Amnesty Journal Ukraine 21. Mai 2014

Ende eines Martyriums

Er wurde zu einer Ikone der Revolution: Der ukrainische Regierungskritiker Dimitri Bulatov war im Januar verschleppt und tagelang in extremer Weise gefoltert worden. Dass er seine schweren Verletzungen im Ausland behandeln lassen konnte, ist wohl auch den Eilaktionen von Amnesty International zu verdanken.

Von Victoria Flägel

»Sie haben mich gekreuzigt, meine Hände durchbohrt, mir ein Stück vom Ohr abgeschnitten, mein Gesicht zerschnitten. Es gibt an meinem Körper keine Stelle, die unverletzt ist.« Es sind drastische Worte, mit denen der Ukrainer Dimitri Bulatov sein Martyrium beschreibt. Wohl weil er sich an den Protesten gegen den inzwischen gestürzten Präsidenten Janukowitsch beteiligt hatte, war der 35-Jährige am 22. Januar von Unbekannten verschleppt und tagelang misshandelt worden. Dass die ukrainischen Behörden ihm am 1. Februar gestatteten, ins Ausland zu reisen, um seine Verletzungen behandeln zu lassen, ist vermutlich vor allem dem internationalen Druck zu verdanken. Auch Amnesty hatte sich mit Eilaktionen dafür stark gemacht.

Bulatov war einer der Anführer des sogenannten »Automaidan« – einer Gruppe zumeist junger Pkw-Besitzer, die mit ihren Autos durch die Hauptstadt Kiew fuhren, um Europafahnen zu schwenken, Polizeibussen den Weg zu versperren und vor den Prunkvillen der ukrainischen Polit-Elite zu demonstrieren. Vermutlich wurde Dimitri Bulatov dieses Engagement zum Verhängnis. Wie er später berichtete, wurde er von Männern verschleppt, die mit russischem Akzent sprachen. Die Folterer unterstellten ihm Spionagetätigkeit, fragten nach Drahtziehern des »Automaidan« und nach ausländischen Geldgebern.

Nachdem ihn seine Peiniger tagelang misshandelt hatten, setzten sie ihn am 30. Januar bei eisiger Kälte in einem Waldstück außerhalb von Kiew aus – was einem Todesurteil gleichkam: Bulatov war schwer verletzt, er hatte seit Tagen kaum gegessen und es herrschten Minustemperaturen. Doch ihm gelang das schier Unmögliche: Er schleppte sich unter enormen Schmerzen in das nächste Dorf, um seine Freunde zu kontaktieren. Anschließend wurde Bulatov in ein Krankenhaus in Kiew gebracht, wo er auch prominenten Besuch empfing: Oppositionsführer Vitali Klitschko versicherte dem Schwerverletzten seine Solidarität. Bulatov selbst, seine Familie, Parlamentsabgeordnete und ausländische Organisationen forderten die Behörden auf, ihm die Ausreise zu gestatten. Der internationale Druck zeigte Wirkung: Das Gericht von Shevchenkovskiy in Kiew erlaubte Bulatov am 1. Februar, zur medizinischen Behandlung die Ukraine zu verlassen. Einen Tag später reiste er in die litauische Hauptstadt Vilnius.

Bulatov ist kein Einzelfall. Auch andere Aktivisten wurden verschleppt, gefoltert und bei Minusgraden im Wald ausgesetzt. Einer von ihnen war Yury Verbytsky, der seinen Leidensweg nicht überlebte. Er wurde einen Tag vor Bulatovs »Verschwinden« tot in einem Waldstück aufgefunden. Seine Rippen sollen gebrochen gewesen sein.
Nach dem Sturz von Viktor Janukowitsch hat sich die Lage in der Ukraine mitnichten entspannt. Doch für Dimitri Bulatov ist eines klar: Er wird weiter für eine demokratische Ukraine kämpfen. Nachdem seine Folterverletzungen in Litauen medizinisch behandelt wurden, kehrte er in seine Heimat zurück. Dort gehört er mittlerweile als Minister für Sport und Familie der neuen Übergangsregierung an.

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