Amnesty Journal 28. Juni 2021

"Warum sind wir immer noch bei WhatsApp?"

Ein Smartphone mit verschiedenen Social Media Apps, darunter WhatsApp, Instagram und Facebook.

"Netzwerkeffekt": Die Nutzung von sozialen Medien mit fragwürdigen Datenschutzbestimmungen bestimmt oft den Alltag.  

Soziale Medien verletzen häufig die Menschenrechte auf Informationsfreiheit, Privatsphäre, Versammlungs- und Vereinigungsfreiheit, informationelle Selbst­bestimmung und den Datenschutz: Kolumne von Markus N. Beeko, Generalsekretär der deutschen Amnesty-Sektion.

Eigentlich mag ich Elternabende. Es sind Gelegenheiten, wiedergutzumachen, dass ich mich zu wenig mit Lehrer_innen und anderen Eltern über den Schulalltag austausche. Zugegeben, als langjähriges Mitglied einer demokratisch verfassten Mitgliederorganisation wie Amnesty und als Teilnehmer von Sitzungen mit Behörden bin ich abgehärtet gegen die oft "erstaunlichen" Diskussionen auf Elternabenden, bei denen ich mich auch nur punktuell einmische. Bei einer Frage aber fällt mir ­Zurückhaltung schwer: die Nutzung von Messengerdiensten, Video­konferenzen usw. in Schule oder Verein. Da muss ich einfach die ­ketzerische Frage stellen: "Warum sind wir noch bei WhatsApp?"

Bei diesem Thema bin ich Querulant, seit die Berliner Datenschutzbeauftrage die Behörden aufforderte, die Nutzung von WhatsApp in Schulen zu unterlassen. Amnesty beschäftigt sich intensiv mit den ­Geschäftsmodellen von Facebook, Google & Co. Diese Firmen haben weitreichenden Einfluss auf die demokratische Willensbildung bis hin zu Wahlen, auf die Debattenkultur und auf Hassrede und Gewalt. Sie verletzen die Menschenrechte auf Informationsfreiheit, Privatsphäre, Versammlungs- und Vereinigungsfreiheit, informationelle Selbst­bestimmung und den Datenschutz. Diese Firmen erstellen nicht nur von Nutzer_innen ihrer Dienste umfangreiche Datenprofile, sondern von allen, die Apps, digitale Dienstleistungen oder Webseiten nutzen. Milliarden WhatsApp-Nutzer_innen übermitteln nicht nur ihre Kontakt- und Verbindungsdaten, sondern gleich ihr gesamtes Adressbuch. So besitzt Mark Zuckerberg ein weltweites Telefonbuch von Menschen, die diese Dienste gar nicht selbst nutzen und nie ihre Zustimmung zur Datenerfassung erteilt haben.

Viele Menschen verknüpfen mit Diensten wie WhatsApp zu Recht ein Unbehagen, obwohl sie aus ihrem Leben nicht wegzudenken sind. Knapp die Hälfte der Teilnehmer_innen einer Umfrage erklärte sich ­bereit, Geld zu zahlen, falls Facebook & Co. keine personalisierten ­Daten mehr sammelten. Seit WhatsApp die Zustimmung zu neuen ­Geschäftsbestimmungen verlangt, denken viele über einen Wechsel nach. Aber nur wenige wechseln tatsächlich zu alternativen verschlüsselten Messengerdiensten wie Signal, Threema oder Wire. Als Grund wird meist der "Netzwerkeffekt" angegeben. 75 Prozent sagen, dass "halt alle dort seien". Damit manifestiert sich Machtlosigkeit bei ­Menschen, die als Verbraucher_innen und Bürger_innen unabhängig und selbstbestimmt über ihre Daten entscheiden sollten.

Wenn wir uns entscheiden, in unseren Netzwerken unab­hängige und menschenrechtskonforme Dienste zu nutzen, entfällt der Gruppenzwang zu WhatsApp.

Markus N.
Beeko
Generalsekretär der deutschen Amnesty-Sektion

Der "Netzwerkeffekt" kann aber auch als "Netzwerkhebel" zur ­Befreiung genutzt werden. Wenn wir gemeinsam handeln, anstatt uns ohnmächtig zu fühlen. Da kommen Schule, Jugendarbeit und Vereine ins Spiel. Wenn wir uns entscheiden, in unseren Netzwerken unab­hängige und menschenrechtskonforme Dienste zu nutzen, entfällt der Gruppenzwang zu WhatsApp. Wenn alle Schüler_innen und ihre Freund_innen, Eltern, Großeltern, Lehrer_innen und Trainer_innen bei Alternativmessenger XYZ sind – dann ist das "the place to be". Wir könnten damit den Digitalkonzernen, die bislang wenig Respekt für die Menschenrechte gezeigt haben, beweisen, dass eine freie ­Gesellschaft unabhängiger, selbstbestimmter Menschen noch handlungsfähig ist. Warum sind Sie immer noch bei WhatsApp?

Markus N. Beeko ist Generalsekretär der deutschen Amnesty-Sektion.

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