Amnesty Journal Vereinigte Staaten von Amerika 26. Juli 2018

Der erfundene Krieg

Auf einer Computeroberfläche steht infect_drive

Infiziertes Laufwerk. 2010 wurde das iranische Atomprogramm gehackt. Ein Akt des "Cyberwars"?

Der Politologe Thomas Rid widerspricht in seinem Buch "Mythos Cyberwar" der Behauptung, es gebe einen digitalen Krieg. Hackern gehe es vielmehr um Sabotage oder Spionage.

Von Maik Söhler

Es war wieder einmal soweit: Kurz nachdem die USA, Großbritannien und Frankreich im April Luftangriffe flogen, um das mutmaßliche Chemiewaffenarsenal des syrischen Diktators Baschar al-Assad zu zerstören, beklagten die Regierungen in ­Washington und London digitale ­Angriffe auf staatliche Stellen und Internetprovider. Hacker aus Russland, dem wichtigsten Verbündeten Syriens, stehen seither im Verdacht, gezielt staat­liche Netzwerke, Router, Weichen und Firewalls attackiert zu ­haben. Wenige Wochen zuvor war bekannt geworden, dass Außenstehende in einen Teil des deutschen Regierungsnetzes eingedrungen waren, auch hier fiel der Verdacht auf Russland. Andere europäische Staaten haben in den vergangenen Jahren ähnliche Erfahrungen gemacht.

Jedes Mal sprachen einige Politiker und Militärs von einer digitalen Kriegsführung, mahnten mehr Schutz an und wollten die entsprechende Aufrüstung vorantreiben, um besser gegen Angriffe gewappnet zu sein. In diesem Zusammenhang ist das nun erstmals ins Deutsche übersetzte Standardwerk "Mythos Cyberwar" (auf Englisch bereits 2013 erschienen) ein enorm ­hilfreiches Buch. Denn der Politologe Thomas Rid widerlegt auf mehr als 350 Seiten kenntnisreich sämtliche Argumente von ­Politik, Militär und Geheimdiensten, die das Wort "Krieg" bemühen, um ihre Etats aufstocken zu lassen.

"Es hat in der Vergangenheit keinen Cyberkrieg gegeben, es findet gegenwärtig keiner statt, und es ist überaus wahrscheinlich, dass auch in Zukunft keiner über uns hereinbrechen wird", schreibt Rid, der als Professor für Strategische Studien an der Johns-Hopkins-Universität in Washington, DC, arbeitet. Und in der Tat kann keines der von Rid aus der internationalen Debatte gepflückten Argumente der Befürworter eines "Cyberkrieges" den strengen Kategorien genügen, die sich Rid aus den Klassikern der Militär- und Staatstheorie leiht, um zu begründen, was genau einen Krieg samt Angriff und Verteidigung ausmacht.

Rid nimmt digitale Angriffe durchaus ernst, nur eben nicht als Akt des Krieges, sondern als Akte der Spionage, der Sabotage und der Subversion mit jeweils neuen Mitteln. Digitale Spionage kann von Staaten eingesetzt werden, um aus Regierungsnetzwerken Informationen herauszufiltern. Auch Wirtschaftsspionage ist weit verbreitet, um Wettbewerbsvorteile zu sichern oder

-nachteile zu beseitigen. Den wohl am häufigsten mit einem "Cyberwar" in Verbindung gebrachten Angriff – Stuxnet, bei dem im Jahr 2010 Teile der digitalen Infrastruktur des iranischen Atomprogramms unbrauchbar gemacht wurden – ordnet der Autor völlig korrekt dem Bereich der Sabotage zu. Subversion wiederum ist überall dort zu beobachten, wo bei politischen Konflikten oder Aufständen digital gesteuerte propagandistische Botschaften oder Kampagnen zu vernehmen sind.

Die Debatte um digitale Angriffe und Verteidigung wird wegen ihrer technischen Details von vielen gemieden. "Mythos Cyberwar" bietet Abhilfe. Das Buch ist sowohl für Einsteiger als auch für Leser mit Vorkenntnissen bestens geeignet, weil es wichtige Kenntnisse plastisch vermittelt und zentrale Argumente übersichtlich strukturiert.

Thomas Rid: Mythos Cyberwar. Aus dem Englischen von Bettina Engels und Michael Adrian. Edition Körber, Hamburg 2018. 352 Seiten, 18 Euro.

Buchtipps

Rassistische Macht

Ein kleines Buch von nur wenig mehr als 100 Seiten widmet sich einem großen Thema und bekommt es mit Nonchalance in den Griff. 2016 hielt die US-Schriftstellerin und Literaturnobelpreisträgerin Toni Morrison mehrere Vorträge über "die Literatur der Zugehörigkeit" an der Harvard University. Daraus ist das Buch "Die Herkunft der anderen" entstanden, das sich sämtlichen Formen des Rassismus gegenüber Schwarzen in den USA in den vergangenen 250 Jahren widmet – angefangen von der Sklaverei über Lynchmorde bis zum heutigen "Racial Profiling" und der Alltagsdiskriminierung. Dabei interessieren Morrison weniger die Erscheinungsebenen des Rassismus als vielmehr das, was Angehörige der weißen Mehrheitsgesellschaft umtreibt, wenn sie diskriminieren oder sogar töten. Die Schriftstellerin zitiert den US-Politologen Bruce Baum mit dem Satz: "Rasse ist, kurzgefasst, nichts anderes als eine Auswirkung von Macht" und vertieft diesen Gedanken an vielen Beispielen wie der US-­Einwanderergesellschaft, in der das Privileg, weiß zu sein, bis heute kaum hinterfragt wird und an gängigen Rechts­normen, die einen Opportunismus schwarzer US-Bürger ­erzwingen. Viele Neuerscheinungen der sogenannten Critical-­Whiteness-Forschung bleiben bei der Beschreibung des Rassismus im Ungefähren. Im Gegensatz dazu besticht dieses Sachbuch durch seine Präzision.

Toni Morrison: Die Herkunft der anderen. Aus dem ­Englischen von Thomas Piltz. Rowohlt, Reinbek bei Hamburg 2018. 112 Seiten, 16 Euro.

Flüchtiger Aufstand

"Sehen wir noch etwas ineinander, außer der Erinnerung an unser Scheitern?", fragt sich Khalid, der Protagonist von Omar Robert Hamiltons Roman "Stadt der Rebellion". Die Entwicklungen nach den Massenprotesten in Kairo im Jahr 2011 haben nicht nur dazu geführt, dass sich die revolutionären Absichten des jungen Mannes in nichts aufgelöst haben, auch seine Liebesbeziehung zu Mariam steht auf der Kippe. In seinem Debütroman zeichnet der Autor aus der Sicht der Aufständischen nach, wie die Proteste ihren Anfang nahmen, wie sie zum Sturz des Despoten Husni Mubarak führten, wie Mohammed Mursi und die Muslimbrüder die folgende Wahl gewannen, wie Mursi kurz darauf vom Militär gestürzt wurde und sich die Herrschaft von General Abdel Fatah al-Sisi festigte. Hamiltons Figuren wollen all das nicht. Sie träumen von einer Revolution, diskutieren Demokratie, Liberalismus, Anarchie und neue Formen des Zusammenlebens. Dabei nutzen sie die modernen medialen Möglichkeiten – sie drehen Filme, nehmen Podcasts auf und informieren via YouTube, Twitter und Facebook. Und doch müssen sie dabei zusehen, wie ihre "digitale Stadt" zu einer Metropole "der gefilterten Kontrolle" wird, in der Festnahmen, Folter, sexuelle Gewalt und Mord an der Tagesordnung sind. "Stadt der Rebellion" ist ein sympathisch-temporeiches Buch über die Flüchtigkeit des Aufstands in Ägypten.

Omar Robert Hamilton: Stadt der Rebellion. Aus dem Englischen von Brigitte Walitzek. Wagenbach, Berlin 2018. 320 Seiten, 24 Euro.

Unsichtbare Arbeitskämpfe

Sozialistische Staaten schützen, dem Namen und oft auch der Verfassung nach, die Interessen ihrer Arbeiter in besonderem Maße. Und so ist es immer wieder interessant, wenn aus solchen Staaten Informationen nach außen dringen, die vom exakten Gegenteil künden. Miserable Arbeitsbedingungen, ausbeuterische und unterbezahlte Arbeit sowie eine hohe ­Suizidrate sind aus der chinesischen Elektronikindustrie bekannt. Ähnliches, wenn auch ohne Suizide, gilt für die chinesische Autoindustrie, wenn man der neuen Studie "Arbeitskämpfe in Chinas Autofabriken" der Soziologieprofessorin Zhang Lu aus den USA folgt. Auf der Grundlage ihrer Dissertation hat die Soziologin in den Jahren 2004 bis 2011 "Arbeitsverhältnisse und Arbeiterwiderstand" in diversen Autofabriken in China untersucht. Sie konnte als Forscherin vor Ort mit Managern, Politkadern, Gewerkschaftern und Arbeitern sprechen. Herausgekommen ist ein empirisch hervorragend abgesichertes Buch, das vor allem die Spaltung der chinesischen Arbeiterschaft in Festangestellte und schlechter gestellte Zeitarbeiter sowie noch schlechter gestellte Praktikanten beschreibt. Und doch: Widerstand in Form von wilden Streiks ist möglich; je geschlossener sich die Arbeiterschaft gegen Ausbeutung, Spaltung und für höhere Löhne einsetzt, desto mehr Erfolg ist ihr beschieden.

Zhang Lu: Arbeitskämpfe in Chinas Autofabriken. Aus dem Englischen von Ralf Ruckus. Mandelbaum, Wien 2018. 436 Seiten, 20 Euro.

Mandelas Magie

"Nur wenige haben ein so großes Verlangen nach Freiheit, dass sie dafür unter Einsatz ihres Lebens kämpfen, ihre Gesundheit gefährden, gefürchteten Autoritäten widersprechen, Zivilcourage zeigen oder Nachteile – bei der Karriere, der Versorgung von Gütern, dem Zugang zur Bildung – in Kauf nehmen." Nelson Mandela zählte zweifellos zu jenen wenigen, von denen Christian Nürnberger hier spricht. Anlässlich des 100. Geburtstags Mandelas spürt der Autor, der für seine Sachbuchreihe "Mutige Menschen" mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichnet wurde, dem südafrikanischen Freiheitskämpfer nach. Auf knapp 30 Seiten gelingt es ihm, ein eindringliches Bild von Mandela, dessen Lebensweg, Überzeugungen und Willenskraft zu zeichnen. Ergänzt wird seine biografische Erzählung durch die Ausführungen des Politologen und Südafrikakenners Stephan Kaußen: Auch für jüngere Leser leicht verständlich verortet er Mandelas Vermächtnis im heutigen "neuen Südafrika", bettet dessen Wirken in den weltpolitischen Rahmen ein und versucht, die "Madiba Magic", die "spezielle Aura dieses Nelson Mandela, seinen regelrecht vorgelebten Humanismus" greifbar zu machen. Der facettenreiche Blick, der auch das berücksichtigt, was nicht im Sinne Mandelas verwirklicht wurde oder werden konnte, lässt dessen Größe erkennen und die Faszination verstehen, die auch fast fünf Jahre nach seinem Tod noch von ihm ausgeht.

Christian Nürnberger, Stephan Kaußen: Nelson Mandela. Gabriel, Stuttgart 2018. 112 Seiten, 12,99 Euro. Ab 13 Jahren.

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