Amnesty Journal China 17. November 2011

Spitzname ­"Konterrevolution"

Liao Yiwu hat mit seinem Zeugenbericht aus ­chinesischen Gefängnissen das Pendant zu Alexander Solschenizyns »Archipel GULAG« geschrieben. Der Preis dafür ist hoch.

Von Maik Söhler

War es das wert? »Wegen deines Gedichts ›Massaker‹ hast du vier Jahre im Knast gesessen, ich denke, das war es wert«, schreibt der chinesische Menschenrechtler und Friedensnobelpreisträger Liu Xiaobo im Vorwort zum Gefängnisbericht Liao Yiwus, der im Juli auf Deutsch unter dem Titel »Für ein Lied und hundert Lieder« erschienen ist.

Heute ist Liao Yiwu ein freier Mann. Er lebt in Deutschland, ein Stipendium des Deutschen Akademischen Austauschdienstes sichert seinen Aufenthalt ökonomisch ab. Doch noch immer mag der chinesische Staat nicht von ihm lassen. Die Ausreise wurde nur unter der Bedingung gewährt, dass der Autor fortan nichts mehr publiziert. Liao hat zugestimmt – und die Abmachung gebrochen. Sein Buch liegt nun vor, weitere Texte von ihm sollen folgen. Einer erpresserischen Floskel nur so lange Folge zu leisten, bis man in Sicherheit ist und dann nicht mehr – nicht nur die Freiheit der Kunst und der Meinung sagen einem: Das war es wert.

Aber alles andere? Im März 1990 schlug das chinesische Amt für öffentliche Sicherheit zu: Zahlreiche Dichter und Künstler wurden wegen »konterrevolutionärer Aktivitäten« vorgeladen, vor Gericht gestellt und inhaftiert. Unter ihnen befand sich auch Liao Yiwu, ein bis dahin weitgehend unbekannter Autor. Zum Verhängnis wurde ihm sein Gedicht »Massaker«, das im Juni 1989 vor, während und nach dem Studentenaufstand auf dem Tiananmen-Platz in Peking als lyrisches Dokument gegen die Repression die Runde machte.

Fast vier Jahre musste Liao Yiwu hinter Gittern verbringen – bis zum 26. Mai 1994. Verschiedene Gefängnisse, Umerziehung durch Arbeit, Verhöre, Schikanen, Folter, Vergewaltigung, Knast­alltag in überfüllten Zellen, Todesdrohungen, Schwerstarbeit – kaum eine Qual blieb ihm erspart. Seine Ehe war anschließend zerrüttet, die eigene Tochter wies ihn als Fremden von sich. Und auch nachdem die Zeit im Gefängnis vorbei war, dauerte die staatliche Verfolgung an.

»Am 10. Oktober 1995 stürmte die Polizei überraschend meine Wohnung in Chengdu, konfiszierte das Manuskript dieses Buches, das kurz vor dem Abschluss stand, und verkündete, ich würde nach dem Gesetz für zwanzig Tage unter bewachten Hausarrest gestellt. In dieser Situation blieb mir nichts anderes übrig, als das ganze Buch noch einmal zu schreiben, was mich drei Jahre meines Lebens kostete.« War es das wert? Was sein Leben angeht, kann Liao diese Frage nur selbst beantworten. Was sein Buch angeht, so kann der Leser nur sagen: Ja.

»Für ein Lied und hundert Lieder« liefert den bislang detailreichsten Einblick in das chinesische Gefängnissystem der Gegenwart. Auch wenn es sich um Literatur handelt und die Schilderungen von subjektiven Erfahrungen des Autors durchwirkt sind, bleibt am Ende ein aussagekräftiges Dokument bestehen, das Auskunft gibt über die Zustände im Untersuchungsgefängnis Geleshan in Chongqing und im dortigen Gerichtsgefängnis oder über jene im Provinzgefängnis Nr. 2 in Sichuan sowie in einer Vollzugsanstalt im Kreis Dazhu, die der »Umerziehung durch Arbeit« dient.

Gleich aus dem ersten Gefängnis überliefert Liao ein umfassendes Register an Strafen, denen Gefangene unterworfen sind und die von anderen Gefangenen aus derselben Zelle vollzogen werden: Schläge; Misshandlungen mit Gegenständen, Feuer, heißem Wasser; Demütigungen mit Urin und Kot oder sexueller Art; Zwang zu stundenlangen Unterwerfungsgesten. Unklar bleibt, inwieweit dieses Register, von Liao salopp »Speisekarte« genannt, von der Gefängnisleitung und dem Aufsichtspersonal angeordnet bzw. angeregt wurde oder ob es sich die Gefangenen selbst gegeben haben, um drohende Kollektivstrafen wegen möglicher Verfehlungen Einzelner abzuwenden.

Die Zellen, in denen der Autor gelebt hat, sind chronisch überbelegt. Die Zellenhierarchie gibt vor, wer wo zu schlafen und wer welche Dienste zu übernehmen hat. Die Plätze der Neulinge sind in der Regel nahe der Latrine, bei der Essensausgabe müssen sie warten, bis alle anderen etwas bekommen haben. Das Essen ist dürftig: dünne Suppe, Brot, Reis – von allem zu wenig. Im Übermaß sind hingegen Läuse, Ungeziefer und Krankheitserreger vorhanden. Regelmäßig kommt es zu Übergriffen der Gefängniswärter, der Elektroknüppel begleitet den Leser über Hunderte von Seiten. In Extremfällen dient er als Instrument zur Vergewaltigung.

Als politischer Häftling – Spitzname: »Konterrevolution« – und Intellektueller genießt Liao rasch Ansehen unter den Gefangenen. Er schreibt Briefe für seine Zellenkameraden und agiert geschickt im Machtgefüge der diversen Knasthierarchien. So bleiben ihm einige Demütigungen und Drangsalierungen erspart. Aus seiner Perspektive sehen wir, wie trotz der täglichen Schikane auch Solidarität unter den Gefangenen entsteht, die vor allem die zum Tode Verurteilten erfahren.

Der Umgang des Regimes mit den Inhaftierten ist widersprüchlich. Auf Phasen der Strenge folgen Erleichterungen, die Ursache dafür können ein erfolgreicher Hungerstreik sein, aber auch eine neue Direktive der Regierung, der Provinzverwaltung oder des Gefängnisleiters. Vor allem die Öffnung Chinas zum Weltmarkt hat Verbesserungen für die Gefangenen zur Folge, wenn diese auch bei weitem nicht in jeden Kerker vordringen.

Doch der Autor muss, kurz nachdem er wieder in Freiheit ist, auch feststellen: »Das Gemetzel vom 4. Juni (Tag der Niederschlagung der Tiananmen-Proteste, Anm. d. Red.) jährt sich zum elften Mal, die Blutspuren sind verblasst wie die Erinnerungen, der Tag, an dem wir unser Schicksal in die eigene Hand nehmen können, ist in weite Ferne gerückt. Die Massen, die sich wie von Sinnen in die Umwandlung des Landes gestürzt hatten, sind über Nacht so pragmatisch geworden, so einig in ihrer Liebe zum Geld.« Und so bleibt am Ende des Buches eine große Frage unbeantwortet: War es das wert?

Liao Yiwu: Für ein Lied und hundert Lieder. Ein Zeugenbericht aus chinesischen Gefängnissen. Aus dem Chinesischen von Hans Peter Hoffmann. S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2011, 592 Seiten, 24,95 Euro

Der Autor ist Kulturjournalist und lebt in Berlin.

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