Amnesty Journal Vereinigte Staaten von Amerika 05. Oktober 2020

"Empörung motiviert mich"

Geschichten erzählen, um Veränderung zu bewirken: Dave Eggers gehört zu den bekanntesten und politisch engagiertesten Autoren in den USA.

Der Schriftsteller Dave Eggers über die antirassistische Bewegung in den USA, Polizeiarbeit, künstlerische Produktivität unter Donald Trump und seine Erwartungen an den nächsten Präsidenten.

Interview: Tobias Oellig

Wenn Sie sich anschauen, was in Ihrem Land passiert, was geht da in Ihnen vor?

Hinter mir liegen vier Jahre der rasenden Wut, Empörung, Sorge, Depression, Verwirrung und Enttäuschung. Das waren die schlimmsten vier Jahre in der Geschichte unseres Landes. Der einzige Lichtblick in dieser schrecklichen Zeit – in der 170.000 Menschen unnötigerweise gestorben sind – ist, dass sich nun endlich viele Wählerinnen und Wähler von Donald Trump abwenden. Weil sie in dieser doppelten Krise endlich realisieren, wie inkompetent und gefährlich er ist.

Sie haben etliche Kundgebungen von Trump journalistisch ­begleitet und viele seiner Wählerinnen und Wähler kennen­gelernt…

Ja. Zum Beispiel im Dezember 2019 in Pennsylvania, als die Wirtschaft noch boomte. Interessant war, dass alle, mit denen ich sprach, Vorbehalte gegenüber Trump hatten. Aber sie sagten auch, dank seiner Politik hätten sie mehr Geld im Portemonnaie als zuvor, und das sei entscheidend. Nachdem dieser Faktor nun schwindet, wenden sich die Wechselwählerinnen und Wechselwähler wieder ab.

Es erscheint kaum nachvollziehbar, dass jemand zuerst Obama und dann Trump wählt.

Viele US-Amerikanerinnen und US-Amerikaner wollen ­Wandel um seiner selbst willen. Sie fühlen sich von Neuem ­angezogen, wollen experimentieren. Im Lauf der Zeit hat sich in den USA die Idee entwickelt, dass es zwischen Ruhm und Regierung keinen Unterschied gibt. Selbst progressive Leute sagen: "Wir wollen Oprah Winfrey gegen Trump antreten sehen!" ­Beliebtheit wird mit der Qualifikation für das Präsidialamt gleichgesetzt. Leute, die regieren, sollten jedoch beständig, ­vielleicht sogar langweilig sein. Und eben nicht jemand, der in einer Reality-Show auftritt.

Klingt fast so, als wäre Angela Merkel eine Idealbesetzung.

Wir schauen auf Angela Merkel und sind sehr neidisch. Ich bin seit langer Zeit ein Fan von ihr. Insbesondere, als in Europa die Zäune hochgezogen wurden und sie all die Flüchtlinge willkommen geheißen hat. Das gleiche gilt für die Regierungen in Neuseeland, Norwegen oder Kanada. Wir sehnen uns nach einer radikal anderen Herangehensweise an Politik, die nichts mit Charisma und Berühmtheit zu tun hat.

Wir schauen auf Angela Merkel und sind sehr neidisch.

Dave
Eggers
Schriftsteller

 

Trotzdem haben fast 63 Millionen Wählerinnen und Wähler für Trump gestimmt und ihm das Wohl des Landes anvertraut.

Was nur ein Zustand kompletten kollektiven Wahns sein kann. Aber wir werden das abschütteln und sagen: "Was war das denn?!" Selbst seine treusten Wählerinnen und Wähler werden ihn bald vergessen. Die nationale Aufmerksamkeitsspanne ist nicht sehr groß. Wenn wir zurückblicken, werden wir keine ­dauerhaften Errungenschaften dieser Regierung sehen. Nur die Ernennung Hunderter Richterinnen und Richter hat Folgen.

Glauben Sie, dass aus dem "Black Lives Matter"-Protest eine neue Bewegung hervorgeht, die das Potenzial für Wandel in sich trägt?

Was gerade entsteht, gehört zu den inspirierendsten politischen Bewegungen, die ich miterlebt habe. Ein Großteil dieser politischen Energie könnte auch wieder verpuffen. Wenn wir ­jedoch ein Jahr lang auf das Wesentliche konzentriert bleiben, ist ein nachhaltiger Wandel möglich. Ich hoffe sehr, dass das ­geschieht.

Ihr im Jahr 2011 veröffentlichter Roman "Zeitoun" ist erschreckend aktuell. Der Protagonist Abdulrahman Zeitoun paddelt allein durch das überflutete New Orleans, um zu helfen. Er wird willkürlich festgenommen und für Wochen ins Gefängnis gesteckt, erlebt also "Racial Profiling". Glauben Sie, dass die antirassistischen Demonstrationen dazu beitragen, das "Racial Profiling" zu überwinden?

Es wird schwierig sein, das komplett zu überwinden. Die Art, wie die Polizei rekrutiert und ausbildet, die Vorurteile, mit denen Polizistinnen und Polizisten aufwachsen und die Struktur des Polizeiapparats – all das macht Veränderung sehr schwer. Wir haben ein eigenwilliges Polizeisystem mit nur wenigen Bundesrichtlinien, sodass es in jedem Bundesstaat und jeder Stadt unterschiedliche Strukturen gibt. Aber weil immer mehr Polizistinnen und Polizisten wegen Mordes strafrechtlich verfolgt werden und auch, weil sie nun wissen, dass sie möglicherweise gefilmt werden, wird sich das System allmählich verändern.

"From Guardian to Warrior" beschreibt den Wandel der Polizei in den vergangenen 30 Jahren. Polizistinnen und Polizisten waren mal für Schutz zuständig, nun wirken sie wie Kriegerinnen und Krieger.

Weniger Mittel für die Militarisierung, weniger hochgerüstete Spezialeinheiten und weniger gepanzerte Fahrzeuge wären ein Schritt in die richtige Richtung. Stattdessen hat man in den vergangenen 30 Jahren lokale Polizeikräfte mit der ausrangierten militärischen Ausrüstung aus dem Irak und aus Afghanistan ausgestattet. Der Effekt gab der Strategie recht: Die Kriminalitätsraten gingen zurück. Aber es entstand auch eine Kluft zwischen Ordnungskräften und Bevölkerung. Die Polizei wird fast schon als Besatzungsmacht empfunden. Polizistinnen und Polizisten erschießen um die tausend Menschen pro Jahr, doch nur etwa ein oder zwei Prozent von ihnen werden strafrechtlich verfolgt.

Auch die Bürgerinnen und Bürger decken sich seit Beginn der Corona-Pandemie mit noch mehr Waffen ein.

In den USA gibt es, grob geschätzt, 330 Millionen Waffen. Es gab Fälle, in denen Kundinnen und Kunden, die aufgefordert wurden, im Supermarkt eine Maske zu tragen, die Angestellten mit Waffen bedroht haben. Angestellte von Walmart oder Target haben schon gekündigt – aus Angst vor Leuten, die Masken verweigern, zu ihrem Auto gehen und mit einer Waffe zurückkommen. Gleichzeitig gibt es aber auch Tausende von Protestveranstaltungen im ganzen Land, die völlig friedlich verlaufen.

 

Empörung motiviert mich. Es dauert lange, ein Buch zu schreiben. Und manchmal braucht es diesen Treibstoff, das Gefühl von Ungerechtigkeit, um mich durch die jahrelange Recherche zu tragen und eine Geschichte zu erzählen, die sonst vergessen wird.

Dave
Eggers
Schriftsteller

 

Kann die Corona-Krise auch als Katalysator wirken, um Solidarität zu erzeugen und Wandel zu beschleunigen?

Die Krise hat viele unserer systematischen Ungleichheiten und Irrationalitäten offengelegt, vor allem hat sie klargemacht, wie dysfunktional unser Gesundheitssystem ist. Wir hätten auf diese Krise bestens vorbereitet sein müssen. Aber wir haben ­weder eine Führung noch ein funktionierendes System – jeder Bundesstaat und jede Stadt handelt anders. Und mitten in diesem Schlamassel hat Präsident Trump "Obamacare" demontiert, was dazu geführt hat, dass 5,4 Millionen Menschen während der Pandemie ihre Krankenversicherung verloren.

Ich hoffe, dass wir unter einem Präsidenten Joe Biden einer allgemeinen Krankenversicherung wieder näher kommen, die eigentlich nur eine Verlängerung dessen ist, was bereits Franklin D. Roosevelt mit der Sozialversicherung auf den Weg gebracht hat. Aber die Republikanische Partei hat zusammen mit der ­Versicherungsbranche eine erfolgreiche Propagandakampagne gestartet, wonach ein bezahlbarer Zugang zur Gesundheitsversorgung Kommunismus bedeutet.

Ein Mann mit strohblondem Haar und blauem Jacket zeigt mit seinem linken Zeigefinger auf eine dunkle Mauer.

Immer im Einsatz für die Mauer: Donald Trump in San Luis, Arizona, Juni 2020

 

Sie haben eine Trump-Satire geschrieben, "Der größte Kapitän aller Zeiten" Ein clownesker Kapitän steuert sein Schiff an den Abgrund. Taugt der Präsident wenigstens als Inspiration für Ihre schriftstellerische Arbeit?

Nein. Trump mag ergiebig sein für Satire, aber ich hätte alles dafür gegeben, das Ergebnis der Wahl von 2016 zu ändern und diese vier Jahre nicht durchmachen zu müssen.

Zu viele haben gelitten. Und es schmerzt immer noch, jeden Tag. Freunde sind abgeschoben worden. Eine Familie, die mir nahesteht, lebt seit anderthalb Jahren in einer Kirche in Richmond, Virginia, um ihrer Abschiebung zu entgehen. Andere Freunde, die vom "muslim ban" betroffen waren, wurden von ihren Familien getrennt. Das Leiden ist so weitverbreitet und so entkräftend für die Seele.

Neben der Trump-Satire haben Sie fast gleichzeitig ein weiteres Buch veröffentlicht: "Die Parade", eine Parabel über westliche Entwicklungsarbeit. Die Zeit unter Trump scheint für Sie als Schriftsteller fruchtbar gewesen zu sein.

Es ist mir sehr schwer gefallen, zu arbeiten. Auch von anderen Künstlerinnen und Künstlern weiß ich, dass sie sich kaum auf ihre Arbeit konzentrieren und etwas fertigstellen konnten. Ich will jetzt einfach nur einen Präsidenten, der zu Menschlichkeit und Empathie fähig ist und die Menschenrechte respektiert.

Ihre Romane behandeln immer wieder Menschenrechte und andere politische Themen. Was motiviert Sie?

Wenn ich Fiktion schreibe, die politische Ereignisse aufgreift, wie in meinem Roman "Weit gegangen", dann treibt mich oft Empörung an. Empörung motiviert mich. Es dauert lange, ein Buch zu schreiben. Und manchmal braucht es diesen Treibstoff, das Gefühl von Ungerechtigkeit, um mich durch die jahrelange Recherche zu tragen und eine Geschichte zu erzählen, die sonst vergessen wird, eine Person vorzustellen, die in den Strom der Geschichte gerät. Keiner der Menschen, über die ich geschrieben habe, wäre sonst in Erinnerung geblieben.

Als ich "Der Mönch von Mokka" geschrieben habe, hat mich empört, dass die USA Tausende US-Jemenitinnen und US-Jemeniten im Stich gelassen haben, die im Jemen feststeckten. Wir ­taten nicht, was wir hätten tun sollen, uns um unsere Bürgerinnen und Bürger zu kümmern. Ich wollte eine Geschichte erzählen, die unser moralisches Versagen beleuchtet. In den Romanen "Zeitoun", "Weit gegangen" und "Der Mönch von Mokka" ging es darum, dass die USA ein sicherer und einladender Ort für Eingewanderte sind, an dem sie jedoch auch unter die Mühlsteine unmenschlicher politischer Richtlinien geraten können.

Auch die von ihnen mitgegründete Organisation Voice of Witness will Menschen eine Stimme geben …

Es ist immer eine einzelne Geschichte, die aus dem Lärm, der Ablenkung und dem Chaos hervordringt und Dinge verändern kann. Schwarze Männer werden in den USA seit Jahrhunderten von der Polizei getötet, aber dann taucht dieses eine Video vom Mord an George Floyd auf. Es ist die Geschichte eines einzigen Menschen. Ihn leiden und sterben zu sehen, hat endlich das Bewusstsein aller erschüttert und die Aufmerksamkeit des ganzen Landes auf dieses Thema gelenkt. Die Kraft des Individuums, des individuellen Leidens, der individuellen Erfahrung in einem ungerechten System kann Anstoß für Veränderung sein. Mit Voice of Witness wollen wir solche Erzählungen festhalten. Damit sie in unsere Geschichtsschreibung eingehen und diese Menschen nicht vergessen werden.

Tobias Oellig ist freier Reporter und Autor. Namentlich gekennzeichnete Beiträge geben nicht unbedingt die Meinung von Amnesty International oder der Redaktion wieder.

 

Zur Person: Dave Eggers

Der Mensch

Geboren 1970 in Boston und aufgewachsen im Mittleren Westen, wo er Journalismus studierte. Dave Eggers gehört zu den bekanntesten und politisch engagiertesten Autoren in den USA. Er lebt mit seiner Frau, die auch Journalistin und Autorin ist, und seinen zwei Kindern in der San Francisco Bay Area.

Der Schriftsteller

Dave Eggers gründete die Magazine Might und McSweeney’s und einen Verlag gleichen Namens. Sein erster ­Roman "Ein herzzerreißendes Werk von umwerfender Genialität" (Droemer Knaur Verlag, München 2001) wurde für den Pulitzer-Preis nominiert. Bekannt wurde er vor allem mit seinem Bestseller "The Circle" (Kiepenheuer & Witsch, Köln 2014) über die totale Überwachung, die von einem Internetkonzern ausgeht. Zu seinen weiteren Romanen zählen "Weit gegangen" (Kiepenheuer & Witsch, Köln 2008), "Zeitoun" (Kiepenheuer & Witsch, Köln 2011), "Der Mönch von Mokka" (Kiepenheuer & Witsch, Köln 2018), "Die Parade" (Kiepenheuer & Witsch, Köln 2020) sowie die Trump-Satire "Der größte Kapitän aller Zeiten" (Kiepenheuer & Witsch, Köln 2020).
 

Voice of Witness

Die von Eggers mitgegründete gemeinnützige Organisation Voice of Witness verlegt ausgewählte, mündlich überlieferte Erfahrungsberichte von Menschen, die in den USA und auf der ganzen Welt von sozialer Ungerechtigkeit und Menschenrechtsverletzungen betroffen sind.

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