Amnesty Journal Usbekistan 19. Juli 2010

Harmlos, aber gefährlich

Menschenrechtsaktivisten und unabhängige ­Journalisten müssen in Usbekistan schon seit langem vorsichtig sein. Sie werden bedroht, ­geschlagen, verhaftet und inhaftiert. Viele mussten das Land verlassen. Nun richtete sich die Repression erstmals gegen eine Künstlerin.

Von Imke Dierßen

Die Fotografien zeigen Menschen vor beeindruckenden Landschaften oder in ihrem Alltag: Kinder spielen auf der Straße, Männer und Frauen in traditioneller Kleidung beten, feiern oder unterhalten sich, Menschen mähen Getreide oder fegen die Straße, Ware liegt zum Verkauf aus. Es ist zumeist das einfache Landleben, das gezeigt wird. Manch einem mögen diese Bilder zu folkloristisch sein, bei anderen wecken sie vielleicht ein Interesse an Usbekistan. Die Obrigkeit jedoch betrachtet diese Fotos neuerdings als Politikum und hat die Künstlerin vor Gericht gestellt.

Die Fotografin und Filmemacherin Umida Ahmedova veröffentlichte die Bilder bereits 2007 in dem Band »Männer und Frauen: von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang«. Für ihre ­Arbeiten erhielt sie internationale Anerkennung. Ihr Fotoband wurde damals aber auch in Usbekistan offiziell präsentiert und von den Medien positiv aufgenommen. Im Januar 2010 wurde sie jedoch wegen Beleidigung und Verunglimpfung des usbekischen Volkes angeklagt.

Die Anklage bezieht sich nicht nur auf den Fotoband, sondern auch auf den Dokumentarfilm »Die Last der Jungfräulichkeit«. Darin setzt sich Umida Ahmedova kritisch mit der Tradition auseinander, wonach Frauen in ihrer Hochzeitsnacht ihre Jungfräulichkeit unter Beweis stellen müssen und damit, welche Benachteiligungen sie erleiden, wenn sie dies nicht können. Die Dokumentation wurde schon 2008 produziert, der breiten Öffentlichkeit jedoch bisher nicht gezeigt.

Auf Veranlassung der staatlichen Presse- und Informationsagentur wurden gegen Umida Ahmedova im Dezember 2009 strafrechtliche Ermittlungen eingeleitet und eine sogenannte Expertengruppe eingesetzt. Die »Experten« kamen zu dem Schluss, dass Fotoband und Film das Ansehen Usbekistans beschädigen, nationale Traditionen schlecht machen und geistige und moralische Werte untergraben würden. Der Fotoband zeige bewusst die »dunklen Seiten des Lebens in Usbekistan«. Die Arbeiten von Umida Ahmedova dürften nicht mehr öffentlich gezeigt werden, lautete die Empfehlung.

Die Vorwürfe von staatlicher Seite kamen für Umida Ahmedova überraschend. »Auf meinen Fotos und in meinen Filmen zeige ich ganz normale Menschen. Manche leben so, andere ­anders. Das ist die Realität. Daran ist doch nichts Negatives, das beleidigt doch das Land nicht«, sagte die Künstlerin in einem Interview mit der ARD. »Und jetzt soll ich ins Gefängnis gehen, nur weil einige Leute – aus welchen Gründen auch immer – denken, meine Bilder zeigten ein negatives Bild von Usbekistan. Das ist völlig absurd.«

Umida Ahmedova muss zwar nicht ins Gefängnis, sie ist nun aber vorbestraft. Im Februar wurde sie von einem Gericht in Taschkent schuldig gesprochen, gleichzeitig jedoch vom ­Vorsitzenden Richter begnadigt. Das überrascht ein wenig. Das staatliche Fernsehen hatte vor der Verhandlung eine Diskussionsrunde ausgestrahlt, in der insbesondere der Film heftig kritisiert und für die 54-Jährige die Höchststrafe von drei Jahren gefordert wurde. Andererseits hat der Fall international viel Empörung hervorgerufen. Dies mag eine Erklärung dafür sein, dass Umida Ahmedova auf freiem Fuß blieb.

Während die Bilder von Umida Ahmedova das Alltagsleben einfacher Leute zeigen, möchte sich Usbekistan als modernes, prosperierendes Land darstellen. Die usbekische Botschaft in Berlin wirbt mit hohen Wachstumsraten und einer gut ausgebauten Verkehrsinfrastruktur. Tatsächlich verfügt das Land über erhebliche Uran- und Goldvorkommen, Erdöl und Erdgas. Auch die Baumwollproduktion ist von Bedeutung. Allerdings profitiert nur eine kleine Elite von den wirtschaftlichen Ressourcen des Landes, auch die Familie des Präsidenten Islam Karimow ist darunter. Die große Mehrheit der Bevölkerung lebt in Armut. Insbesondere im ländlich geprägten Ferghana-Tal birgt diese ­Situation ein Unruhepotential. Der usbekischen Regierung ist nicht daran gelegen, den Blick darauf zu lenken.

Umida Ahmedova ist bei Weitem nicht die Einzige, die in ­Usbekistan wegen ihrer Meinung mit dem Staat Probleme bekommen hat. Es ist aber das erste Mal, dass sich eine Künstlerin wegen ihrer Kunst vor Gericht verantworten musste. Menschenrechtsaktivisten und unabhängige Journalisten müssen in Usbekistan schon seit langem vorsichtig sein. Sie werden wegen ihrer Haltung bedroht, geschlagen, verhaftet und inhaftiert oder sie mussten das Land verlassen. Seit der blutigen Niederschlagung von Protesten in der Stadt Andischan im Ferghana-Tal im Jahr 2005 hat sich die Menschenrechtslage verschlechtert.

Damals eröffneten Sicherheitskräfte das Feuer auf mehrheitlich friedliche Demonstranten. Mehrere Hundert Menschen starben. Anlass des Protests war ein Verfahren gegen 23 angesehene Unternehmer der Region. Die meisten Redner bei der Demonstration kritisierten das wirtschaftliche Elend und zu hohe Steuern. Die Ereignisse in Andischan sind bis heute nicht von unabhängiger Seite aufgeklärt worden. Diejenigen, die sich darum bemühen, sind gefährdet.

Menschenrechtsverteidiger und Journalisten wurden festgenommen und in unfairen Gerichtsverfahren zu langjährigen Haftstrafen verurteilt. Erst durch internationalen Druck kamen manche unter Auflagen frei. Insgesamt blieb der internationale Protest gegen die Menschenrechtsverletzungen in Usbekistan jedoch halbherzig und die usbekische Regierung lässt sich nicht beirren. Mindestens zehn Menschenrechtsverteidiger sitzen weiterhin unter menschenunwürdigen Bedingungen im Gefängnis. Der Kontakt zu ihren Angehörigen und Anwälten ist ihnen nur eingeschränkt erlaubt. Auch sollen sie gefoltert und misshandelt worden sein.

Im vergangenen Jahr verurteilten usbekische Gerichte mindestens drei Menschenrechtsverteidiger zu langen Gefängnisstrafen, um sie vor allem für ihre Aktivitäten zur Verteidigung der Rechte von Bauern zu bestrafen. Auch die beiden Menschenrechtler Azam Farmonov und Alisher Karamatov sind immer noch in Haft. Im Juni 2006 wurden sie zu neun Jahren Gefängnis verurteilt. Sie hatten sich für die Rechte von Bauern stark ­gemacht, die sich über Amtsmissbrauch, Erpressung und Korruption der Behörden beklagt hatten. Beide sind gefoltert worden. Alisher Karamatov hat im Gefängnis fast die Hälfte seines Körpergewichts verloren und ist an Tuberkulose erkrankt.

Aktivisten, die sich für die Rechte der Bevölkerung einsetzen und Unrecht anklagen, leben schon seit Jahren nicht mehr sicher. Neuerdings werden nun auch Künstler, die sich selbst als unpolitisch wahrnehmen, von den Machthabern verfolgt. Das Gerichtsverfahren gegen Umida Ahmedova ist vielleicht eine Warnung an andere Künstler. Sie selbst möchte weiter fotografieren und Filme drehen, muss dabei aber jetzt vorsichtig sein.

Die Autorin ist Referentin für Europa und Zentralasien der deutschen ­Amnesty-Sektion.

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