Amnesty Journal China 28. Januar 2014

Tausend Lichter für Shi Tao

Eine einzige E-Mail veränderte das Leben von Shi Tao: Der chinesische Dichter und Journalist schickte sie 2004 an eine NGO in den USA. Daraufhin wurde er wegen »Weitergabe von Staatsgeheimnissen« zu zehn Jahren Haft verurteilt. Die Firma Yahoo hatte seine Daten an die chinesischen Behörden weitergegeben. Nun ist er endlich wieder frei. Amnesty-Aktivisten aus der ganzen Welt hatten sich für ihn eingesetzt.

Von Daniel Kreuz

Seine Geschichte begann am 20. April 2004, als Shi Tao, der damals bei einer Zeitung in Changsha arbeitete, eine Redaktionssitzung besuchte. Auf der Tagesordnung stand eine Direktive der Kommunistischen Partei Chinas über das Verhalten im Vorfeld des 15. Jahrestages der Demonstrationen am Tiananmen-Platz. Die Direktive warnte vor möglichen Aufständen und der Infiltration durch »demokratische Kräfte« und feindliche ausländische Elemente in der Zeit um den Jahrestag. Die Medienvertreter wurden angewiesen, »die öffentliche Meinung korrigierend zu beeinflussen« und »keine Meinungen, die der zentralen Politik zuwider liefen, zu veröffentlichen«.

Shi Tao schrieb die Inhalte der Sitzung mit und sendete von seinem Büro aus über seine private E-Mail-Adresse eine Zusammenfassung der Direktive an Hang Zhesheng, einen Mitarbeiter der New Yorker »Asia Democracy Foundation« und Chefredakteur der Website »Democracy Forum«. Um anonym bleiben zu können, gab Shi Tao als Absender den Zahlencode 198964 an. Am selben Tag wurde sein Text unter eben diesem Pseudonym im »Democracy Forum« veröffentlicht.

Im Mai 2004 kündigte Shi Tao seinen Job bei der Zeitung, um als freier Journalist weiterzuarbeiten. Am 24. November 2004 wurde er von Einsatzkräften der Staatssicherheit verhaftet, seine Wohnung wurde durchsucht und Computer beschlagnahmt. Im April 2005 wurde er wegen »Weitergabe von Staatsgeheimnissen« zu zehn Jahren Haft verurteilt.

Shi Tao war also nicht anonym geblieben. Sein Internet-Anbieter »Yahoo Holdings (Hongkong) Ltd.« hatte anhand der IP-Adresse den Standort des Sendercomputers ermittelt und an die chinesischen Behörden weitergegeben. Damit hat Yahoo zur Verhaftung Shi Taos beigetragen. Yahoo hatte auf Verlangen der chinesischen Behörden eine »Selbstverpflichtung der Internetbranche« unterzeichnet und damit faktisch zugestimmt, die drakonischen Zensur- und Kontrollmechanismen Chinas anzuerkennen. Erst nach massiver Kritik an diesem Verhalten willigte Yahoo 2007 ein, Shi Taos Familie finanziell zu unterstützen sowie einen humanitären Fonds für andere Dissidenten und deren Angehörige einzurichten.

Nach seiner Verurteilung hatten sich weltweit Amnesty-Aktivisten für die Freilassung von Shi Tao eingesetzt, unter anderem im Rahmen des Briefmarathons, der Kampagne »Gold für Menschenrechte« und mit Aktionen wie »1.000 Lichter für Shi Tao«. Am 23. August 2013 wurde der Journalist nach acht Jahren und vier Monaten vorzeitig aus der Haft entlassen. Er bedankte sich für den jahrelangen Einsatz: »Ich bin Amnesty aufrichtig dankbar für die Unterstützung und Zuwendung, die Sie meiner Mutter und mir über diese Jahre geschenkt haben. Die Hilfe und Ermutigung von Freunden in der ganzen Welt haben uns beiden geholfen, diese schwierige und einsame Zeit zu überstehen. Ich habe Ihre Briefe erhalten, und konnte sie noch nicht alle lesen. Ich werde aber jeden einzelnen lesen. Vielen Dank an Sie alle!«

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