Amnesty Journal Brasilien 21. Mai 2014

Fast alles ist geschehen

Die schweren Menschenrechtsverletzungen, die in Brasilien während der Militärdiktatur (1964–1985) verübt wurden, sind bis heute nicht aufgearbeitet. Bernardo Kucinskis eindrucksvoller Roman »K. oder Die verschwundene Tochter« fordert Aufklärung.

Von Wera Reusch

Der Vater, der seine verschwundene Tochter sucht, fürchtet sich vor nichts. Wenn er zunächst Vorsicht walten lässt, geschieht das nicht aus Furcht, sondern weil er wie ein Blinder, verstört, sich erst einmal in dem unerwarteten Labyrinth der gegebenen Situation zu orientieren versucht.« Der da um Orientierung ringt, ist K., der Inhaber eines Geschäfts für Herrenmode in Bom Retiro, dem jüdischen Viertel von São Paulo. Nachdem K. im Frühjahr 1974 nichts mehr von seiner Tochter gehört hat, macht er sich auf die Suche nach ihr. Doch niemand weiß etwas über ihren Verbleib, und K. realisiert allmählich, dass sie verhaftet worden sein könnte. Offenbar führte die Chemiedozentin ein Doppelleben, von dem er nichts wusste: Sie hatte sich dem politischen Widerstand gegen die brasilianische Militärdiktatur angeschlossen.

Der alte Mann mit polnisch-jüdischen Wurzeln, der sich in seiner Freizeit am liebsten mit Jiddisch-Studien befasst, macht sich schwere Vorwürfe, dass er die Veränderungen an seinem Lieblingskind nicht bemerkt hat, und lässt nichts unversucht, um die Verschwundene zu finden. Er wendet sich an obskure Informanten, an Polizisten und Militärs, schließt sich einer Initiative von Angehörigen Verschwundener an, reist nach London zu Amnesty International, nach Genf zum Roten Kreuz und nach New York zum American Jewish Committee in der Hoffnung, man könne ihm helfen. Doch alle Bemühungen bleiben erfolglos, und K. ahnt, dass seine Tochter vermutlich ermordet wurde. Schließlich will er für die Verschwundene einen Grabstein setzen lassen, doch der Rabbi verweigert ihm die Erlaubnis: »Du willst, dass unsere Gemeinde einer Terroristin auf dem Gottesacker Ehre erweist, ein Risiko eingeht wegen einer Terroristin?«

Bernardo Kucinskis Roman »K. oder Die verschwundene Tochter« ist ein erschütternder Roman über die Qualen, die Angehörige von Verschwundenen erleben. »Alles in diesem Buch ist erfunden, doch fast alles ist geschehen« – diesen Satz hat Kucinski seinem Roman vorangestellt. Tatsächlich verarbeitete der Autor darin die Geschichte seiner Schwester Ana Rosa Kucinski, die 1974 in São Paulo verschwand. Das Buch zu schreiben, sei ein Prozess der Katharsis gewesen, sagte Bernardo Kucinski in einem Interview. Der 1937 geborene Autor zählt zu den renommiertesten Journalisten Brasiliens, er war Berater des ehemaligen Präsidenten Lula da Silva und gilt als wichtige Stimme der Angehörigen der Verschwundenen.

Im Mittelpunkt des Romans steht der Vater, doch tauchen auch andere Stimmen auf, die ahnen lassen, was mit der Tochter geschehen ist: So kommt unter anderem ein Spitzel zu Wort, die Geliebte des Polizeichefs oder eine Frau, die im Folterzentrum als Putzfrau arbeitete. In diesen Kapiteln mischt Bernardo Kucinski Fakten und Fiktion – die Menschenrechtsverletzungen, die während der Militärdiktatur in Brasilien verübt wurden, sind bis heute nicht aufgeklärt. Auch in der brasilianischen Literatur sind die Ereignisse zwischen 1964 und 1985 bislang kaum Thema. »K. oder Die verschwundene Tochter« ist daher von überragender Bedeutung – als eindrucksvoller Roman, als zeitgeschichtliches Dokument und als dringender Appell, die Verbrechen endlich aufzuklären.

Bernardo Kucinski: K. oder Die verschwundene Tochter.
Aus dem brasilianischen Portugiesisch von Sarita Brandt. Transit Buchverlag, Berlin 2013. 144 Seiten, 16,80 Euro.

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