Amnesty Journal Türkei 26. Januar 2015

"Wie kann man diese Barbarei vergessen?"

Aynur Doğan ist die bekannteste kurdische Sängerin der Türkei. Weil sie gegen die Unterdrückung der Frau sang, wurde eines ihrer Alben verboten. Ein Gespräch über die Diskriminierung einer Kultur und die Verfolgung einer Ethnie.

Sie sind 1975 geboren. Damals war kurdische Musik in der ­Türkei noch gänzlich verboten … 
Ja, die Menschen vergruben Kassetten mit kurdischer Musik aus Angst in der Erde und wenn sie sie heimlich hören wollten, gruben sie sie aus.

Trotzdem war Ihre Kindheit von kurdischer Musik geprägt?
Ich bin in einem Dorf in der ostanatolischen Provinz Dersim aufgewachsen, in einer alevitisch-kurdischen Familie. Alle unsere Lieder waren auf Kurdisch, auch manche unserer rituellen ­Semah-Tänze und überlieferten Erzählungen. Wir lauschten den Liedern der Alten – den Epen unserer Dengbej-Barden oder den Frauen, die auf Hochzeiten und bei religiösen Cem-Zeremonien sangen. Als ich später in der Provinzhauptstadt Elazig auf die Mittelschule ging, habe ich dort unter anderem die Alben des kurdischen Protestsängers Sivan Perver gehört.

1992 kamen Sie mit Ihrer Familie nach Istanbul. Weshalb?
Die frühen neunziger Jahre waren eine der gewalttätigsten Phasen in der türkischen Geschichte. In den kurdischen Gebieten kam es damals fast täglich zu ungeklärten Verbrechen, ­Massakern, willkürlichen Festnahmen. Viele Dörfer wurden niedergebrannt oder bombardiert. Auch wir verließen, wie viele andere, in dieser Zeit unser Dorf und zogen nach Istanbul. 

Zehn Jahre später veröffentlichten Sie Ihr erstes Album und 2004 das zweite, das sehr erfolgreich war. Für Aufsehen sorgte schon der Titelsong »Kece Kurdan«, auf Deutsch: »Kurdisches Mädchen«. Wie kamen Sie auf das Lied?
Ich habe das Lied sehr oft gehört, als wir gerade nach Istanbul gezogen waren, wo ich das Gymnasium beendete. Es handelt vom Kampf der kurdischen Frau – gegen Feudalismus und Unterdrückung und davon, dass sie ihrer Identität beraubt werden soll. Es ist ein Lied, das dazu aufruft, sich der männlichen Vorherrschaft zu widersetzen. 

Mehr als ein Jahr, nachdem das Album erschienen war, wurde es von einem türkischen Gericht verboten, weil das Lied angeblich Frauen dazu ermutige, sich dem kurdischen Widerstand anzuschließen. Haben Sie diese Reaktion erwartet?
Eigentlich nicht. Damals hatte sich die Türkei gerade in ­Richtung Europäische Union geöffnet, es gab positive Signale für die Kurden. Ein halbes Jahr lang war das Album dann aus den Regalen verschwunden. 

Dann wurde das Urteil aufgehoben. Was dachten Sie da?
Dadurch wurde uns klar, dass sich doch noch nicht so viel geändert hatte. Dass sich die Gesetze ändern müssen, damit sich wirklich etwas ändert. In der Türkei wurde ja früher nicht nur kurdische Musik – sogar Instrumentalmusik – verboten. Es traf auch türkische Musiker, zum Beispiel Volkssänger wie Ruhi Su. 

Auch später haben Sie Anfeindungen erlebt. Im Sommer 2011 wurden Sie beim Jazz-Festival in Istanbul ausgebuht. Warum?
Es war nur eine Minderheit, die dagegen protestierte, dass ich auf Kurdisch sang – eine gezielte Provokation. Denn ich hatte die Lieder auch zuvor schon auf Kurdisch gesungen.
 
Wie haben Sie die Situation erlebt?
In dem Moment habe ich nur eine innere Leere gespürt. ­Meine Lieder wurden viele Male im türkischen Fernsehen ­gespielt, ich habe viel Zuspruch erhalten. Da trifft einen so ­etwas völlig unerwartet. Aber man muss erkennen, dass es ­Menschen gibt, die diesen Frieden nicht wollen. 

Wie oft treten Sie in der Türkei auf?
Für Leute wie mich, die kurdische Musik machen, sind die Bedingungen sehr schwierig, weil wir auf nichts Anspruch ­haben. Selbst auf TRT 6, dem neuen kurdischsprachigen Programm des türkischen Staatsfernsehens, kommt kurdische ­Musik oder kurdische Kultur kaum vor. 

Werden kurdische Musiker noch immer ausgegrenzt?
Eine aktive Unterstützung gibt es nicht. Und seit den Gezi-Protesten im vergangenen Sommer werden in allen Institutionen nur noch die eigenen Leute gefördert. Künstler, die anders denken, kommen gar nicht zum Zug. Wir kurdischen Musiker, Maler, Filmemacher oder Literaten haben von diesen Vereinigungen und Institutionen ohnehin nie profitiert, wir wurden nie gefördert und werden es wohl auch künftig nicht.

Gab es seit den Neunzigern keine Fortschritte für die Kurden?
Doch, die gibt es. Aber die Reformen müssen auch weiter­geführt werden. Wir wollen eine demokratische Türkei. Da ist es nicht mit einem kurdischen Fernsehsender getan, mit Lizenzen für ein paar kurdische Sender oder der Erlaubnis, ein oder zwei Universitäten zu öffnen. Die kurdische Sprache wird verloren gehen, wenn sie nicht im Alltag gelebt und an den Schulen ­gelernt werden kann.

Wo steht der türkisch-kurdische Friedensprozess?
Es gibt ein kurdisches Volk, das seine eigene Sprache, Kultur und Tradition besitzt und dafür seit Jahren einen hohen Preis zahlt. Meine Großmutter ist gestorben, ohne ein Wort Türkisch zu können. Die Türkei muss das anerkennen. Man darf Menschen nicht wegen ihrer Herkunft ausgrenzen. Es darf nicht sein, dass der Friedensprozess scheitert. Das wäre nicht gut, für beide Seiten nicht. Wir dürfen das nicht zulassen. Kurden und Türken leben doch schon so lange zusammen. Und trotz aller Gewalt und aller Kämpfe, allem Hass und allem Rassismus ­müssen sie nach Wegen suchen, zusammen in Frieden zu leben. Es gibt keine Alternative.

In den Nachbarländern sind die Kurden massiven Angriffen ausgesetzt. Früher wurden sie im Nordirak und in Syrien von Saddam Hussein und Bashar al-Assad unterdrückt, jetzt kämpfen die Milizen des »Islamischen Staats« gegen sie. Wie verfolgen Sie die Geschehnisse?
Mit großer Sorge. Besonders die dramatischen Bilder aus dem Sindschar-Gebirge, als kleine Kinder, Frauen und Alte im August bei sengender Hitze in die Berge flüchten mussten, haben sich in mein Gedächtnis eingebrannt. Wie kann man diese Barbarei vergessen? Ich würde mir mehr internationale Anteilnahme am Schicksal der jesidischen Frauen wünschen, damit sie aus den Fängen des IS befreit werden. Wenn ich an die Qualen denke, die diese Frauen erleiden müssen, schäme ich mich, dass ich lebe. Und auch in Kobane spielt sich eine Tragödie ab, und alle schauen zu, als wäre man in einem Theater. Diese Ungerechtigkeit haben wir nicht verdient. Wir mögen keine Kriege, wir wollen nicht kämpfen, wir lieben den Frieden.

Fragen: Daniel Bax

Aynur Doğan

Aynur Doğan, 39, kleidet traditionelle kurdische Volkslieder in moderne, akustische Folk-­Arrangements. Durch ihren Auftritt in Fatih Akins Istanbul-­Musik-Dokumentation »Crossing the Bridge« wurde sie 2005 auch einem deutschen ­Publikum ­bekannt. Zuletzt erschien ihr Album »Hevra« (Deutsch: Zusammen), das seit diesem Sommer auch in Deutschland vertrieben wird.

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