Amnesty Journal Türkei 27. Mai 2014

"Wir alle sind Ali"

"Taksim ist überall." Solidaritätsdemonstration vor dem Haus der Familie Korkmaz.

"Taksim ist überall." Solidaritätsdemonstration vor dem Haus der Familie Korkmaz.

Mehrere Demonstranten sind bei den Gezi-Protesten gegen die türkische Regierung im vergangenen Sommer getötet worden. Einer von ihnen war der Student Ali Ismail Korkmaz. Der Druck der Öffentlichkeit hat die Täter vor Gericht gebracht.

Von Nicole Graaf

Sie traten auf ihn ein, nochmal und nochmal, gegen die Rippen, in den Bauch, gegen den Kopf. Als er sich aufrappelte, um zu fliehen, schlugen sie ihn erneut nieder. Vor dem 2. Juni 2013 war Ali Ismail Korkmaz nur ein 19-jähriger Lehramtsstudent. Einen Monat später ist sein Bild auf Plakaten zu sehen und im Frühjahr 2014 stehen acht Männer wegen seines Todes vor Gericht, drei von ihnen Polizisten.

Es begann mit den Protesten am Istanbuler Taksim-Platz, wo sich Regierungsgegner gegen die Zerstörung des Gezi-Parks und den autoritären Führungsstil von Premierminister Erdoğan auflehnten. Als die Proteste im Sommer 2013 auch die Universitätsstadt Eskişehir erfassen, wo Ali studiert, schließt er sich an. Er ist einer wie die anderen jungen Menschen, die neben ihm durch die Straßen ziehen, ein schmächtiger Teenager mit viel Idealismus im Kopf, kein Randalierer, wie der türkische Ministerpräsident die Protestler bezeichnet. Die Demonstranten klatschen in die Hände, Ali stimmt in ihre Rufe ein: »Überall ist Taksim, überall ist Widerstand.« Anwohner hämmern von Fenstern und Balkonen auf Töpfe und feuern sie an. Zwei Millionen Menschen im ganzen Land demonstrieren, bunt und überwiegend friedlich.

In Eskişehir erwartet niemand, dass die Situation eskalieren könnte. Unzählige kleine Parks und eine Flusspromenade voller Cafés prägen das idyllische Stadtbild. Mehr als zehn Prozent der rund 600.000 Einwohner sind Studenten. Die Demonstranten ziehen zur Zentrale der Regierungspartei AKP, die in einer Geschäftsstraße in einem konservativ geprägten Stadtteil liegt. Vor dem Gebäude haben sich Polizisten postiert. Ob sie zuerst angegriffen haben oder ob Demonstranten mit Steinen warfen, kann später niemand mehr genau sagen.

Die Polizisten treiben die Menge mit Wasserwerfern auseinander und jagen Flüchtenden hinterher. Selbst drei Blocks entfernt müssen Anwohner ihre Fenster schließen, so viel Tränengas liegt in der Luft. Ali wird verfolgt. Er rennt in eine Seitengasse, links ein Hotel, rechts ein paar Läden, am Kopfende eine Bäckerei. Dort stellen sich ihm sechs Männer in den Weg. Sie reißen ihn zu Boden und prügeln mit Stöcken auf ihn ein. Er krümmt sich schon auf dem Gehsteig, da tritt einer noch einmal zu. Als er sich aufrappelt, schlagen sie ihn ­erneut. Er versucht zu fliehen, wird aber sogleich von weiteren Schlägern attackiert. Überwachungskameras an den umliegenden Geschäften filmen das Geschehen.

Als Ali wieder zu sich kommt, dröhnt sein Kopf, er kann seinen rechten Arm nicht bewegen. Er ist kaum bei Sinnen, als seine Freunde ihn wiederfinden und in ein Krankenhaus schaffen. Der behandelnde Arzt erkennt jedoch nicht, dass Ali ein Schädeltrauma erlitten hat. Er schickt ihn zur Polizei, damit er dort eine Aussage macht. 24 Stunden später wird er mit einer Gehirnblutung ins Krankenhaus eingeliefert und fällt ins Koma.

Als er einen Monat später stirbt, verbreitet sich die Nachricht blitzschnell über die sozialen Netzwerke der Protestbewegung. Rund 3.000 Menschen versammeln sich vor dem Krankenhaus. Den Trauerzug in seiner Heimatstadt Antakya begleiten fast doppelt so viele. Trotz der langen Fahrt sind zahlreiche Studenten aus Eskişehir mitgereist. Die meisten haben ihn nicht gekannt. »Weine nicht, Mama, deine Kinder sind hier«, rufen sie Alis Mutter zu.

Seit Alis Tod wechselt ihre Stimmung zwischen Apathie, Verzweiflung und Wut. Sie sitzt auf der großen Terrasse ihres Hauses auf Alis Lieblingssofa, hat die Hände in den Schoß gelegt und starrt vor sich hin. Er war das jüngste ihrer vier Kinder, ein Nachzügler. Fünf Jahre zuvor wurde Ali am Herzen operiert. Seitdem hatte sie sich stets besonders um ihn gesorgt. »Gott hat ihn leben lassen«, sagt sie. »Aber dem Hass dieser Menschen hatte er nichts entgegenzusetzen.«

Alis älterer Bruder Gürkan kämpft nun dafür, die Täter zu finden. Ein Überwachungsvideo vom Tatort blieb zunächst verschwunden, bei einem anderen wurden Szenen gelöscht. Gürkan ist Anwalt und bisher der einzige in der Familie, der ein Studium abgeschlossen hat. Für Ali war er Vaterersatz und Vorbild, denn sein leiblicher Vater war früher fast nie zu Hause. Bis zu seiner Rente vor zwei Jahren arbeitete er in Saudi-Arabien auf dem Bau.

»Ali war anders«
Gürkan hat sich das Porträt seines Bruders auf den Oberarm stechen lassen. Eigentlich ist er nicht der Typ für ein Tattoo. Mit seiner schmal umrandeten Brille, dem schwarz-weiß karierten Hemd und der leicht untersetzten Statur wirkt er ein wenig bieder und viel älter als 26 Jahre. Ali fragte stets ihn um Rat, doch als Brüder standen sie sich kaum nah: »Was soll ein junger Mann mit einem Kind anfangen«, sagt Gürkan. Erst kurz bevor Ali zum Studieren fortzog, entdeckten sie gemeinsame Interessen: Fotografie und Sprachen, die gleichen Filme und Musikbands. Gürkan riet Ali nach Eskişehir zu gehen, wo auch er studiert hatte.

Er geht Briefe durch, die auf dem Küchentisch liegen: aus Istan­bul, Ankara, Eskişehir, Izmir, Antalya, sogar einer aus New York – alles Kondolenzschreiben. Täglich kommen fünf bis sechs neue hinzu. Dann sitzt die Familie auf der Terrasse zusammen und die Briefe wandern durch die Hände. Im Hof unter einem Dach aus Weinreben sitzen den ganzen Tag über Tanten, Onkel, Cousins, Nachbarn – und auch Fremde, die kommen, um ihr Beileid zu bekunden. Seit Alis Tod ist das Haus ständig voller Gäste.

Die Familie wohnt in einem Vorort von Antakya, einer der ältesten Städte der Welt nahe der Grenze zu Syrien. Menschen mit unterschiedlicher ethnischer Herkunft und Religionszugehörigkeit leben dort zusammen. Antakya hat zwar nur rund 200.000 Einwohner, zählt jedoch zu den Hochburgen der Proteste. Nachdem im vergangenen Sommer auch dort ein Demonstrant getötet wurde, kam es fast jeden Abend zu Zusammen­stößen mit der Polizei.

In Antakya protestieren die Menschen noch aus anderen Gründen als in Istanbul. In der Region leben viele Aleviten. Auch Alis Familie bekennt sich zu dieser mystischen Strömung des Islam. Im osmanischen Reich wurden die Aleviten lange unterdrückt; und noch heute werden sie von konservativen Sunniten angefeindet, die sie als Häretiker bezeichnen. Viele hier missbilligen die Haltung der türkischen Regierung zum Krieg im benachbarten Syrien: Sie werfen ihr vor, zu dulden, dass Al Qaida-Kämpfer die Flüchtlingslager auf türkischer Seite als Rückzugsraum nutzen.

Ali meinte, die Menschen missbrauchen Religion nur für politische Zwecke. Er wandte sich sogar gegen das Kopftuchverbot, das bis vor kurzem an den Universitäten galt, obwohl es ein Erbe seines Idols, des Staatsgründers Atatürk war; und obwohl Ali sich selbst als Atheisten bezeichnete. Doch er fand, jeder solle so leben, wie er will. »Ali war anders«, sagt Gürkan. Jeder, der von Ali erzählt, erwähnt das als erstes. Auf Facebook schrieb er: »Mein Land ist die Welt. Alle Menschen sind meine Brüder. ­Meine Religion ist Gutes tun.«

Er engagierte sich für soziale Dinge, sammelte Bücher für arme Dorfschulen, setzte sich zu Alten in Seniorenheime, um ihnen vorzulesen. Ständig kam er mit neuen Ideen nach Hause. Manchmal nervte er mit seinem überbordenden Idealismus: Wenn er seine Eltern kritisierte, sobald sie etwas kauften, das ihm unnütz erschien; wenn er sich zum Opferfest weigerte, sich an der rituellen Schlachtung eines Schafs zu beteiligen, so wie es die Söhne tun sollten: »Ich kann kein Tier töten«, sagte er dann.

Wenn sein Vater sich ein Bier öffnete, aber ihm keines anbot, war er beleidigt. Er mochte nicht wie ein Kind behandelt werden und auch nicht wie ein rohes Ei. Seit der Herzoperation mahnte seine Mutter ihn ständig zur Vorsicht, verbot ihm Schwimmen zu gehen oder Fußball zu spielen. Er tat es trotzdem. Ali wollte ernst genommen werden, vielleicht war es ihm deshalb so wichtig, sich bei den Protesten zu engagieren.

Nach seinem Tod rufen die Menschen in Eskişehir und An­tak­ya nicht mehr »Widerstand für den Gezi-Park«, sondern »Widerstand für Ali«. Insgesamt 15 Menschen starben infolge von Protesten, die mit der Gezi-Bewegung in Zusammenhang stehen, etwa die Hälfte direkt durch Polizeigewalt. Drei wurden von Tränengaskartuschen getroffen und starben an schweren Kopfverletzungen. Zwei wurden gar von Ordnungshütern erschossen.

Ihr Tod hat etwas verändert im Land. Er hat die Menschen tief getroffen. Es scheint für einen Moment, als könnten sich die alten Gräben schließen, welche die Türkei seit Republikgründung durchziehen. Plötzlich solidarisieren sich Kemalisten, die stets die Einheit der Nation hochhalten, mit Kurden, denen sie vormals Separatismus vorgeworfen hätten. Alte gewähren Jugendlichen, die vor dem Tränengas der Polizei fliehen, Unterschlupf in ihren Häusern. Gläubige feiern auf der Konsummeile beim Istanbuler Taksim-Platz gemeinsam mit Säkularen das Fastenbrechen im Ramadan. Und Wildfremde besuchen Alis Familie, um ihre Solidarität zu zeigen.

Druck der Straße
Drei Studenten sind aus Istanbul gekommen, um ein Video über Ali zu drehen. Unzählige kursieren bereits im Internet. Sie sollen über die Hintergründe der Todesfälle aufklären, und Zeugen dazu bewegen, sich zu melden. Die Studenten stellen ein Stativ mit einer Handkamera in Alis Zimmer auf. Es sieht aus wie ein Museum. An einem Kleiderständer hängt sein marineblauer ­Bademantel mit dem Emblem von Fenerbahçe Istanbul – so als hätte er ihn am Morgen erst dort aufgehängt. Unzählige Fotos auf der Kommode zeigen Aufnahmen aus Alis Kindheit.

Gürkan sitzt auf dem Bett seines Bruders und spricht in die Kamera: davon wie gern Ali anderen half, wie sehr er Gewalt verabscheute und wie er starb. Er wirkt routiniert, denn er hat die Geschichte schon oft erzählt. Als er zwei Stunden später im Auto nach Eskişehir sitzt, um sich dort mit Anwaltskollegen zu beraten, wirkt er müde und fahrig: »Es macht mich fertig, nochmal und nochmal zu erzählen, was passiert ist«, sagt er. Doch ­alles dreht sich für Gürkan nur noch um Ali, als habe er das ­Gefühl, seinen Bruder zu verraten, sobald er innehält.

Gürkan ist längst ebenfalls zur öffentlichen Person geworden. Über 70.000 Menschen folgen ihm auf Twitter. Ständig klingelt sein Handy, er fährt nach Eskişehir, Ankara oder Istanbul, um bei Solidaritätsaktionen zu sprechen; hier wird ein Baum gepflanzt, dort eine Gedenktafel aufgestellt. Plakate zeigen die Porträts der Getöteten als Scherenschnitt, wie man es von Che Guevara kennt. Mit jedem neuen Opfer kommt ein Bild hinzu. Gürkan spult immer und immer wieder die gleichen Sätze ab, tröstet sogar die, die eigentlich gekommen sind, um ihm ihr Beileid zu bekunden.

An der Macht der Regierung hat die Gezi-Bewegung kaum gekratzt. Das haben die Kommunalwahlen im März gezeigt; trotz der Proteste und massiver Korruptionsvorwürfe gegen die AKP wählten 45 Prozent der Türken deren Kandidaten. Nach dem politischen Chaos der sechziger und siebziger Jahre und mehreren Militärputschen halten sich viele von Politik fern. Andere befürworten einen starken Mann, der für Ordnung sorgt und das Land wirtschaftlich stärkt. Aber ­eines haben die Ereignisse des ­vergangenen Sommers dennoch bewirkt: Jene, die nicht mit der Regierung übereinstimmen, haben keine Angst mehr, offen ihre Meinung zu vertreten.

In Alis Fall hat der Druck der Straße zu Ergebnissen geführt. Mehrere Augenzeugen haben sich gemeldet und auch das verschwundene Überwachungsvideo ist wieder aufgetaucht: Es zeigt, wie mehrere Männer auf Ali einprügeln. Einer von ihnen wurde als Polizist in Zivil, drei weitere als Angestellte der Bäckerei am Tatort identifiziert und festgenommen. Gegen drei weitere Polizisten ermittelt ebenfalls der Generalstaatsanwalt.

Noch Monate nach Alis Tod finden in Eskişehir und andernorts immer wieder Solidaritätsaktionen statt. Die Demonstranten wollen den Druck aufrechterhalten, damit die Tatverdächtigen auch tatsächlich vor Gericht gestellt werden. Es passiert in der Türkei nicht selten, dass Verfahren gegen Ordnungshüter verschleppt werden. Doch der Fall »Ali Ismail Korkmaz« ist anders – weil Ali keiner politischen Gruppe angehörte und weil ­jeder im Internet auf den Überwachungsvideos sehen konnte, mit welcher Brutalität die Täter auf ihn eintraten. Selbst Kon­servative, welche die Gezi-Bewegung kritisieren, bekunden ihr Mitleid und fordern, dass die Täter bestraft werden.

Prominenter Fall
Am 4. Februar beginnt schließlich der Prozess in der zentralanatolischen Stadt Kayseri. Der Gouverneur von Eskişehir hat diese Verlegung »aus Sicherheitsgründen« erreicht. Kayseri gilt als Hochburg der Konservativen. Dennoch sind Dutzende Busse mit Unterstützern angereist. Bereits an der Stadtgrenze werden sie angehalten und durchsucht.

Zwar verfolgt das ganze Land den Prozess über die Medien, die inzwischen intensiv über den prominenten Fall berichten. Aber vielen, die noch im Sommer mitdemonstrierten, ist der Glaube an Veränderung abhanden gekommen. So sieht man unter den Unterstützern in Kayseri hauptsächlich die Fahnen linker Gruppen, die schon immer gegen den Staat protestiert haben. Der Geist des vergangenen Sommers, als bei Bürgerforen Menschen mit unterschiedlichen politischen Überzeugungen miteinander diskutierten, ist verpufft. Die alten Risse zwischen Kemalisten, radikalen Linken, Kurden und anderen Gruppen sind wieder aufgebrochen.

Die Atmosphäre in Kayseri ist angespannt. 2.000 Polizisten sind im Einsatz; sie haben das Gerichtsgebäude mit Absperrgittern und Schleusen gesichert. Drei Wasserwerfer stehen bereit, ein Hubschrauber kreist über der Stadt. Der Gerichtssaal ist viel zu klein für all die Verwandten, Unterstützer und Journalisten. 300 Anwälte begleiten Ali Ismails Familie, um Eindruck auf die Richter zu machen. Beim Prozess um einen erschossenen Demonstranten in Ankara sollen Richter und Staatsanwalt eingeschlafen sein. Beobachter attestieren in Alis Fall zumindest, dass man sich um ein korrektes Verfahren bemüht. Andere kritisieren jedoch, dass jene, die für den harten Polizeieinsatz verantwortlich waren, nicht vor Gericht stehen.

Die Nerven der Angehörigen liegen blank. Auf dem Weg zum Gerichtssaal brüllt Alis älteste Schwester mit sich überschlagender Stimme in die Fernsehkameras. Neben ihr die Mutter, ihr Haaransatz ist weiß geworden, ihre Gesichtszüge hart und fahl. Sie hält ein gerahmtes Bild ihres Sohnes fest umklammert. In dem kleinen Gerichtssaal muss die Familie nur wenige Meter entfernt von den Angeklagten Platz nehmen.

Als Haupttäter wird der Polizist Mevlüt Saldoğan beschuldigt. Auf dem Überwachungsvideo ist zu sehen, wie er Ali mit Fußtritten traktiert. Als er seine Aussage macht, streckt Alis Mutter ihm das Bild entgegen. »Das ist mein Sohn, wie konnten Sie ihn einfach töten ohne Mitgefühl«, ruft sie dazwischen. Der Angeklagte streitet alle Vorwürfe ab: »Ich kann ihn gar nicht so fest getreten haben, denn ich hatte mich an dem Tag am Fuß verletzt«, sagt er. Doch er wagt es nicht, Alis Familie anzusehen. Stattdessen setzt er auf Mitleid. Weil er im Gefängnis sitze, könne er sich nicht um seinen kranken Sohn kümmern. »Ich habe zwei Kinder«, gibt er zu Protokoll. »Gott möge ihre Kinder segnen«, sagt Alis Mutter leise.

Die Autorin ist Auslandskorrespondentin.

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