"Gewalt setzt sich im Frieden fort"
Ein Gespräch mit der Psychologin Alena Mehlau, über ihre Arbeit mit traumatisierten Frauen.
Wenn Frauen nach einer Vergewaltigung medizinische oder psychologische Unterstützung suchen, worauf kommt es dabei an?
Ein Grundprinzip besteht darin, sichere Räume zu schaffen. Eine Vergewaltigung ist eine traumatische Erfahrung. Das Ziel unserer Projekte ist ein geduldiger Vertrauensaufbau, der auf langfristige Beziehungen hinwirkt. Gelingt es unseren Beraterinnen vor Ort, dabei auch das soziale Umfeld der betroffenen Frauen einzubeziehen, kann das wesentlich dazu beitragen, vor Posttraumatischen Belastungsstörungen zu schützen.
Sind das die Leitlinien Ihrer Arbeit?
Das Besondere ist, dass unser Ansatz, Vertrauen und langfristige Beziehungen aufzubauen, sehr niedrigschwellig ist: Er lässt sich nicht nur in beratenden oder therapeutischen Settings anwenden, sondern in jeder Form von Unterstützung für Frauen, die sexualisierte Gewalt erfahren haben. Wir wissen, dass nur ein kleiner Teil der Frauen therapeutische Unterstützung braucht. Wesentlich sind andere Formen der Unterstützung, wie sozioökonomische Programme, Rechtshilfe und Gesundheitsprogramme in den Gemeinden, in denen die Frauen leben. Deswegen haben wir trauma-sensible Leitlinien entwickelt, die das Ziel verfolgen, eine ganzheitliche Unterstützung von Frauen sicherzustellen.
Ist es überhaupt möglich, die betroffenen Frauen anzusprechen, wenn sexualisierte Gewalt tabuisiert ist?
Die Dunkelziffer ist immens. Viele Frauen sprechen aufgrund der Stigmatisierung, Marginalisierung und der Tatsache, dass sie dann aus der Gesellschaft oder von ihren Partnern oder Ehemännern verstoßen werden, nicht darüber, dass sie sexualisierte Gewalt erfahren mussten. Wer dann tatsächlich Hilfe und Unterstützung sucht, wer den Mut hat, das Leid und die schmerzvolle Erfahrung anderen Menschen anzuvertrauen, erhält indes nur einen Bruchteil der tatsächlich angemessenen Unterstützung. Das liegt nicht zuletzt daran, dass die Kriege, Konflikte und auch andere Formen sexualisierter Gewalt in Regionen stattfinden, die teilweise immer noch sehr unsicher und nur extrem schwer erreichbar sind. Die Mitarbeiterinnen unserer Partnerorganisationen im Kongo, beispielsweise in Nord- und Süd-Kivu, müssen mitunter Tagesmärsche auf sich nehmen, um die Dörfer zu erreichen, in denen sie Frauen unterstützen wollen.
Was meinen Sie genau, wenn Sie von sexualisierter Gewalt in Konflikten sprechen?
Das fängt bei Massenvergewaltigungen an, die lange andauern, mit vielen Tätern im Kollektiv, geht über Genitalverstümmelungen, die häufig mit Vergewaltigung und anderen Formen von Folter verbunden sind, bis hin zu bewusster Ansteckung mit sexuell übertragbaren Krankheiten wie HIV. Diese massive Brutalität ist sehr erschreckend. Hinzu kommen viele Formen von Gewalt im Familien- und Bekanntenkreis. In den Regionen im Kongo, in denen ich viel unterwegs bin, ist die Gewalt durch Mitglieder der Familie und Bekannte, wie etwa Nachbarn aus dem Dorf, das größte Problem. Dort fehlen oft auch die finanziellen Mittel, um gegen familiäre Gewalt oder Gewalt in den Communities vorzugehen.
Was ist der Unterschied zwischen "sexualisierter" und "sexueller" Gewalt?
Der Begriff der sexuellen Gewalt ist eine Unterkategorie von Gewalt. Wenn Sie aber von sexualisierter Gewalt sprechen, dann wird klar, dass die Sexualität selbst als Werkzeug dient, um Macht und Unterdrückung auszuüben. Das heißt, wir benutzen den Begriff, um deutlich zu machen, wie Sexualität instrumentalisiert wird.
Sexualisierte Gewalt ist sicherlich nicht nur auf die Zeit von bewaffneten Konflikten beschränkt.
Ja, die Gewalt dauert an und natürlich auch die patriarchale Geschlechterhierarchie. Je mehr Diskriminierung, je mehr Unterdrückung und je mehr Gewalt gegen Frauen bereits vor dem Krieg bestanden, desto effektiver ist sexualisierte Gewalt auch als Waffe in Kriegen und Konflikten. Genauso sehen wir auch, wie sich die Gewalt danach, wenn relativer Friede herrscht, fortsetzt.
Sollten die Betroffenen nicht lieber in einem anderen Land behandelt werden?
Das kommt durchaus vor, wenn Frauen beispielsweise in Deutschland aufgenommen und unterstützt werden. Die Frage ist dann aber: Was passiert, wenn die Frauen wieder zurück in ihre Heimat sollen? Wird an die Reintegration der Frauen gedacht? Hinzu kommt, dass eine Auswahl getroffen werden muss, die besonders problematisch ist. Wie kann man diesen Auswahlprozess so gestalten, dass er nicht stigmatisierend wirkt? Man kann ja nicht abfragen, ob jemand bestimmte Auswahlkriterien erfüllt, ob eine Frau tatsächlich jesidisch ist und vergewaltigt wurde, um es zugespitzt zu formulieren. So etwas wirkt absolut retraumatisierend. Aufgrund dieser Komplexität empfehle ich immer die Arbeit vor Ort, weil man dort mehr Frauen erreicht, als wenn eine Auswahl nach Deutschland oder in ein anderes Land reisen kann. Und sie ist auch nachhaltiger. Wenn zum Beispiel vor Ort Fachkräfte geschult und Strukturen aufgebaut werden, dann entsteht ein längerfristiger Nutzen, auch wenn die akute Krisensituation schon längst vorbei ist.
Gibt es überhaupt eine Chance, traumatisierte Personen zu stabilisieren, wenn bewaffnete Konflikte über Jahrzehnte andauern?
Ja, definitiv. Wichtig ist dabei die Frage, ob eine Chance besteht, langfristige Perspektiven zu schaffen. Ich erlebe immer wieder, wie Frauen, die mehrfach sexualisierte Gewalt erfahren haben, heute sagen: Ja, ich wurde massiv verletzt, aber ich lebe und ich gestalte mein Leben. Menschen können durch soziale Unterstützung und mithilfe neuer Lebensperspektiven so viel Kraft und Mut schöpfen, dass sie sich trotz andauernder traumatischer Erfahrungen stabilisieren. Diese Erfolge machen unsere Arbeit aus – und geben auch uns selbst neuen Mut.
Interview: Andreas Koob
Alena Mehlau ist Diplom-Psychologin und Fachreferentin für Trauma-Arbeit bei medica mondiale, einer in Deutschland ansässigen, internationalen Nichtregierungsorganisation, die sich weltweit für Frauen und Mädchen in Kriegs- und Krisengebieten einsetzt. Sie begleitet und berät Partnerorganisationen bei der Umsetzung trauma-sensibler Unterstützungsangebote für Überlebende von sexualisierter und geschlechtsspezifischer Gewalt mit Schwerpunkt auf der Region der Großen Seen in Afrika.