Amnesty Journal Mexiko 22. März 2011

"Amnesty hat uns im Blick"

Abel Barrera: Menschenrechtler und Preisträger

Abel Barrera: Menschenrechtler und Preisträger

Ein Gespräch mit Abel Barrera Hernández, Leiter des Menschenrechtszentrums
»Tlachinollan« und Träger des Menschenrechtspreises 2011 der deutschen Amnesty-Sektion.

Sie stammen aus einer Mittelschichtsfamilie, heute widmen Sie ihr Leben der indigenen Bevölkerung. Hatten Sie damals schon Kontakt mit Indigenen?
Meine Kindheit war vom Konflikt zwischen Indigenen und Mestizen bestimmt: Ich lebte mit den Kindern unserer Haushälterin zusammen und spielte mit indigenen Mitschülern. Ich spürte, dass sie mich sehr schätzten. Doch meine Eltern wollten, dass ich mich mit meinen Geschwistern beschäftige, nicht mit den »Indios«. Ich sollte mich nicht mit dieser »minderwertigen« Kultur vergleichen, obwohl meine Großeltern aus einer indigenen Gemeinde stammen. Das rief in mir eine tiefe Krise hervor, ohne dass ich damals richtig verstand, warum.

Sie gingen ins Priesterseminar, studierten Theologie. Prägte diese religiöse Ausbildung ihr jetziges Leben?
Die Religion spielte eine wichtige Rolle. In meiner Studienzeit arbeitete ich mit kirchlichen Vertretern zusammen, die sich der Befreiungstheologie widmeten. Doch um zu begreifen, warum Indigene diskriminiert werden, musste ich mit meinen familiären und religiösen Denkstrukturen, mit den Denkformen der mestizischen Gesellschaft, brechen. Ich wollte die Indigenen begleiten, stellte aber fest, dass das mit religiösem Einsatz nicht zu leisten war. Ich wollte ihnen als Bürger nahe sein und zugleich Werkzeuge besitzen, um in ihre Welt einzutauchen. Ihre Kultur, Rituale und Visionen waren ja auch für mich ein Mysterium. Deshalb studierte ich Anthropologie. Das lehrte mich auch zu respektieren, dass die tatsächlichen Einwohner unserer Region die Indigenen sind.

Später gründeten Sie das Menschenrechtszentrum »Tlachinollan«. War das eine Konsequenz aus den Erfahrungen, die Sie in den indigenen Gemeinden sammelten?
Die Menschenrechte kamen erst nach dem Aufstand der Zapatisten in Chiapas 1994 ins Spiel. In ganz Mexiko herrschte damals eine Aufbruchstimmung, die Indigenen wurden zu wichtigen Akteuren. Ich war in laizistischen Gruppen tätig, aber mit einer neu entstandenen Diözese begannen wir, uns für die Menschenrechte einzusetzen. Kurz darauf entstand »Tlachinollan«.

Die Region La Montaña galt schon vorher als rebellisch…
Es gab hier große Agrarkonflikte, Lehrer kämpften für soziale Gerechtigkeit, seit den siebziger Jahren gibt es auch Guerillagruppen. Diese Kämpfe richteten sich gegen die Kaziken, die lokalen Machthaber. Die Menschenrechte und die Rechte der indigenen Völker spielten jedoch keine Rolle, es ging um Klassenkampf. Das änderte sich eben mit den Zapatisten, und wir haben aus menschenrechtlicher Perspektive auf die Diskriminierung der Indigenen und den Machtmissbrauch der Kaziken hingewiesen.

Was bei Eliten und Militärs auf Widerstand stieß…
Die Regierung betrachtete uns als zivilen Arm der bewaffneten Gruppen. Dabei hatten wir ganz andere Interessen: Wir wandten uns gegen Folter, Misshandlung und sexuelle Gewalt von Seiten der Soldaten. Noch heute werden wir deshalb als »persona non grata« denunziert. Man wirft uns vor, das dreckige Spiel der organisierten Kriminalität zu spielen. Mit unseren Veröffentlichungen würden wir die Armee schwächen.

Werden Sie von den Behörden als Feind gesehen?
Natürlich sind wir ein unbequemer Akteur, weil wir die Regierung bloßstellen. Zugleich respektiert man uns aber auch. Wir besitzen ein soziales, ethisches Kapital, das es uns erlaubt, auch mit dem Innenministerium oder der Staatsanwaltschaft zu reden. Selbst mit dem Militär gibt es einen Austausch, etwa wenn Soldaten auf ein Feld getrampelt sind oder Tiere gestohlen haben …

… die einfacheren Fälle …
Das sollte man nicht unterschätzen. Wir beschäftigen uns nicht nur mit den großen, strategischen Fällen. Im Gegenteil: Häufig suchen wir Lösungen am Runden Tisch, auf Gemeindeversammlungen oder bei Ortsterminen in den Flussbetten. Dort treffen wir uns mit den Menschen, dort entsteht die Identität des Menschenrechtsverteidigers, ausgehend von der Situation der Frauen, der Jugendlichen, den Lehrern, den Migranten oder denen, die das Land kultivieren. Da entsteht die Geschichte von »Tlachinollan«.

Sie leben in ständiger Gefahr. Die Außenstelle von »Tlachinollan« in Ayutla wurde nach der Ermordung eines Mitarbeiters geschlossen. Wie halten Sie diesem Druck stand?
Das ist nur zu ertragen, wenn man vollkommen von seinem Tun überzeugt ist. Sonst wird man die erste Gelegenheit nutzen, um das Weite zu suchen. Nach 17 Jahren leben wir heute mit größeren Risiken als damals, als wir mit der Arbeit anfingen.

Amnesty International fordert vom mexikanischen Staat, Ihre Sicherheit zu gewährleisten. Ist das sinnvoll, wenn doch häufig gerade Soldaten, Polizisten oder Politiker für Angriffe auf Menschenrechtsverteidiger verantwortlich sind?
Natürlich sind wir misstrauisch. Aber Mexiko hat sich in internationalen Verträgen verpflichtet, dafür zu sorgen, dass wir sicher arbeiten können. Außer den staatlichen Behörden gibt es keine Instanz, die diese Vereinbarungen einhalten muss. Wir ­haben schon mehrmals von den Behörden eingeklagt, dass sie wegen der Drohungen ermitteln. Zum ersten Mal, als ich im Jahr 2001 bedroht wurde. Leider ist dabei nie etwas herausgekommen, auch entsprechende Anweisungen des Interamerikanischen Menschenrechtsgerichtshof werden einfach nicht umgesetzt. Die mexikanische Regierung fühlt sich nicht in der Pflicht, unser Leben und unsere Integrität zu garantieren.

Amnesty International macht immer wieder auf die Situation von »Tlachinollan« aufmerksam. Hat das Ihre Bedingungen verbessert?
Wir verfügen nicht über große Netzwerke, um das, was hier passiert, weltweit öffentlich zu machen, und Amnesty macht unsere Fälle auf internationaler Ebene sichtbar. Zudem kann Amnesty auf viele solidarische Menschen zurückgreifen und schnell reagieren. Amnesty hat uns im Blick und das hilft uns.

Sie sind mit dem Menschenrechtspreis 2011 der deutschen ­Amnesty-Sektion ausgezeichnet worden. Was bedeutet das für Sie persönlich?
Es hat mir zu denken gegeben. Diesen Preis verdienen eigentlich diejenigen, die Folter und Misshandlung erleiden mussten. Jene, die auf dem Erdboden die Nacht verbringen und hungrig einschlafen müssen. Sie lehren uns, wie man von unten kämpft. Sie sind die Helden der Menschenrechtsgeschichte. Deshalb ist es etwas unangenehm, dass diese Anerkennung auf mich fokussiert ist. Aber diesen Leuten wird der Preis Stärke geben. Ich will mit ihnen teilen, was sie in diesen Jahren geschaffen haben.

Fragen: Wolf-Dieter Vogel

Interview: Abel Barrera Hernández
Geboren am 10. April 1960, wuchs Abel Barrera Hernández als eines von vier Kindern in Tlapa de Comonfort im südmexikanischen Bundesstaat Guerrero auf. Mit 13 Jahren schickten ihn seine Eltern aufs Priesterseminar, dann folgten Studienjahre in Mexiko-Stadt. Nach Abschluss eines Theologie- und eines Anthropologiestudiums kehrte er 1991 in seine Heimat ­zurück. In den Folgejahren machte er anthropologische Untersuchungen in indigenen Gemeinden der Bundesstaaten Puebla, Veracruz und Guerrero. 1994 gründete er mit fünf Mitstreitern das Menschenrechtszentrum der Region La Montaña »Tlachinollan«. Sechs Jahre lang war die Organisation im Hotel von Barreras Vater untergebracht, bis sie in ein neues Gebäude umzog. Dort sind heute 25 Menschen für »Tlachinollan« tätig. Barrera veröffentlichte zudem zahlreiche Artikel und Forschungsarbeiten über Menschenrechtsverletzungen sowie Geschichte, Mythologie und Kultur indigener Völker.

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