Amnesty Journal Syrien 14. Januar 2020

"Die Geschichten dieser Menschen werde ich nie vergessen"

Junge Frau mit braunen Haaren lächelt in die Kamera.

Die Amnesty Researcherin Diana Semaan in Berlin im Oktober 2019.

Interview: Nicolina Zimmermann

Sie beschäftigen sich täglich mit grausamen Kriegsverbrechen in Syrien.
Wie verarbeiten Sie das?

Zu Beginn war vor allem die Auswertung von Fotos und ­Videos sehr schwierig für mich. Auf den Bildern sind unterschiedliche Menschen zu sehen, doch ihre Geschichten sind alle gleich: Menschen werden verletzt und getötet, Familien zerstört. Ab einem gewissen Punkt lässt die Intensität dieser Bilder aber nach. Ich sehe es als Teil meiner Arbeit an, die erledigt werden muss. Das macht es zumindest etwas leichter. Dennoch gibt es etliche Menschen, deren Geschichten mich auf eine Art und Weise berührt haben, dass ich sie für den Rest meines Lebens nicht vergessen werde. Ganz besonders betroffen bin ich von Fällen, bei denen Familien nach ihren Angehörigen suchen, die verschleppt wurden und seit Jahren "verschwunden" sind.

Worin besteht Ihre Arbeit sonst noch?

Ich dokumentiere Menschenrechtsverletzungen in Syrien, um mit diesen Informationen Material für Kampagnen- und Lobbyarbeit herzustellen. Dafür spreche ich mit Menschen innerhalb und außerhalb Syriens – mit Geflohenen, mit Familien von Betroffenen und mit Menschen, die vor Ort waren und das Geschehen mit eigenen Augen gesehen haben. Weil mir die syrische Regierung keinen Zugang zu Syrien erlaubt, kann ich lediglich über WhatsApp und andere Kommunikationsdienste mit Menschen in Syrien sprechen.

Wie stellen Sie sicher, dass die Informationen korrekt sind?

Amnesty hat sehr strenge Richtlinien für die Auswertung von Informationen. Jede Information, die an uns herangetragen wird, wird überprüft. Dafür gibt es verschiedene Wege. Amnesty hat zum Beispiel ein spezielles Team von Fachleuten, das Digital-Corps-Team, das Bilder und Videos auswertet und auf Echtheit überprüft. Wir nutzen niemals nur eine Quelle.

Wie sind Sie zu Ihrer Arbeit als Syrien-Ermittlerin gekommen?

Ich wollte schon immer im Bereich Menschenrechte arbeiten, vor allem auf politischer Ebene. Dennoch habe ich mich zunächst für ein Studium der Betriebswirtschaft entschieden. Nachdem ich Erfahrungen in der Finanzbranche gesammelt hatte, beschloss ich, mein eigentliches Ziel zu verfolgen, und belegte im Masterstudium Kurse zum Thema Menschenrechte. ­Erste Erfahrungen konnte ich bei Human Rights Watch in Beirut sammeln. Nach etwa vier Jahren wechselte ich zu Amnesty.

Können Sie mit Ihrer Arbeit etwas bewirken?

Es ist grundsätzlich sehr schwierig, in einer akuten Krisensituation etwas zu bewirken. Und dennoch hat unser Engagement und das anderer Organisationen dazu beigetragen, dass weitere Gräueltaten verhindert wurden. Für mich ist jedoch das Wichtigste, dass wir als Organisation die Betroffenen unterstützen. Wir hören ihnen zu und tragen ihre Stimmen hinaus in die Welt.

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