf der Straße. Auch Kinder und Alte. Wie die meisten hier hat Merci Caisero das Viertel schon mehrmals für längere Zeit verlassen. Das Leben war einfach zu gefährlich geworden.

Heute ist alles anders. Caisero, Mutter zweier Kinder, verkauft vor ihrem Haus wieder Würstchen mit Kartoffeln, die ­Fischer gehen ihrer Arbeit nach und auch der Soziologe Castillo muss nicht mehr fürchten, vor seiner Hütte von Bewaffneten angegriffen zu werden. Denn im April vergangenen Jahres vertrieben die Anwohner die »Bacrims«, wie viele die Verbrecherbanden nennen.

Sie zerstörten das grausame Schlachthaus und erklärten das Gebiet zur »Humanitären Zone«. Das Tragen von Waffen ist seither verboten. In die kleinen Kanäle, über die Kriminelle vom Meer aus eindringen könnten, bauten sie dichte Holzzäune. Wer jetzt nach Puente Nayero will, muss sich an einem großen, rot gestrichenen Tor kontrollieren lassen, das Tag und Nacht bewacht wird. Ein Transparent, das am Eingang über den Schotterweg gespannt ist, stellt klar: »Lebensraum – ausschließlich für die Zivilbevölkerung.«

Rund 1.400 Menschen leben in Puente Nayero. Fast alle sind Afrokolumbianer. Der Straßenzug liegt im Viertel La Playita, eine der gefährlichsten Ecken der Stadt Buenaventura, die wiederum als die gefährlichste Kolumbiens gilt. Hier kämpfen die »Urabeños«, die »Aguilas Negras« und andere »Bacrims« um den Drogenmarkt und die Kontrolle des Hafens, über den ­illegale Waren ins Land gelangen: gefälschte Jeans, unverzollte Fernsehgeräte, Waffen.

In den Barrios, den Stadtteilen, entscheiden unsichtbare Grenzen über Leben und Tod. Wer die Straßenseite an der falschen Stelle wechselt und gegnerisches Terrain betritt, muss damit rechnen, von einem der vielen jugendlichen Auftragskiller ermordet zu werden. Den tropischen Regenwald im Umland kontrollieren die Guerilleros der FARC. Auch sie verüben immer wieder Anschläge in der Stadt.

Für Orlando Castillo ist der Straßenzug ein Vorbild, das Schule machen soll. Aber wie, so fragt man sich, konnten die ­Bewohnerinnen und Bewohner ausgerechnet hier eine Insel der ­Sicherheit schaffen? Das sei nur mit Hilfe von Menschenrechtsorganisationen aus Bogotá und des örtlichen Bischofs Hector Epalza möglich gewesen, erklärt er. Epalza hatte schon vorher zu Demonstrationen gegen die Gewalt aufgerufen und konnte Zehntausende mobilisieren. »Durch die Unterstützung des ­Bischofs blickte die internationale Öffentlichkeit auf uns«, sagt Castillo. Einige Kriminelle seien deshalb von der Polizei fest­genommen worden, andere hätten sich zurückgezogen.

Bevor Castillo und seine Leute Puente Nayero zur »Humanitären Zone« erklärten, war das Konzept nur in ländlichen Regionen umgesetzt worden. In den Bundesstaaten Antioquia und Chocó gründeten Kleinbauern solche Schutzdörfer. Paramilitärische Gruppen waren dort gegen die Einheimischen vorgegangen. Sie vertrieben die Campesinos, damit sich agroindustrielle Unternehmen auf deren Land ansiedeln und Bananen oder Ölpalmen anbauen konnten. Um sich zu schützen, gründeten die Betroffenen »Humanitäre Zonen«. Das Konzept sieht vor, dass keine Soldaten, Polizisten, Paramilitärs oder Guerilla-Gruppen das Gebiet betreten dürfen. Die Gemeinden berufen sich auf das humanitäre Völkerrecht. Demnach müssen bewaffnete Akteure alle Handlungen unterlassen, die Zivilisten unnötig in Gefahr bringen.

Deshalb muss es eine strenge Trennung zwischen Kombattanten und ziviler Bevölkerung geben. Das Recht gilt für legale Kampfverbände ebenso wie für illegale. Die Interamerikanische Menschenrechtskommission hat die Zonen anerkannt und der ihr angegliederte Gerichtshof verpflichtete die kolumbianische Regierung schon mehrmals, Maßnahmen zum Schutz der Dörfer zu ergreifen. Auch das schafft ein wenig Sicherheit.

Doch für die Menschen in Puente Nayero endet die Sicherheit da, wo das Tor den Schotterweg von der Straße trennt. Jenseits des Zaunes beginnt Feindesland. Zwar ist die Zahl der Morde etwas zurückgegangen, nachdem Präsident Juan Manuel Santos im vergangenen Jahr mehr Polizisten und Soldaten schickte. Doch von Frieden kann keine Rede sein. Weiterhin verschwinden Menschen, die wahrscheinlich in »Schlachthäusern« hingerichtet werden.

Keine 500 Meter von Puente Nayero entfernt töteten Banden im Juli 2015 den 15-jährigen Christian Aragón und verletzten dessen Freund Sol Angel Mina so schwer, dass er im Krankenhaus starb. Sie hatten zunächst versucht, Christian zu entführen, doch er wehrte sich. Für die Menschenrechtsorganisation »Justicia y Paz« aus Bogotá, die die »Humanitäre Zone« unterstützt, ist der Angriff kein Zufall. Christians Eltern, Bewohner von Puente Nayero, kämpften dagegen, dass die Kriminellen Kinder rekrutieren und Mädchen vergewaltigen, schreiben die Aktivisten und fordern Schutz für die Einwohner.

Auch Castillo lebt außerhalb seines Barrios gefährlich. Immer wieder erhält er Morddrohungen. »Die Ausrufung der ›Humanitären Zone‹ hat mich noch bekannter gemacht«, sagt er. Sein freundlicher Blick, die sanften Gesichtszüge und seine klare politische Haltung lassen kaum erahnen, welche Angst die Drohungen in ihm hervorrufen. Vielleicht ist es die Hilfe seiner Familie, die ihn das alles durchstehen lässt. Seine Schwester, sein Vater, alle kämpfen für ein gewaltfreies Puente Nayero. Ihr Haus haben sie zur Verfügung gestellt, damit Unterstützer aus der Hauptstadt einen Platz zum Schlafen haben.

Nur sehr zurückhaltend redet Orlando Castillo über die ­Momente, in denen ihm zum Heulen zumute ist. Darüber, dass er häufig Gott um Hilfe bittet und sich schuldig fühlt, weil er Angehörige gefährdet.

Seine vier Kinder leben schon lange nicht mehr in der Stadt. Vor drei Jahren wurde seine Lebensgefährtin getötet. Eine verirrte Kugel während eines Schusswechsels zwischen Kriminellen sei dafür verantwortlich gewesen, sagt die Polizei. Aber das glaubt Castillo nicht: »Die Paramilitärs verfolgen uns.« Er spricht nur von »Paramilitärs«.

Schließlich seien die »Bacrims« direkt aus den rechten Truppen hervorgegangen, die in vielen Regionen die Bevölkerung terrorisieren. Für ihn steckt hinter der Gewalt mehr als nur ein Revierkampf. Es gehe um wirtschaftliche Interessen: um den Ausbau des ­Hafens, der mit allen Mitteln durchgesetzt werden soll.

Am Horizont kündigt sich mit einem lauten Hupen einer der vielen Frachter an, die täglich in die Bucht von Buenaventura einfahren. Zwischen den verletzlich klein wirkenden Holzbooten der Fischer bahnen sich die schwimmenden Kolosse ihren Weg.

»China Shipping«, »Evergreen« oder »Hamburg Süd« ist auf den Containern zu lesen, die sie transportieren. Von Puente Nayero aus erscheinen die Behälter wie unzählige fein säuberlich gestapelte bunte Schuhschachteln. Etwa 600.000 von ihnen werden jährlich hier umgeschlagen. Der Hafen ist zum wichtigs­ten Umschlagsort Kolumbiens geworden, und angesichts der ­zunehmenden Geschäfte mit asiatischen Staaten, Chile, Mexiko und den USA gewinnt er weiter an Bedeutung. Spediteure vergrößern ständig ihre Lager, auf jeder Freifläche in Meeresnähe stehen die Metallbehälter.

Gesellschaften wie »TC Buen« oder »Sociedad Portuaria« werben mit Hochglanzbroschüren, die sauber gestrichene Krananlagen und Frachtkähne zur Schau stellen. Wie sich Stadtplaner die Zukunft Buenaventuras vorstellen, demonstriert eine Wandtafel im Rathaus. Sie zeigt einen modernen Hafen und Hotelanlagen. Wo heute noch die Pfahlbauten der Armen ins Meer ragen, soll eine schicke Promenade für Touristen entstehen.

Bischof Epalza ist skeptisch. Sein Sitz liegt gleich am Hafen. Schaut er aus dem Fenster, blickt er auf die Anlage. Nur wenige Meter entfernt stehen Soldaten hinter Sandsäcken und kontrollieren Fahrzeuge. Auch Metallzäune, Stacheldrahtrollen und Blechwände schützen das Gelände.

Der Geistliche sieht einen Zusammenhang zwischen dem hochgesicherten und prosperierenden Hafen und dem Terror der Banden. »Da agieren mächtige Personen im Hintergrund«, ist er überzeugt. Dann verweist er auf die vielen Menschen, die wegen der Gewalt aus ihren Vierteln flüchten. Etwa 15.000 Menschen sind es jedes Jahr, die ihr Zuhause verlassen und in einen anderen Stadtteil ziehen müssen. Die meisten stammen aus den armen Vierteln.

Epalza befürchtet, dass die Angriffe der Banden auch zum Ziel haben, Einwohner zu vertreiben, die der Verwertung im Wege stehen. Genau das sei die Aufgabe der paramilitärischen Gruppen in Antioquia und Chocó gewesen. »Die Leute sollen ihre Häuser verlassen, um die geplanten Bauarbeiten durchführen zu können«, vermutet er. Aktivist Castillo unterstreicht das: »Immer wenn die Leute aus einem Ort geflüchtet sind, beginnen ein paar Monate später die Arbeiten an dem Megaprojekt.«

Den Unternehmern traut er ziemlich viel zu. So sei etwa ungeklärt, warum im vergangenen Jahr das Viertel Santa Fe abgebrannt sei. »Vieles spricht dafür, dass Paramilitärs gezündelt haben«, meint er. Schließlich lagere »TC Buen« gleich nebenan Container und wolle sich schon lange weiter ausbreiten. Bereits in den neunziger Jahren habe die Polizei den damaligen Chef des Unternehmens mit der Mafia in Verbindung gebracht.

Wer bei »TC Buen« nachfragen will, muss aus der Stadt hinausfahren, sich am Betriebstor von der Polizei kontrollieren lassen und dann ziemlich lange warten. Zwischen Lagerhallen und Fuhrparks liegt das Gebäude der Firma, und während draußen die tropische Sonne brennt, sorgt in Gabriel Corrales Büro die Klimaanlage für kühle Luft.

Die Vorwürfe von Bischof Epalza und den Aktivisten weist der Geschäftsführer der Firma naturgemäß von sich. »Niemand muss befürchten, dass wir ihn vertreiben«, sagt er. Im Gegenteil: Durch die Investitionen im Hafen seien mehr als 700 Arbeitsplätze geschaffen worden. Davon profitierten auch kleine Unternehmen. Corrales setzt auf Modernisierung: »Gerade dort, wo es keine Beschäftigung gibt, ist es doch besonders unsicher.«

Zurück nach Puente Nayero. Castillo hat es jetzt etwas eilig. Gleich beginnt die Versammlung der Einwohner – wie jeden Samstagnachmittag. Vor dem Haus der Castillos stellen ein paar Frauen bereits Plastikstühle auf den Schotterweg.

Heute soll es wieder um Sicherheitsvorkehrungen gehen. Doch bevor der 36-Jährige zu seiner Rede anhebt, will er noch etwas klarstellen. Der Hafen erwirtschafte hohe Steuereinnahmen, von denen aber nur ein Prozent in der Stadt bleibe, die immerhin 400.000 Menschen beherberge. Das treffe besonders Afrokolumbianer, die vier Fünftel der Bevölkerung stellten. »Wir wehren uns nicht ­gegen die Entwicklung Buenaventuras, aber wir müssen mit ­einbezogen werden«, betont er.

Das sieht auch Merci Caisero so. Aber sie geht nicht zur Versammlung, weil sie ihre Würste nicht allein lassen kann. Vor ­ihrem Haus riecht es nach Gebratenem, hinter dem Holzverschlag wartet sie mit ihrem kleinen Sohn auf Kundschaft. An der Wand meldet indes ein kleiner Flachbildschirm die neuesten Nachrichten, an einem Plastiktisch spielen ein paar Männer Karten.

Wenn es gut läuft, verdient sie mit dem Laden etwa sechs Euro am Tag. Das reicht knapp, um die Kinder über die Runden zu bringen. Sie hätte gar nichts dagegen, wenn die Hafenpromenade gebaut wird. Dann würde sie dort ihre Würste mit Kartoffeln verkaufen. Und vielleicht könnte sie dann sogar den Traum ihrer Tochter erfüllen: Die Dreizehnjährige will ­Ärztin werden. Auch für Buenaventura hat Caisero eine Vision: »Wenn wir es schaffen würden, dass alle Arbeit haben oder ­lernen können, wäre Schluss mit der Gewalt. Denn dann hätten alle etwas, wovon sie leben könnten.«

Der Autor ist Lateinamerika-Korrespondent.

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